Warum braucht es Überflieger?

26.04.2022

500 Meter mit Max Jankowsky

Wo Funken in der Werkhalle sprühen und zum Abheben verhelfen.

Für unsere Rubrik „500 Meter mit ...“ hatten wir uns diesmal in einer Gießerei verabredet. Es wird wohl heiß werden. Funken werden fliegen. Diese Bilder im Kopf trafen wir Max Jankowsky, Geschäftsführer der Gießerei Lößnitz. Funken sahen wir, aber noch vieles mehr. Ob der Rundgang 500 Meter lang war, wissen wir nicht genau. GPS-Empfang gab es in der Werkhalle nicht. Und obwohl Max Jankowsky ein sehr bodenständiger Unternehmer ist, sind wir gedanklich weit abgehoben. Aber im positiven Sinne.

Unser Gespräch beginnt zunächst im Sitzen. In Max Jankowskys Büro. Im Hintergrund des Schreibtisches stehen die Flaggen von Europa, Sachsen und Deutschland. Ein Anblick, den man eher aus Bürgermeisterstuben gewohnt ist. Irgendetwas muss es damit auf sich haben. Doch dazu später mehr. Die Gießerei Lößnitz ist ein Betrieb, der fürs Erzgebirge typischer nicht sein könnte: Tradition seit 1849 im Gießerhandwerk, entstanden als nachgelagerte Industrie des Bergbaus, Familienbetrieb in dritter Generation.

Weltklasseautos werden hier im Erzgebirge geboren.

Wer denkt, man habe es hier mit einer „schmutzigen Branche“ zu tun, der irrt gewaltig. Die Gießerei steht mitten im Ort, umgeben von Grün, und hat hohe Akzeptanz bei den Lößnitzern: dank sehr hoher Umweltstandards. Die Kundenliste liest sich wie das Who is who der Automobilindustrie: Aston Martin, Bentley, BMW, Daimler, Lamborghini, Porsche. „Weltklasseautos werden hier im Erzgebirge geboren“, sagt Jankowsky stolz. Pro Auto brauche es Tausende Tonnen an Guss für Pressenwerkzeuge, mit denen sämtliche Karosserieteile geformt werden. Diese Gussteile werden in Lößnitz hergestellt und zum Beispiel in einem Werkzeugbaubetrieb – wie Porsche Werkzeugbau, Pockauer Werkzeugbau Oertel oder bei AWEBA Werkzeugbau in Aue – final bearbeitet.

Es gibt nur eine Handvoll Betriebe in ganz Deutschland, die dieses anspruchsvolle Marktsegment bedienen können.

Sein Großvater Karl Drechsel war damals Gießereileiter und hatte 1992 den Mut, gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Frank Kattermann den Betrieb von der Treuhandanstalt zu kaufen und rund 50 Mitarbeiter weiterzubeschäftigen. „Dessen Sohn Jörg Kattermann, Technischer Geschäftsführer, sitzt übrigens im Büro nebenan. Er ist mein Co-Pilot“, sagt Jankowsky und lässt uns gedanklich im Flugzeug sitzen. Doch wir bleiben noch eine Weile im Büro. Heute beschäftigt das Unternehmen 85 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Wir haben uns zu einem der führenden Gießereibetriebe im Pressenwerkzeugbau entwickelt. Es gibt nur eine Handvoll Betriebe in ganz Deutschland, die dieses anspruchsvolle Marktsegment bedienen können. Jeder OEM kennt uns.“

Die Leute im Erzgebirge hätten längst bewiesen, dass sie den Willen, die Fähigkeiten und die Motivation haben, spitze zu sein. Die Kumpelmentalität half, die Nachwendekrisen zu überwinden. Dabei war die Zukunft vollkommen offen. Niemand wusste, wie sich Ostdeutschland entwickeln würde. Jankowskys Großvater erkannte die Trends zur Individualisierung und Modellvielfalt in der Autobranche. Er stellte die Produktion der Gussformen von Holzmodellen auf Styropor um. Damit konnte man in Zukunft im Vollformguss jede individuelle Form abbilden, kostengünstig und vollautomatisch mit Fräsen herstellen.

Der Gießer ist im besten Sinne auch ein Künstler. Kunst kommt von Können, sagt man ja.

Damit wir besser verstehen, wovon Max Jankowsky spricht, machen wir uns auf den Weg durch Formenbau und Gießerei. Mit Begeisterung spricht er von seinem Team: „Ich bin fasziniert von den Menschen im Erzgebirge, vor allem von der Leidenschaft, mit der sie an ihre Arbeit gehen. Wir haben Kolleginnen und Kollegen, die arbeiten in dritter oder gar vierter Generation bei uns.“

Die Gießerei Lößnitz versteht sich als Manufaktur. Jedes Gussprodukt sei ein Unikat, erklärt Jankowsky: „Nahezu jedes Auto hat nur einen Werkzeugsatz. Egal, wo sie einen Porsche auf der Welt fahren sehen, seine Karosserie wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit mit unserem Gusswerkzeug gepresst.“ Das Team identifiziert sich sehr stark mit seinen einmaligen Produkten und was sie herstellen.

Egal, wo sie einen Porsche auf der Welt fahren sehen, seine Karosserie wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit mit unserem Gusswerkzeug gepresst.

Autodesigner können eine besonders markante Karosserieform am Computer kreieren. Aber es muss Leute wie hier in Lößnitz geben, die in der Lage sind, das auch im Handwerk des Formenbaus perfekt umzusetzen. „Der Gießer ist im besten Sinne auch ein Künstler. Kunst kommt von Können, sagt man ja.“ Als wir am Kupolofen stehen und auf den nächsten Abguss warten, wird uns heiß. Man spürt, hier werden enorme Energiemengen gebraucht. Die Gießereibranche ist in ihrem Erfolg abhängig von den Weichenstellungen in der Energiepolitik. Max Jankowsky verfolgt die Diskussionen um die Energiewende und die CO2-Bepreisung sehr genau. Die Preisentwicklung bei Strom, Steinkohlenkoks und Roheisen ist für ihn einer der größten Unwägbarkeiten in der Zukunft.

Und nun hebt Max Jankowsky gedanklich mit uns ab, um uns mehr Überblick über das Thema zu geben. „Je teurer Energie und Rohstoffe durch Umweltgesetzgebung werden, umso schwieriger wird es, eine Gießerei in Deutschland zu betreiben.“ Nur wenige Menschen hielten sich vor Augen, dass in jedem Windrad an zentraler Stelle, zum Beispiel in der Rotorlagerung, auch Gießereiprodukte stecken. „Die Gießereibranche ist eine Schlüsselindustrie für alles, was sich dreht. Und diese Industrie brauchen wir hier im Land – auch für die Realisierung der Energiewende.“

In Europa wird sehr viel über Deutschland gesprochen. In Deutschland wird mir aber zu wenig über Europa gesprochen.

Hier in der Gießerei Lößnitz ist man selbst Vorreiter in der Energiewende. Seit 2020 hat sie den zertifizierten Status der Klimaneutralität erreicht. Sein Statement ist klar: „Ja, wir sind bereit für die Energiewende und den damit verbundenen Strukturwandel der Industrie. Aber bei jedem Schritt gilt es, einen Kompromiss zu finden, der die Betriebe leben lässt und die Menschen mitnimmt.“

Ja, wir sind bereit für die Energiewende und den damit verbundenen Strukturwandel der Industrie.

Mit jedem Schritt durch die Gießerei steigen wir in unseren Gedanken weiter auf. Wir gewinnen nicht nur Einblicke in ein erzgebirgisches Unternehmen, sondern halten im Überflug Ausschau auf Deutschland, Europa und die Welt. Bei der Energiepolitik könne Deutschland nicht allein agieren, lernen wir vom überzeugten Europäer Jankowsky, sondern müsse im europäischen Kontext verankert werden. Es brauche den internationalen Blick, wolle man im globalen Wettbewerb erfolgreich sein: „In Europa wird sehr viel über Deutschland gesprochen. In Deutschland wird mir aber zu wenig über Europa gesprochen.“ Das Erfolgsmodell des EU-Binnenmarktes mit gleichen Bedingungen für alle Volkswirtschaften sei wichtig für das Überleben des Mittelstandes im Erzgebirge.

An dieser Stelle wird uns bewusst: Es hilft wenig, wenn sich Energiepreise in den Nationen so unterschiedlich entwickeln. Deutschland ist inzwischen Preisspitzenreiter bei Energiepreisen – eine Fehlentwicklung, so Jankowsky. In Italien, Spanien und der Türkei etabliere sich aufgrund des Preisgefälles eine starke Konkurrenz. „Ich möchte unsere Branche gerne in Deutschland halten. Alle unsere Standards sind besser: Qualität, Arbeitssicherheit, Umweltschutz.“

Wir im Mittelstand sind keine Zukunftsverweigerer, sondern wir sind Zukunftsermöglicher.

Max Jankowsky engagiert sich für eine vernünftige Energiewende. Er ist Mitglied im Ausschuss für Umwelt und Energie des DIHK – Deutschen Industrie und Handelskammertages in Berlin, der Dachorganisation aller IHK in Deutschland. „Leider wird die Interessenvertretung der Wirtschaft unter dem Reizwort Lobbyist nur negativ dargestellt. Wir im Mittelstand sind keine Zukunftsverweigerer, sondern wir sind Zukunftsermöglicher. Der Mittelstand bietet die meisten Ausbildungs- und Arbeitsplätze für junge Leute.“ Energiewende, Industrieumbau und gesellschaftlicher Wandel werden Zeit und kluge Konzepte brauchen, da ist sich Max Jankowsky sicher, mit ideologischen Schnellschüssen werde man scheitern.

GL Gießerei Lößnitz GmbH

Rudolf-Weber-Straße 89

08294 Lößnitz

Fon : +49 3771 37060

Email : info@giesserei-loessnitz.de

https://www.giesserei-loessnitz.de

Und dann plötzlich ergießen sich unweit von uns 20 Tonnen flüssiges Metall zischend und funkensprühend in die Gussform. „Wenn ich in kürzester Zeit unseren Kupolofen vom Energieträger Koks auf Grünstrom umstellen wollte, wäre das nicht möglich, da die Stadt Lößnitz derzeit gar kein Stromnetz hat, was mir von heute auf morgen 11 Millionen Kilowattstunden zusätzlich liefern könnte.“

Gleiches gelte für die Wasserstoff-Technologie, für die bisher jede Infrastruktur fehle. „Ich finde es gut, dass sich wieder mehr junge Leute politisch engagieren, auch bei Fridays for Future. Aber die Anliegen der jungen Generation, welcher ich auch noch angehöre, sollten in vernünftige Politik umgesetzt werden, die nicht die industrielle Lebensbasis Deutschlands zerstört.“

Max Jankowsky fängt unsere Gedanken wieder ein. Wir kehren thematisch in die Region zurück, fliegen wieder mehr auf Sichtkontakt. Globales Handeln beim Umweltschutz beginnt für ihn lokal, ganz konkret vor Ort in Lößnitz. Ökologie lasse sich nicht allein auf die CO2-Frage reduzieren, wie das häufig in Medien und Politik geschehe. Beim Rundgang stoppen wir auch an der Entstaubungsanlage. Mit der fünf Millionen Euro teuren Investition lässt sich pro Tag eine Tonne Staub aus der Abluft der Gießereihalle filtern.

Als Pilot habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen.

Weitere Beispiele für Nachhaltigkeit im Betrieb folgen. Die Abwärme des Kupolofens wird für Warmwasser und für die Heizung der Produktionshallen genutzt. Das Essen in der Kantine ist biologisch verträglich und regional erzeugt. Gemeinsam mit dem Fußballverein FC 1910 Lößnitz e.V. werden für jedes Saisontor zwei Bäume gepflanzt. Ein Bienenvolk fliegt in die Umgebung und produziert Honig für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Fliegen ist ein gutes Stichwort. Max Jankowsky erzählt uns nun, dass er einige Jahre in der Schweiz gelebt und eine Ausbildung zum Piloten gemacht hat. Dann entschied er sich 2014 dafür, in den Familienbetrieb zurückzukehren, studierte Wirtschaftsingenieurwesen an der BA Bautzen und Management Consulting an der Johannes-Gutenberg Universität in Mainz. Seit 2020 ist er Geschäftsführer in der Gießerei.

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Nun erklärt sich auch unser weiträumiger gedanklicher Überflug. „Als Pilot habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen.“ Am Wochenende fliegt er den größten Doppeldecker der Welt, eine Antonow AN-2, für den Fallschirmsportverein in Großrückerswalde bei Marienberg. Auch sein Gießerei-Team sieht er als Passagiere in einer Reisemaschine, die er auf Kurs halten muss. „Ich habe Ziele als Unternehmer wie als Pilot. Aber momentan sind die Sichtbedingungen sehr schlecht. Mir fehlt der klare Überblick, dass ich kaum sicher landen kann.“ Das stimmt uns nachdenklich, wenn einer spricht, der einen guten Überblick hat.

Für Max Jankowsky sind Bienenhonig, Baumpflanzungen und Biolandwirtschaft aber keine Naturromantik. Die Ökologie unserer Umwelt und die Energiefrage unserer mittelständischen Industrie sind komplex. Dafür braucht es fachlichen Überblick. Das begreift jeder, der mit ihm spricht. Eine nachhaltige Lebenshaltung braucht mehr als nur ideologisches Greenwashing. Deshalb leuchtet ein, dass es kluge, langfristige Maßnahmen in allen Bereichen braucht, an denen sich alle Menschen beteiligen können. Gestalten, nicht verbieten. Die eine große Lösung, die alle Probleme mit einem Male beseitigt, wird es wohl nicht geben.

Text: Carsten Schulz-Nötzold

Foto: Georg Ulrich Dostmann