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Feuer und Flamme

18.10.2018

Was Einsatztaktik mit Firmenstrategie zu tun hat, erfährt Carsten Schulz-Nötzold bei der KSG Leiterplatten GmbH in Gornsdorf.

Kurz nach 13:00 Uhr meldet sich der Pieper von Andreas Schieck. Alarm! Ruhig, aber zügig verlässt er seinen Arbeitsplatz. Eben noch Leiterin der Qualitätskontrolle, wechselt er von einer Minute auf die andere seine Rolle und wird zum Feuerwehrmann. Er geht den Weg, den er schon tausendmal gegangen ist und im Schlaf finden würde: durch einen Verbindungsgang mit vielen Rohrleitungen, der auf der Hälfte rechts abbiegt, dann eine Treppe hinunter, schließ-
lich quer über den Hof.

Die Türen des Feuerwehrgerätehauses stehen offen. Andere Kameraden sind schon eingetroffen, die meisten tragen bereits Schutzkleidung. Gesprochen wird nur das Nötigste. Einige helfen zwei Kameraden beim Anziehen der orange-farbigen Schutzanzüge samt Atemschutzmaske und Sauerstoffflasche. Jeder Handgriff sitzt. Nach dem Anziehen der
Schutzanzüge wird der Sauerstoffdruck der Atemgeräte geprüft. Daumen hoch. Jetzt noch die Ausrüstung greifen. Dann geht es raus. Im Laufschritt.

 

 

Ein Ort an dem vieles anders ist

Das Feuerwehrgerätehaus befindet sich mitten auf einem Firmengelände. Ort des Geschehens ist die KSG Leiterplatten GmbH in Gornsdorf nahe des Industriezentrums Chemnitz. Hier fertigt die Firma Leiterplatten in unterschiedlichen Technologien. Das ist ein Wachstumsgeschäft in einer sich immer mehr spezialisierenden und digitalisierenden Wirtschaft . Bis zu 150 Aufträge pro Tag gehen bei KSG ein. 1.500 Aufträge laufen täglich parallel in der Fertigung. 760 Beschäftigte arbeiten hier insgesamt, davon sind 33 Auszubildende und BA-Studenten. KSG ist der drittgrößte Produzent in Deutschland, gemeinsam mit der Tochter Häusermann GmbH der zweitgrößte in Europa.


KSG GmbH

Auerbacher Str. 3 - 5

09390 Gornsdorf

Fon : +49 3721 / 266-0

Email : av@ksg-pcb.de

www.ksg.de

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Bei KSG ist vieles anders als anderswo. Erstens der Standort: Der Hersteller von Hightech-Produkten sitzt nicht in Dresden oder Leipzig, sondern ist seit Jahrzehnten mitten im Erzgebirge erfolgreich. Zweitens das Produkt: Hier hat man sich, jenseits des preisumkämpft en Massengeschäft s in Asien, auf Technologievielfalt vom Muster bis zur Serie fokussiert. Drittens die Menschen: Hier engagieren sich Mitarbeiter in einer freiwilligen Betriebsfeuerwehr. Das ist ganz selten! Von Gesetzes wegen wäre KSG nicht verpflichtet, eine Werksfeuerwehr zu unterhalten. Aber, wie gesagt, hier ist eben vieles anders!

In der Gefahrenzone wird es heiß

Nach ca. 200 m kommen die Kameraden am Einsatzort an. Die Gesichter werden rot, die Atmung ist schnell, denn die herbstliche Sonne hat die Luft auf über 20 Grad Celsius aufgeheizt. Am Ausgang einer Lagerhalle scheint sich ein Unfall ereignet zu haben. Ein verletzter Kollege liegt am Boden. Aus einem umgefallenen Fass läuft eine Flüssigkeit aus. Einer führt das Kommando: Wehrleiter René Klemm. Das geschieht in hartem Ton. Höflichkeit ist fehl am Platz. Anweisungen müssen schnell verstanden und ausgeführt werden. Eine kurze Rückversicherung, ob die Aufgabe klar ist. Dann: Ausführung! Die beiden Kameraden im orangefarbigen Vollschutz eilen mit einer Trage zum Verletzten. Schnell wird der bewusstlose Kollege aus der Gefahrenzone gerettet. In sicherem Abstand übernimmt ein Team von zwei Sanitätern den Verletzten. Ist er ansprechbar? Sofort werden an einem Monitoring-System seine Vitalfunktionen gecheckt. Während all das im Hintergrund passiert, sind bereits ein Generator und eine Pumpe angesprungen. Der Technik-Trupp hat das Equipment aufgebaut. Nach kurzer Pause müssen die Jungs in Orange wieder in den Einsatz. Über einen Schlauch pumpen sie mit der Gefahrgutpumpe die Flüssigkeit in einen Sicherheitsbehälter. 13 Kameraden sind vor Ort im Einsatz, einige davon, die gerade nicht aktiv sind, stehen als Reservekräfte bereit. Die Mittagshitze, das schnelle Laufen, die schwere Ausrüstung, all das zehrt an den Kräften. Während René Klemm den Einsatz koordiniert, prüft Andreas Schieck mit kritischem Blick, was die Männer leisten.

Es war nur eine Übung

Geschafft. Eine halbe Stunde später sitzen alle im Feuerwehrgerätehaus, die Schutzanzüge sind abgestreift , die Männer verschwitzt und erschöpft . Es war nur eine Übung. Erstmal verschnaufen, Wasser trinken. Nach ein paar Minuten ergreift Wehrleiter René Klemm das Wort und wertet die Übung mit seinen Kameraden aus. Seit seiner Jugend ist er als Feuerwehrmann im Heimatort aktiv, seit Ende 2016 ist er Wehrleiter bei KSG. Zwischen der Alarmierung und der Einsatzbereitschaft vor Ort sollen nicht mehr als sieben Minuten vergehen: Innerhalb von zwei Minuten sollen die Kameraden am Gerätehaus sein, nach spätestens fünf Minuten am Einsatzort. Deshalb lassen René Klemm und Andreas Schieck die Übungen immer unter möglichst realistischen Bedingungen stattfi nden. 31 Mitglieder zählt die freiwillige Betriebsfeuerwehr, alle Kameraden sind auch Mitarbeiter bei KSG. 14 ausgebildete Betriebssanitäter gehören noch dazu. Übungsdienst ist einmal wöchentlich, immer Montag zwischen 13 und 15 Uhr, genau am Übergang zwischen Frühschicht und Spätschicht. Einige Kameraden treff en sich in der Freizeit auch zum gemeinsamen Sport. Fitness ist wichtig, um in Einsätzen bestehen zu können. Die Berufe der Feuerwehrleute gehen querbeet durch die ganze Firma. René Klemm arbeitet an Fräsmaschinen in der mechanischen Fertigung. Reiner Mauersberger steuert eine Ätzlinie, wo auf den Leiterplatten die Schaltbahnen entstehen. Andreas Schieck kümmert sich um die Warenausgangskontrolle.

 

Andreas Schieck ist wie René Klemm seit seiner Jugend Feuerwehrmann, auch in Verantwortung als Zugführer und Wehrleiter im Heimatort, und hat die Betriebsfeuerwehr im Herbst 2008 gegründet. Schieck war der erste Wehrleiter und baute die Strukturen auf, warb die Kameraden. Nur zwei Kollegen hätten damals eine Ausbildung gehabt, erinnert er sich, für die anderen ging es bei null los. „Jahre hat es gebraucht, um so eine einsatzbereite Truppe aufzubauen“, berichtet er stolz.

Seit 14 Jahren arbeitet Schieck bei KSG, hat in der Fertigungskonstruktion angefangen, ist dann in die Arbeitsvorbereitung gewechselt. Seit Ende 2016 leitet er die Endkontrolle und führt 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in seinem Team. „Das war der richtige Zeitpunkt, um den Staff elstab der Wehrleitung an René zu übergeben. So haben wir auch den Generationswechsel gut hinbekommen“, sagt Schieck.

Die ersten 15 Minuten zählen

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Scherzhaft ergänzt er später beim Firmenrundgang: „Außerdem ist mein Arbeitsplatz am weitesten vom Feuerwehrgerätehaus entfernt. Ich bin nicht mehr der jüngste Feuerwehrmann, René ist besser in Form. Der Wehrleiter sollte möglichst schnell vor Ort sein.“ Schnell vor Ort sein im Gefahrenfall – das war eine Motivation für die Geschäft sleitung, die Betriebsfeuerwehr aufzubauen. Bereits zu DDR-Zeiten hatte es sie gegeben. Doch hinter der Idee steckte noch eine langfristige, strategische Überlegung. „Ein wesentlicher Faktor unserer Betriebsfeuerwehr ist, dass wir unseren Kunden signalisieren, dass wir mit Sicherheit lieferfähig sind“, erklärt Andreas Schieck.


Während seiner Dienstzeit bei KSG, so erinnert er sich, seien anderswo drei Leiterplattenfabriken komplett abgebrannt, die Lieferungen damit komplett ausgefallen. Das könne man mit einer eigenen Betriebsfeuerwehr auf jeden Fall verhindern, da ist sich Schieck sehr sicher: „Jede Gefahrenlage, die ich innerhalb der ersten 15 Minuten erkenne, kann wirkungsvoll bekämpft werden. Das bestätigen Feuerwehren auf der ganzen Welt.“ Wichtig sei es, dass im Gefahrenfall gut trainierte Leute sofort reagieren, einen kühlen Kopf bewahren und fachkundig handeln. Die KSG setzt damit auf umfassende Sicherheit: für die Mitarbeiter, die Arbeitsplätze und die Anlagen, für die Umwelt, für die Anwohner in der Nachbarschaft und für die Liefertreue zum Kunden.

Gemeinsam für andere durchs Feuer gehen

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Andreas Schieck erzählt von den jahrelangen Teambildungsprozessen, auf denen letztlich eine funktionsfähige Feuerwehr gründet. Wer ihm zuhört, der spürt, dass Schieck Feuer und Flamme ist, für seinen Beruf, seine Firma und für seine Berufung, den Feuerwehrdienst. Es brauche Kontinuität in der Organisation und Vertrauen zwischen den Menschen. Das Engagement in einer freiwilligen Betriebsfeuerwehr, so meint er, gehe weit über ein normales Angestelltenverhältnis hinaus. Einen Pieper zu tragen und in Bereitschaft zu sein, an Weiterbildungen teilzunehmen, sich fit zu halten, das ist nicht jedermanns Sache. Der Stress durch eventuelle Gefahren, fordert volle Konzentration. „Helden, die sich aufopfern, nützen uns nichts“, scherzt Schieck. Sehr viele menschliche Komponenten entscheiden über den Erfolg eines Einsatzes. Vertrauen und persönliche Bindung – sprich Kameradschaft – sind die Grundlagen. Und es brauche gezielte, kalkulierte Risikobereitschaft . Bei diesem Thema wird Andreas Schieck sehr ernst: „Wo andere rausrennen, gehen wir rein.“ Gefährliche Situationen müssten im Falle eines Falles blitzschnell bewertet werden. „Ich muss mir bewusst sein“, sagt er, „was ein Einsatz von mir fordert.“ Darüber zu reden, ist Bestandteil der psychologischen Ausbildung, wie sie Schieck über Jahre aufbaute und René Klemm jetzt fortsetzt.



Ein sicheres Gefühl

Nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz. Deshalb müssen die Kameraden nach jeder Übung das Gerätehaus so ordnen, dass sie bei Alarm alles schnell finden. Sauerstoffflaschen füllen, Schutzanzüge richten, Ausrüstung verstauen. Nachdem wieder Bereitschaft hergestellt ist, kehrt ein Teil der Kameraden an den Arbeitsplatz zurück, der andere Teil hat Feierabend. Inzwischen ist es kurz vor 15:00 Uhr. Die Kameraden, die jetzt wieder normale Kollegen sind, grüßen einander und gehen ihrer Wege. Das Gefühl, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, geht bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der KSG Leiterplatten GmbH weit über das Wissen hinaus, dass man gefragte Produkte herstellt und das Unternehmen wächst. Es ist auch das sichere Gefühl in der Belegschaft , dass im Fall der Fälle Gesundheit und Leben geschützt werden. Und es ist die Gewissheit, dass Tag für Tag Tausende von Leiterplatten verlässlich ihre Reise zum Kunden antreten können – auch dank des Dienstes der Kameraden der freiwilligen Betriebsfeuerwehr.

Magazin „Herzland“

Diese Gechichte wurde auch im Magazin „Herzland - Gedacht.Gemacht.Erzählt“. Hier kannst du das gesamte Magazin online lesen, als PDF herunterladen oder gedruckte Exemplare nach Hause bestellen.

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