Selbst und frei

02.08.2018

Selbstversorger, regionale Produkte, Genossenschaftsgründung - Boris Kaiser erzählt über freie und selbstbestimmte Lebensentwürfe im Erzgebirge

„Der Bilebammfidelradatz ist das, die Gestreifte ist die Isolde, die drei Kleinen dort sind Bilebamm, Fidel und Radatz. Dann haben wir hier hin­ten Caruso und Bilebammfidelradies­chen. Und dann noch Berta, Rischa, Brillan, Lotti, Eva, Rabe, Kokoschka und Dafne. Das waren alle.” Sichtbar stolz und mit strahlenden Augen sprudelt Amelie (6) die Namen der Hühner heraus, und dabei hält sie ihren Lieblingshasen Keks, ein schneeweißes Kuschelfell mit Knickohr, auf dem Arm in die sonnige frische Luft.

Ihre ältere Schwester Juli (9) ist gerade mit Mama Sabine aus der Schule zurückgekehrt. Sie stellt uns gemeinsam mit Amelie noch alle Hasen und auch die schottischen Schafe namentlich vor, während Papa Felix und der kleine Leopold (2) schon mal in Richtung Trampolin schlendern, das die fünf dann gemeinsam für eine ausgelassene Runde Hüpfspaß vor dem Mittagessen nutzen. Familienidylle pur. Und doch alles andere als selbstverständlich.

Aderlass – das war wohl das tragisch passende Wort für die Entwicklungen in ganz Ostdeutschland, in Sachsen und vor allem auch im Erzgebirge nach 1990. Es schien so, dass die Aussichten auf gut bezahlte Jobs, bessere Bildung für die Kinder und auf eine gesicherte Zukunft vor allem junge Familien aus den Tälern und über die Flüsse des wasserreichen Erzgebirges fort in alle Welt gespült hatten – keine Staumauern in Sicht.  

NOCH NICHT MAL MEHR EIN LEBENSMITTELLADEN? OHNE UNS!

„Zurück blieben oft nur die Alten, und wenn dann auch noch der letzte Einkaufsladen im Ort schließt, dann fragst du dich schon besorgt, ob du hier in Zukunft noch wohnen bleiben kannst”, sagt Rosemarie Schumann, heute in ihrer Funktion als stellvertretende Vorsitzende im Aufsichtsrat der Genossenschaft „Bürgerläden Scharfenstein-Venusberg“ Die ehemalige kaufmännische Leiterin des Klinikums Chemnitz wohnt in Scharfenstein, einem Ortsteil der etwa 5.700 Einwohner zählenden Gemeinde Drebach. Wie ihre Mitgenossen Peggy Großlaub und Dr. Steffen Leischnig leben alle gern hier und mochten sich nicht vorstellen, diese Lebensqualität irgendwann aufgeben zu müssen. Deshalb beschlossen sie, zu handeln und selbst Händler zu werden – Lebensmittelhändler.

Die drei bescheidenen Kämpfer sitzen mit uns an diesem Tag stellvertretend für mehr als 350 Genoss*innen gemeinsam am Tisch im ´Ess-Bahnhof´ in Scharfenstein, einem Lebensmittelladen mit Bistro und Café, eingerichtet im Bahnhofsgebäude, das die Gemeinde zum Glück noch im Besitz hatte und zur Verfügung stellen konnte. Die Züge der Erzgebirgsbahn halten im Halbstundentakt auf der Strecke von Annaberg-Buchholz nach Chemnitz. Hier, auf dem kleinen Vorplatz und der Hauptstraße zu Füßen der malerischen Burg Scharfenstein, geht es lebhafter zu als in vielen vergleichbaren Orten entlang der Zschopau. Auch das ist keine Selbstverständlichkeit oder einfach Glück, sondern das Ergebnis von mehr als drei Jahren Schulterschluss, Willen und harter Arbeit.



„Wir mussten uns erst einmal in die Anforderungen des deut­schen Einzelhandels einarbeiten, und das ist bei Weitem mehr, als man sich als Außenstehender vorstellen kann”, erklärt Dr. Steffen Leischnig, der in zweiter Generation das Familien­unternehmen LSA Leischnig in Wolkenstein führt und dort als Geschäftsführer die Produktion moderner Steuerungs- und Antriebstechnik, Softwareentwicklung und Sondermaschinen­bau verantwortet. Wirtschaftliches Wissen war also nicht nur durch ihn bei der Genossenschaftsgründung gegeben. „Aber eine Förderung gibt´s für so etwas nicht. Das muss von Anfang an funktionieren”, ergänzen Rosemarie Schumann und Peggy Großlaub nahezu unisono. Die Anfangsinvestitionen waren hoch, und die Einkaufskonditionen für kleine Kaufleute sind alles andere als günstig. Dennoch steuern die Genoss*innen ihre mittlerweile zwei Bürgerläden, den „Ess-Bahnhof“ in Scharfenstein und die ´Wilde Hirse´ im Ortsteil Venusberg langsam aber sicher auf eine schwarze Null zu, und das ist in diesem Fall ein durch und durch positiv besetzter Begriff. Inspiriert wurden die Scharfensteiner von der Genossenschaft „Unser Laden Falkenau“, deren Mitglieder bereits seit 2008 das Schicksal in ihre eigenen Hände genommen hatten und in der mittelsächsischen Gemeinde den ersten Bürgerladen seiner Art eröffnen konnten.

Bis heute ist „Unser Laden Falkenau“ ein anhaltender Erfolg, und die Macher aus dem Flöhatal stehen den Scharfensteiner und Venusberger Genoss*innen als Paten zur Seite. Das gute Beispiel macht also Schule und erzielt langsam aber sicher Wirkung. In Venusberg und Scharfenstein ist die unmittelbar: Acht Teilzeitarbeitsplätze, vor allem für junge Mütter, hat die Genossenschaft mittlerweile geschaffen. Auf den Bordsteinen der beiden Orte regt sich jetzt wieder mehr Leben. Der Raum für Begegnungen wird zurückerobert. „Und auch die Gewerbetreibenden hier im Ort freuen sich im Übrigen sehr, dass sie mit ihren Gästen und Geschäftspartnern auch mal wieder von Porzellan essen kön­nen”, ergänzt Steffen Leischnig. Viele der Unternehmen sind der Genossenschaft beigetreten. Das Interesse umliegender Gemeinden an einer Teilhabe am Genos­senschaftsmodell ist rege. Das gilt für viele Bereiche des genossenschaftlichen Handelns, das im 19. Jahrhundert mit Hermann Schulze-Delitzsch als Grün­der des „Delitzscher Vorschussvereins“ 1850 auch einen sächsischen Vater hatte und heute mehr denn je ein Modell für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Fortschritt sein kann. Den Strom für den „Ess-Bahnhof“ liefert die Energiege­nossenschaft „Bürger Energie Drebach“, ökologisch produziert, mit regionalem Mehrwert und ebenfalls mit dem Poten­zial für mehr.

Magazin „Herzland“

Diese Gechichte wurde auch im Magazin „Herzland - Gedacht.Gemacht.Erzählt“. Hier kannst du das gesamte Magazin online lesen, als PDF herunterladen oder gedruckte Exemplare nach Hause bestellen.

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