Meyer findet's cool

28.08.2018

Von einem Mann, der gerne sieht, wenn sich was dreht.

Jörn Meyer, Unternehmer, Flieger und Erzgebirger aus Marienberg, sprach mit Carsten Schulz-Nötzold über Heimat und Internationalität.

So, wie die Firmengeschichte von Meyer Drehtechnik beginnt, fangen fast alle Firmengeschichten im Erzgebirge an. Vielmehr fangen sie neu an, nach dem Mauerfall, in den frühen 1990er Jahren. Vater Manfred Meyer gründet 1994 in Scharfenstein eine Dreherei. 1999 übernehmen die beiden Söhne Daniel und Jörn. Der Betrieb wächst, sie errichten einen neuen Standort in Marienberg. Zum 1.1.2000 läuft die Produktion an. Was für ein Datum. Ein starkes Symbol für den zweiten Neubeginn mit den damals noch 18 Mitarbeitern. Wie gesagt, an dieser Geschichte ist auf den ersten Blick nichts Besonderes zu sehen. Auf den zweiten Blick schon.


Meyer Drehtechnik GmbH

Industriestraße 5

09496 Marienberg

Fon : +49 3735 / 9167-0

Email : info@meyer-drehtechnik.de

meyer-drehtechnik.de

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Denn inzwischen sind 190 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier beschäftigt. 2015 wurden die Brüder Meyer zu Sachsens Unternehmern des Jahres gekürt. Wirtschaftliche Erfolgsgeschichte gepaart mit sozialem Engagement, so die Begründung der Jury. Ihr Brot verdienen sie mit der Fertigung von Dreh-teilen aus Stahl, Aluminium und Messing in Großserien. Zu 90 Prozent fertigt der Betrieb für die Automobilindustrie, auch Teile für Verbrennungsmotoren. Innovationen in der Mobilität stehen die Meyers aufgeschlossen gegenüber. Jörn Meyer geht fest davon aus, dass die E-Mobilität und andere Antriebskonzepte kommen, aber sicher nicht so schnell und radikal, wie jetzt in den Medien und in der Politik diskutiert werde. Zu viele technische Fragen seien noch offen: „Durch die überzogene Diskussion wird viel Angst geschürt. Das verunsichert doch Mitarbeiter. Ich sehe das mittlerweile entspannter, sage meinen Mitarbeitern, dass wir uns im Unternehmen gemeinsam gründlich darauf vorbereiten, um den Wandel gut zu gestalten.“

Meyer Drehtechnik GmbH (Foto: Haus-E) / © Foto: Haus-E
Meyer Drehtechnik GmbH (Foto: Haus-E) / © Foto: Haus-E
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Meyer Drehtechnik GmbH (Foto: Haus-E) / © Foto: Haus-E
Meyer Drehtechnik GmbH (Foto: Haus-E) / © Foto: Haus-E
Meyer Drehtechnik GmbH (Foto: Haus-E) / © Foto: Haus-E

Beim Firmenrundgang bleibt Jörn Meyer als erstes vor einer Vitrine stehen. Darin liegt der uralte Hammer vom Großvater. Es war eines der ersten Werkzeuge, das aus den frühen Tagen der Firmengründung noch da ist. In drei Werkhallen wird rund um die Uhr produziert, eine weitere Halle ist für Logistik bestimmt. Vielfältig sind die Produktvarianten bei Material und Form. Die hochpräzise Fertigung läuft mit CNC-Maschinen, Einspindel- und Mehrspindelbearbeitungszentren. Qualitätskontrolle findet im eigenen 3D-Messlabor statt. Trotz hoher Automatisierung braucht es fachlich gute Leute. Auszubildende – Jungen wie Mädchen – lernen daher auch manuelle Grundfertigkeiten, wie Sägen, Bohren, Drehen und Fräsen. Familie, Heimat und Wirtschaft sind für Jörn Meyer untrennbar verbunden. Er sieht den Erzgebirgskreis gut aufgestellt, lobt zum Beispiel die niedrige Arbeitslosenrate, ein Spitzenwert in Sachsen. Firma und Mitarbeiter profitieren: „Wir haben eine gute Auftragslage.“ Meyer schwärmt darüber hinaus für die natürlichen Reize des Erzgebirges. Als leidenschaftlicher Flieger mit eigener Fluglizenz kennt er Städte, Wälder und Berge auch aus der Vogelperspektive. „Die Landschaft hier ist fantastisch, gerade jetzt im Herbst, diese Farben. Gestern war ich bei bestem Wetter mit dem Flugzeug und Journalisten vom Regional-Fernsehen Mittelerzgebirge unterwegs – das war einfach grandios“, schwärmt er.



40 Millionen Teile im Jahr verlassen das Werk. Dabei werden über 4.000 Tonnen Stahl verarbeitet. Wie beim Thema Mobi-lität ist auch beim Thema Rohstoffe alles in Bewegung geraten. Die weltweite Monopolisierung im Stahlmarkt ist ein Risiko. Preise und Lieferbedingungen geraten unter den Einfluss der riesigen chinesischen Stahlproduzenten, was den ganzen Markt beeinflusst. „Hier muss man cool bleiben. Wir setzen auf gute Partnerschaft mit unseren Lieferanten. Bisher haben wir für jedes Problem eine Lösung gefunden.“ Um Herausforderungen erfolgreich zu meistern, setzen die Meyer-Brüder auf eine gute Unternehmenskultur. Hier im Unternehmen werde alles offen und ehrlich besprochen. Den Umgang mit seinem Team charakterisiert Jörn Meyer mit einem Satz: „Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehören zur Familie.“ Punkt. Die ganze Familie Meyer wurzelt seit Generationen tief im Erzgebirge. „Für mich persönlich spielt der Standortfaktor Heimat die größte Rolle. Hier, wo ich zu Hause bin, mich mit meiner Familie wohlfühle, kann ich auch erfolgreich im Geschäft sein.“

Auch wenn er gelegentlich abhebt, ist Jörn Meyer doch sehr bodenständig. Er zündet sich eine Zigarette an, lehnt sich entspannt zurück. „Ich mag den Menschenschlag hier im Gebirge.“ Die Mentalität der Leute hier sei im Grundtenor kritisch und arbeitsam. Ersteres sei eine gute Eigenschaft, nicht zu allem immer sofort Ja zu sagen. Wenn es darauf ankommt, ziehen aber alle an einem Strang, und zwar kräftig.

Historisch betrachtet, so sagt Meyer, hätten die Menschen hier über Jahrhunderte unter schwersten Bedingungen gelebt. Sie haben dem Berg das Erz abgerungen, es verhüttet und Metallprodukte hergestellt. Das prägt tief: „Mit solchen Leuten kannst du echt was bewegen.“ Etwas mehr Selbstbewusstsein wünscht er sich noch für seine Landsleute. Man brauche sich nicht verstecken: „Ich fände es cool, wenn das Erzgebirge noch bekannter wäre, wenn sich die Vorzüge von Land und Mensch noch mehr herumsprechen würden. Wir dürfen das Erzgebirge nicht nur im Herzen tragen, sondern müssen es auch nach außen verkaufen.“ Es sei schon erstaunlich, resümiert er, was mit viel Arbeit in dem Vierteljahrhundert seit dem Mauerfall in Sachsen geschafft worden sei. „So müssen wir weitermachen. Ich finde Sachsen cool.“ Je mehr die Globalisierung und Internationalisierung voranschreitet, umso wichtiger wird wieder der Bezug zur Heimat. Das ist ein weltweiter Trend. Für die Identifikation spielen laut Meyer die Traditionen eine wichtige Rolle: das Weihnachtsland, die Holzschnitzerei, die Bräuche aus dem Bergbau. „Unsere Schwibbögen, die an Weihnachten in den Fenstern strahlen, sind einmalig auf der Welt“, betont Jörn Meyer. Ohne den Jahrhunderte währenden Bergbau, ohne die reichen Silber- und Erzfunde hätte es die Entwicklung Sachsens zum Industrieland so nicht gegeben. Da ist sich Meyer sicher. Ihm gefällt das Sprichwort, was hier in der Region geläufig ist: „Alles kommt vom Bergwerk her.“ Als Metallverarbeiter sieht er sich in direkter Traditionslinie der Vorfahren. Das sagt ja schon der Name der Region: Erz-Gebirge.

Magazin „Herzland“

Diese Gechichte wurde auch im Magazin „Herzland - Gedacht.Gemacht.Erzählt“. Hier kannst du das gesamte Magazin online lesen, als PDF herunterladen oder gedruckte Exemplare nach Hause bestellen.

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