/ © Mirko Hertel / Regionalmanagement Erzgebirge

Ein Mythos aus Dachshaar

04.06.2019

Für Hipster aktiv im Erzgebirge – warum Hundshübel der Mittelpunkt Berliner Rasurkultur ist.

Die Mühle Manufaktur stellt in dritter Generation hochwertige Accessoires für die Nassrasur her. Heute umweht die Produkte mit weltweitem Spitzenruf ein regelrechter Mythos. Doch worin liegt der begründet?

Rasurkultur aus Stützengrün

Ich bin auf dem Weg zur Mühle Manufaktur in Hundshübel. Einem dieser kleinen Orte, wie es sie oft im Erzgebirge gibt: Ortsteil der nächstgrößeren Ortschaft Stützengrün, etwa 1.000 Einwohner, Schule, Kirche, ein Bäcker, diverse Gewerbetreibende und Dienstleister. Meine Erwartungen sind zugegebenermaßen gedämpft.

Hans-Jürgen Müller GmbH & Co. KG

Hauptstraße 18

08328 Stützengrün

Fon : +49 37462 / 652-0

Email : info@muehle-shaving.com

www.muehle-shaving.com

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Umso größer ist meine Überraschung, als ich das Betriebsgelände der Manufaktur betrete. Ich stehe in einem Innenhof, umgeben von modernen Glasfronten. Links vor mir der Eingang, direkt daneben lädt ein Elektro-BMW. Der erste Eindruck setzt sich fort, als ich den Marken-Store im Eingangsbereich betrete. Eingerichtet mit viel Glas, hellem Naturholz und Aluminium kommen die ausgestellten Produkte zur Geltung. Rasierpinsel und Rasierer in den unterschiedlichsten Ausführungen und Materialkombinationen sowie verschiedene weitere Accessoires zur Nassrasur. Spätestens beim Anblick der Produkte ist klar: Hier legt jemand größten Wert auf Design und Spitzenqualität.

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Kurz darauf sitze ich meinem Gesprächspartner gegenüber: Andreas Müller. Er ist Anfang 40 und führt gemeinsam mit seinem Bruder Christian Müller die Mühle Manufaktur. Rund 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen hier Rasierpinsel und Rasierer her. 200 Pinsel werden täglich in Handarbeit gebunden, Rasierer werden sogar etwa 500 pro Tag handgefertigt. Diese Produkte stehen gleichermaßen für höchste Qualität, traditionelles Handwerk und anspruchsvolles Design. Eigenschaften, die man auch in Berlin zu schätzen weiß. Dort betreibt das Unternehmen einen Marken-Store mit Barbershop in den Hackeschen Höfen, im hippen Berliner Stadtteil Mitte. Die gepflegte Nassrasur liegt im Trend und dafür braucht man erstklassiges Handwerkszeug – aus dem Erzgebirge.

Wir haben das Gegenteil gemacht

„So gut wie heute lief es nicht immer“, erklärt mir Andreas Müller. Nach der Wende stand das Unternehmen kurz vor der Schließung. Mit gerade einmal drei Mitarbeitern übernahm sein Vater Hans Jürgen Müller wieder den Familienbetrieb, den wiederum dessen Vater Otto Johannes 1945 gegründet hatte. „Das war eine sehr harte Zeit. Unser Vater hat ums Überleben gekämpft. Nach drei, vier Jahren ging es dann Jahr für Jahr ein kleines Stück bergauf“, schildert Müller die Zeit nach der Wende.

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Um die Jahrtausendwende herum traf die Manufaktur mehrere wegweisende Entschlüsse. Da war zum einen der Entschluss, die eigenen Produkte wieder unter der alten Marke Mühle selber zu vertreiben. Außerdem investierte das Unternehmen in die Fertigungstiefe und stellte fortan den größten Teil der benötigten Komponenten selber her. Diese Entscheidung widersprach im Grunde allen gängigen Wirtschaftslehren, erläutert Müller:

An Wirtschaftshochschulen wird ja immer gelehrt, die Produktion so schlank wie möglich zu halten und Aufgaben auszulagern. Wir haben das Gegenteil gemacht – das war ein Stück weit der Schlüssel zu unserem Erfolg.

Das Unternehmen hatte nun größeren Einfluss auf Qualität und Design seiner Produkte. Damit ging der Beschluss einher, sich künftig auf das Premiumsegment zu konzentrieren.

Tradition trifft Nachhaltigkeit...

Eine wichtige Eigenschaft der Produkte von Mühle ist neben Qualität und Design die Fertigung von Hand. Insbesondere die Pinsel mit besonders hohen Haarqualitäten, wie der Silberspitz Dachszupf mit seinem charakteristischen Farbverlauf, werden nach wie vor traditionell von Hand gebunden. Rund 20.000 Dachshaare werden dafür exakt abgewogen, mit der Haarspitze voran in eine Form gegeben und vorsichtig nach unten geklopft. Anschließend wird das untere Pinselende mit einem Faden zusammengebunden. Der hält die Haare zusammen und gibt dem Pinsel die bauschige Form. Das sieht einfach aus, erfordert aber viel Übung. Tatsächlich ist der Beruf des Bürsten- und Pinselmachers ein Ausbildungsberuf.

Die Besinnung auf die alte Handwerkskunst ist Müller sehr wichtig. Fast schon in einem krassen Kontrast steht dazu ein anderer Wert, den sich das Unternehmen auf die Fahnen geschrieben hat: die Nachhaltigkeit. Energieeffizienz hat einen hohen Stellenwert: Auf dem Dach befindet sich eine große Photovoltaik-Anlage und für Dienstfahrten steht ein Elektro-Auto bereit. Seit einiger Zeit umfasst das Sortiment vegane Rasierpinsel mit synthetischen Fasern. Dazu zählt auch die eigens von Mühle entwickelte Premium- Kunstfaser Silvertip Fibre, die mittlerweile einen großen Anteil der verkauften Pinsel ausmacht.

... und Regionalität

Nachhaltigkeit bedeutet bei Mühle aber auch Regionalität: „Bei der Suche nach neuen Zulieferern oder Rohstoffen beginnen wir immer hier vor Ort. Erst wenn wir hier nicht fündig werden, erweitern wir nach und nach unseren Suchradius.“ Diese regionale Verwurzelung zeigt sich ebenfalls in einem starken Engagement in zahlreichen Vereinen und Verbänden vor Ort. „Das geht runter bis zu kleinen lokalen Vereinen oder der Freiwilligen Feuerwehr. Eben die Vereine, in denen auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aktiv sind“, erklärt Andreas Müller.

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Und was schätzt Müller selbst am Erzgebirge?

Ich mag die Verbindlichkeit der Menschen, die hier leben. Außerdem genieße ich die Ruhe, die Abende auf dem Land oder einfach die Möglichkeit, den Blick in die Weite schweifen zu lassen – das geht in der Stadt so nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, meine Kinder in einer Stadt aufwachsen zu lassen.

Andreas Müller weiß, wovon er redet. Nach dem Abitur hat er längere Zeit in verschiedenen Städten gelebt.

Im Rückspiegel wird das Ortsausgangsschild von Hundshübel kleiner. Nach wie vor bin ich etwas perplex. So viel Weltoffenheit und Zukunftsgewandtheit hatte ich bei einem Hersteller so traditioneller Produkte nicht erwartet. Wahrscheinlich ist es genau das, was den Mythos der Marke Mühle ausmacht: Dieser scheinbare Spagat zwischen Althergebrachtem und cooler Hippness, wie man sie sonst nur aus Großstädten und Metropolen kennt.

Text: Phillipp Senge

Fotos: Mirko Hertel


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Diese Gechichte erschien zuerst im Magazin „Herzland - Gedacht.Gemacht.Erzählt“. Hier kannst du das gesamte Magazin online lesen, als PDF herunterladen oder gedruckte Exemplare nach Hause bestellen.

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