Die Geschichte des Erzgebirges

Wenngleich es schon vorher einzelne Niederlassungen in der Erzgebirgsregion gab, bevölkerten erst mit den reichen Silbererzfunden im 12. Jahrhundert immer mehr Siedler das Gebiet. Der bis dahin als „Miriquidi“ benannte „Dunkel- bzw. Finsterwald“ bekam seinen heutigen Namen „Erzgebirge“. Von den über- und untertägigen Bergbauanlagen gingen bereits damals technologische und wissenschaftliche Errungenschaften in die ganze Welt hinaus. Der Bergbau-Boom neigte sich jedoch im 17. Jahrhundert zum Ende und die Menschen wandten sich anderen Erwerbsmöglichkeiten wie der Spitzenklöppelei, dem Posamentieren oder der Holzschnitzerei zu.

Die daraus entstandenen Traditionen, die handwerklichen Fähigkeiten, der Ideenreichtum, aber auch das Know-how aus der Bergbau-Folgeindustrie prägen die Region bis heute. So war und ist „Gedacht. Gemacht.“ das Motto der Erzgebirger. Die Menschen haben über Jahrhunderte gelernt, mit wenigen Mitteln zurechtzukommen und flexible Lösungen für Probleme zu finden: Aus der Region kamen Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten serienmäßig gefertigten Metallkarosserien für Pkw. Auch Maschinen zur Konservendosenherstellung, Teile für das größte Passagierflugzeug der Welt, die nachhaltige Forstwirtschaft, der FCKW-freie Kühlschrank oder einer der europäischen Marktführer zur Leiterplattenproduktion haben im Erzgebirge ihren Ursprung. Innovation hat hier Tradition.

Schon gewusst?

Die älteste Gießerei Deutschlands arbeitet seit 600 Jahren im Erzgebirge.

Die Geschichte des Eisenwerks Erla reicht über 600 Jahre zurück: 1380 wurde der „Hammer in der Erl“ erstmalig urkundlich erwähnt. Heute zählt das Unternehmen zu den leistungsfähigsten und modernsten Kundengießereien in Deutschland und produziert anspruchsvolle Gussteile.

Die Eisenhütte Erlahammer im Stadtgebiet von Schwarzenberg / © Montanregion Erzgebirge

Der Begriff „Nachhaltigkeit“ wurde im Erzgebirge begründet.

Der heutige Begriff der Nachhaltigkeit geht auf den Freiberger Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz zurück. Dieser begründete 1713 das Prinzip der forstwirtschaftlichen Nachhaltigkeit und forderte den respektvollen und pfleglichen Umgang mit der Natur und ihren Rohstoffen. Er kritisierte den auf kurzfristigen Gewinn ausgelegten Raubbau der Wälder, deren Holz intensiv in Erzgruben und Schmelzhütten, aber auch im Städtebau zum Einsatz kam.

Der Scheibenberger Wald / © Schmolle / Pixabay

Die älteste montanwissenschaftliche Hochschule der Welt steht im Erzgebirge.

1765 wurde mit der Kurfürstlich-Sächsischen Bergakademie zu Freiberg eine montanwissenschaftliche Bildungseinrichtung gegründet. Ziel war die Mehrung des Wissens über die Gewinnung, Auf- und Weiterverarbeitung von Rohstoffen. Die Hochschule entwickelte sich rasch zur führenden Bildungseinrichtung dieser Art und ist heute als TU Bergakademie Freiberg die älteste montanwissenschaftliche Hochschule der Welt.

Der Karl-Kegel-Bau der TU Bergakademie Freiberg / © TU Bergakademie Freiberg

Die Wiege des amerikanischen Dollars liegt im Erzgebirge.

Die ab 1520 in großer Anzahl im tschechischen Jáchymov geprägten Silbertaler fanden ihren Weg ins Ausland, hauptsächlich über den Leipziger Handelsmarkt. Sie beeinflussten zusammen mit dem sächsischen Guldengroschen die Entwicklung des neuzeitlichen europäischen Währungssystems. Im 18. Jahrhundert war der „Joachimstaler“ auch auf dem amerikanischen Kontinent verbreitet. Der Name der weltweit bekanntesten Währung, des 1775 eingeführten Dollars, lässt sich vom Thaler ableiten – insbesondere wenn man hört, wie Erzgebirger das Wort aussprechen.

Königliche Münze in Jáchymov (Joachimsthal) / © Lubomír Zeman

Die wichtigste Zutat für die Herstellung des Meißner Porzellans kam aus dem Erzgebirge.

Die Grundlage zur Erzeugung des „weißen Goldes“ wurde im Erzgebirge gefördert: Kaolin aus Aue eignete sich ausgezeichnet zur hochwertigen Porzellanherstellung, sodass die Weißerdenzeche am Heidelsberg alleiniger Lieferant für die Porzellanmanufaktur Meißen wurde. Das erzgebirgische Kaolin durfte durch kurfürstliches Mandat nirgendwo andershin geliefert werden.  

Weißerdenzeche am Heidelsberg in Aue. / © Montanregion Erzgebirge

Ohne das Erzgebirge würde es wahrscheinlich kein Münchner Hofbräuhaus geben.

Der bayrische Herzog Wilhelm V. bezog das Bier für den gesamten herzoglichen Hof vorwiegend aus Zschopau, da es von ausgezeichneter Güte war. Die Transportkosten belasteten aber den Haushalt erheblich. So beschloss er, ein eigenes Brauhaus zu erbauen – das Hofbräuhaus München wurde gegründet.

Die Entstehung des Erzgebirges

Für die Entstehung der heutigen Mittelgebirgslandschaft und die typischen Bergketten entlang der deutsch-tschechischen Grenze sind vorwiegend zwei geologische Prozesse verantwortlich. Dabei reicht die Entstehungsgeschichte der ersten Gebirgsbildung bis in den Karbon (vor 350 bis 250 Millionen Jahren) im Erdzeitalter des Jungpaläozoikum zurück: Zu dieser Zeit wurden die Gesteine des Erzgebirges verfaltet und dutzende Kilometer der Erdkruste schoben sich auf nur wenige Kilometer zusammen. Es entstand das variszische Gebirge, in dem Gneise, Glimmerschiefer oder Phyllite lagerten. In diese aufgestapelte Gebirgsdecke drang durch vulkanische Vorgänge Magma aus dem Erdinneren ein – so entstanden Granite und Rhyolite, die heute noch in ganz Sachsen zu finden sind. In jener Zeit liegen zudem die Ursprünge der Erzlagerstätten. In den folgenden Jahrmillionen wurde das variszische Gebirge zunehmend durch Erosion, also physikalische und chemische Verwitterungsprozesse, eingeebnet.

Vor 80 bis etwa 15 Millionen Jahren fand die zweite Gebirgsbildung statt. Afrika verschob kleinere Mikroplatten gegen Europa. Infolgedessen erfuhr der Nordrand der böhmischen Masse mehrere Einengungs- und Dehnungsphasen. Die europäische Kruste zerbrach und bildete unter anderem Pultschollen: Das Erzgebirge wurde dabei nach Norden angekippt und der Egergraben eingesenkt. Die typische Pultschollenform kennzeichnet das Erzgebirge noch heute, mit einem sanften Nord-Süd-Anstieg und einem steilen Südabfall in Richtung Egergraben.

Mit dem späteren Zerbrechen der mitteleuropäischen Kruste konnte Magma emporsteigen, das heute noch als Basalt, z. B. an den Basaltsäulen am Scheibenberg sichtbar ist.

Im Laufe der Zeit setzte wieder Erosion ein: Die Hochflächen wurden stark abgetragen, die Täler allerdings nur geringfügig, da hier sehr witterungsbeständige Basalte lagerten. Aus Tälern wurden Berge – z. B. der Pöhlberg oder der Bärenstein – und aus Bergen Täler.

Der Bergbau im Erzgebirge

Als im Jahr 1168 die ersten Silbererze in der Umgebung von Christiansdorf, dem heutigen Freiberg, gefunden wurden, folgten dem „ersten Berggeschrey“ zahlreiche Bergleute, Händler, Köhler und Abenteurer. Das Erzgebirge entwickelte sich schnell zu einem bedeutenden Erzlieferanten, der Bergbau boomte.

Im Laufe der folgenden Jahrhunderte erfasste der Bergbau die gesamte Region und führte zur Gründung zahlreicher Bergstädte und -siedlungen auf sächsischer und böhmischer Seite des Erzgebirges.  Gleichzeitig setzte eine Industrialisierung ein, wie sie nur selten in Gebirgsregionen zu finden ist. Der Abbau von Silber und Zinn, aber auch von Arsen, Blei, Eisen, Kobalt, Nickel, Uran, Wismut, Wolfram und Zink gehörte lange zu den wichtigsten Erwerbszweigen der Erzgebirger. Bald schufen bedeutende Handelsstraßen wirtschaftliche Verbindungen zwischen Annaberg, Dresden und Böhmen.

Nachdem der Zenit des Bergbaus im 17. Jahrhundert überschritten war, mussten sich die Menschen nach und nach andere Erwerbsmöglichkeiten suchen. Die Spitzenklöppelei, das Posamentieren und die Holzschnitzerei sollten fortan den Broterwerb sichern. Ab etwa 1770 erlebte die Bergbauproduktion einen erneuten Aufschwung. Der Abbau ärmerer Erze erreichte zwar nicht mehr die Ausbeute wie im 16. Jahrhundert. Aber die Gründung der Bergakademie in Freiberg im Jahr 1765 setzte grundlegende neue wissenschaftliche und technologische Impulse, die schließlich den Übergang in das Industriezeitalter ermöglichten.

Bis heute hat der Bergbau im Erzgebirge im Verlauf der Jahrhunderte wiederholt Auf- und Niedergänge gesehen. Mit der Schließung der Uranbergwerke und der letzten Zinnbergwerke um 1990/91 wurde der Bergbau weitgehend eingestellt. Weltweit steigende Rohstoffpreise führten in jüngster Zeit allerdings zu neuen Erkundungen von Lagerstätten; die Eröffnung neuer Bergwerke ist geplant.

Im Erzgebirge entwickelten sich besonders aus dem Bergbau und den damit verbundenen Verarbeitungsgewerken neue Gewerbe und Industrien, die bis heute die Wirtschaftsstruktur prägen. Die Region verfügt über eine der höchsten Industriedichten in Sachsen. Viele kleine und mittlere Unternehmen der Bergbaufolgeindustrien (Metall-, Elektro-, Automobil-, Kunststoff- und Papierbranche etc.) haben ihre Wurzeln weit in der Vergangenheit, andere haben sich nach 1990 im Erzgebirge angesiedelt. Das Erfolgsrezept, das seit den Anfängen des Bergbaus Bestand hat, ist eine Kombination aus hochqualifizierten, engagierten Mitarbeitern und innovativen Ideen.

Die Montanregion Erzgebirge auf dem Weg zum UNESCO-Welterbe

Das Montanwesen war über Jahrhunderte der Motor für die Entwicklung des Erzgebirges beiderseits der deutsch-tschechischen Grenze. Über 800 Jahre Bergbau haben Land und Leute sowie die Kultur der Region nachhaltig geprägt und eine im internationalen Vergleich bedeutende montane Kulturlandschaft hervorgebracht.

Noch heute ist der Einfluss des Bergbaus in vielen Bereichen des täglichen Lebens zu spüren. Davon zeugen nicht nur eine Vielzahl erhaltener Montandenkmale und -landschaften, sondern auch die im Montanwesen wurzelnde lebendige Pflege von Kunsthandwerk, Brauchtum und Tradition.

Seit 1998 steht die „Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří“ auf Vorschlag der sächsischen Landesregierung deshalb auf der Welterbe-Warteliste der deutschen UNESCO-Kommission. Im Frühjahr 2014 wurde der von der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechischen Republik unterzeichnete Antrag an das Welterbezentrum der UNESCO in Paris übermittelt. Der Internationale Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) regte eine Präzisierung der Unterlagen an, um die Chancen für eine erfolgreiche Einschreibung in die Welterbeliste zu verbessern. Folglich wurde der Antrag zurückgezogen, weiter qualifiziert und im Januar 2018 erneut bei der UNESCO eingereicht.

Warum Welterbe? Über 800 Jahre Innovation und Tradition!

Mit den ersten Silberfunden und dem damit verbundenen Bergbau- und Hüttenwesen setzte im Erzgebirge eine tiefgreifende und nachhaltige Entwicklung ein. Zahlreiche technische Denkmale über und unter Tage zeugen von den herausragenden Leistungen der über 800-jährigen Bergbaugeschichte.

Gleichzeitig entwickelten sich als Bergbau-Folgeindustrien völlig neue Industriezweige wie die Textil-, Papier- oder Holzspielwarenindustrie, die zu wichtigen Impuls- und Arbeitgebern wurden. Viele Unternehmen im Erzgebirge verweisen mit Stolz auf ihre Wurzeln, die bis in diese Zeit zurückreichen. Auch das „erzgebirgische“ Lebensgefühl fußt im Bergbau und ist heute in der lebendigen Pflege von Kunsthandwerk, Brauchtum und Tradition spürbar.

Welche Chancen bieten sich mit dem Welterbetitel?

Der UNESCO-Welterbetitel ist international bekannt und genießt sehr hohes Ansehen. Vor allem die Tourismuswirtschaft wird durch den Titel direkt profitieren. Gleichzeitig sind zwei weitere Aspekte maßgebend: Der Welterbetitel bringt einen erheblichen Imagegewinn für die Region mit sich und wirkt sich positiv auf das Zugehörigkeitsgefühl sowie die regionale Identität der Bevölkerung aus. Beide Sachverhalte spielen eine große Rolle, wenn es um die Zukunftsfähigkeit der Region geht. Identitätsstiftung ist auch ein Weg, um gut ausgebildete Menschen am Standort Erzgebirge zu halten.

 

Wer steckt hinter dem Projekt „Welterbe Erzgebirge“?

Der Welterbe Montanregion Erzgebirge e. V. ist seit 2016 der Trägerverein der Welterbe-Nominierung „Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří“ auf sächsischer Seite. Er setzt sich aus den Landkreisen Erzgebirgskreis, Mittelsachsen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sowie 32 Städten und Gemeinden der Region zusammen. Die Wirtschaftsförderung Erzgebirge GmbH ist vom Welterbeverein mit der Projektsteuerung des UNESCO-Welterbeprojekts beauftragt. Auf tschechischer Seite wird das Projekt durch die gemeinnützige Gesellschaft Montanregion Erzgebirge – Krušné Hory o.p.s. getragen. Darüber hinaus sind zahlreiche weitere Akteure aus Vereinen, Wirtschaft, Kultur, Institutionen und Gesellschaft eingebunden. Das UNESCO-Welterbeprojekt versteht sich damit als ganzheitliches „Bottom-up-Projekt“ einer gesamten Region.

Erzgebirgsgeschichte: FAQ

Wann und wie entstand das Erzgebirge?

Die Geschichte der ältesten Gesteine des Erzgebirges reicht etwa 570 Millionen Jahre zurück. Wesentlich geprägt wurde die Entstehung des Erzgebirges durch zwei Gebirgsbildungen: das variszische Gebirge (vor 350 bis 250 Millionen Jahren) und die Pultschollenbildung (vor 80 bis vor 15 Millionen Jahren).

siehe auch: „Die Entstehung des Erzgebirges“

Wer besiedelte das Erzgebirge?

Eigentlich sind alle Erzgebirger Zuwanderer: Die erste große Besiedlungswelle begann mit den Erzfunden im 12. Jahrhundert. Die damaligen Siedler stammten vorwiegend aus dem Main-Franken-Raum, was heute noch am Dialekt des Erzgebirges hörbar ist.

 

Was wurde im Erzgebirge abgebaut?

Zu den Rohstoffen, die im Erzgebirge abgebaut wurden, zählen Silber und Zinn, aber auch Arsen, Blei, Eisen, Kobalt, Nickel, Uran, Wismut, Wolfram und Zink. Zudem wird in der Region Europas größtes Lithiumvorkommen vermutet.

Wichtige vorkommende Gesteine sind zudem Glimmerschiefer, Phyllite und Granite, Basalt sowie Gneise und Quarzporphyr.

siehe auch: „Der Bergbau im Erzgebirge“