Boris Kaiser im Gespräch mit Marc Jolly / © Haus E / Regionalmanagement Erzgebirge

500 Meter mit Marc Jolly

29.11.2018

Ein Franzose, der mit seiner Familie im Erzgebirge heimisch geworden ist.

Marc ist der Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Norafin in Mildenau. Geboren wurde er knapp 700 km entfernt im elsässischen Mülhausen. Mittlerweile sind die Jollys seit mehr als zehn Jahren Erzgebirger – inklusive einer zweiten Rückkehr. Wir möchten natürlich wissen, was die Gründe waren, zu kommen, zu bleiben, und wie sich das Leben für die Familie hier anfühlt. Dazu stellt Boris Kaiser Marc die wichtigen Fragen in aller Kürze auf seinem Arbeitsweg – 500 Meter, von der Haustür bis zu seinem Büro.

Wenn du hier zur Haustür heraustrittst, wo bist du dann?

„Zuhause. Ich bin zu Hause. Wir haben uns als Familie entschieden, hierher zu kommen, und bis jetzt gibt es gar keine Idee, wieder zurückzukehren. Wir fühlen uns wohl hier. Als ich zum ersten Mal hierher kam, war dieses Wohlgefühl schon da. Von Anfang an, als ich durch das Erzgebirge gefahren bin, hab ich gedacht: oh, wie zu Hause. Ich habe aber keine Erklärung dafür.”

Hat das vielleicht etwas mit dem Anblick der Landschaft zu tun, wie es hier aussieht?

„Ja, sicherlich, die Natur hat erst einmal eine Rolle gespielt in der Wahrnehmung. Und dann, wenn du die Menschen triff st, siehst du, die sind ganz offen – zumindest war das mein Eindruck. Und ein Handschlag, der hatte noch eine Bedeutung, das war mir auch wichtig. Genauso wie damals in meinem Dorf oder was mir meine Mutter davon erzählt hat, wo früher die Leute noch zusammen waren und sich gegenseitig geholfen haben. Dieses Gefühl, das irgendwie verloren gegangen ist, auch bei mir im Dorf im Elsass, wo du zwar zusammenlebst, aber ohne zusammenzuleben. Das war hier anders, das habe ich hier noch gespürt, diesen Zusammenhalt.”

Der Blick von Marc Jollys Haus / © Haus E / Regionalmanagement Erzgebirge

 

Die Jollys sind gleich zweimal ins Erzgebirge gekommen. Marc hatte seinem Chef, Norafin-Geschäftsführer André Lang, bereits beim ersten Treffen in einem Café in Großrückerswalde gesagt, wenn es einen Platz gäbe, er käme sofort. Ein Jahr später war es soweit. Der ursprüngliche Plan war, zunächst nur eine Zeit nach der Geburt des dritten Kindes hier zu bleiben. Nach der Rückkehr ins Elsass spürten alle, wie viele wertvolle neue Freunde sie zurückgelassen hatten, Kollegen und Schulkameraden, in Sportvereinen und bei der Musik. Und als auch seine Frau – trotz einiger Versuche – keine guten Gründe finden konnte, die weiterhin für das Elsass sprachen…

Wir haben die Kinder gefragt, und die haben gesagt: endlich wieder nach Hause! Und dann war alles klar.

Seid ihr eigentlich die einzigen Franzosen im Dorf?

„Im Dorf zurzeit ja. Ich sage zurzeit, weil wir gerade dabei sind, zu schauen, ob ein französischer Student bei Norafin arbeiten kann. Aber erstmal sind wir die einzigen, ja.”

Fühlt ihr euch als Exoten?

„Als Exoten ja, aber im positiven Sinne. Wir sind eine Besonderheit. Gerade, wenn wir mit Leuten ins Gespräch kommen, hören die natürlich als erstes den Akzent, und dann fragen sie: aus Frankreich? Oh, das ist aber schön. Aber warum hier, in so einem Loch? [Marc lacht] Das macht den Einstieg und das Kennenlernen natürlich sehr einfach. Die Leute haben nämlich immer irgendwas zu erzählen über Frankreich. Immer!”

Was wissen oder denken denn die Mildenauer über Frankreich?

„Norafin war Teil einer Firma, die in Frankreich angesiedelt war und einem dänischen Unternehmer gehörte. Damals stellte man eher Textilien für den Massenmarkt her, Babyartikel, Wischtücher und Ähnliches. 2004 konnte André Lang, unser heutiger Geschäftsführer, das Management überzeugen, technische Textilien zu produzieren, in kleinerer Menge, aber sehr speziell und für besondere Anforderungen. Dafür hat er eine Forschung und Entwicklung aufgebaut, und ich war mit ihm und einigen Mitarbeitern aus dem Vertrieb am Anfang ganz allein. Aber wir waren sehr aktiv, haben die neuen Ideen zu den Kunden getragen und über die Zeit hat sich das Unternehmen daraus sehr gut entwickelt. Anfangs waren wir noch 45 Mann, heute schon über 170, 180, je nachdem, wie man zählt – gerade bauen wir ein neues Werk in den USA auf.”

Norafin Industries (Germany) GmbH

Gewerbegebiet Nord 3

09456 Mildenau

Fon : +49 3733 / 55070

Email : info@norafin.com

www.norafin.de

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Wie viel haben die Eigenschaften und die Mentalität der Erzgebirger damit zu tun, dass Norafin genau hier neue Produktideen denken und verwirklichen kann?

„Wenn wir dafür ganz kurz zurückspulen, dann sehen wir, wie es hier schon lange war: Not macht erfinderisch. Das war der Motor. Wenn du nichts oder nur wenig hast, dann musst du viel probieren, basteln, machen, damit die Sachen sich bewegen. Das ist ein wenig wie in der Kindheit. Da findet man immer Lösungen für kleine Probleme, man testet und tastet sich vor. Diese ‚Not zur Innovation’, die war hier immer da, im positiven Sinne. Und diesen Geist, den haben hier auch viele Unternehmen, und nach der Wende konnten die mit diesen Eigenschaften auch nach vorne gehen und sich gut entwickeln.”

Boris Kaiser im Gespräch mit Marc Jolly / © Haus E / Regionalmanagement Erzgebirge

Wir sind vielleicht noch knapp 150 Meter vom Norafin-Werk in Mildenau entfernt, und wir haben noch erfahren, auf welche Produkte und Entwicklungen Marc sehr stolz ist, was die deutsche und französische Gastlichkeit unterscheidet, und nebenbei wurde er immer wieder auf der Straße gegrüßt. Wie er sagte, tun das sogar Menschen, die ihm unbekannt sind, und er freut sich sehr darüber. Und kurz bevor er den Türgriff am Norafinwerk in die Hand nimmt, ergänzt er:

„[...] und dafür muss ich mich auch bei André Lang bedanken, denn er war es, der sich damals die Zeit genommen hat, der mit mir auch an den Wochenenden die Gegend erkundet hat, mir sein Land und seine Heimat präsentiert hat. Er ist von seiner Heimat begeistert, hat mir gezeigt, was es hier alles Schönes gibt und was man tun kann. Und das ist sehr ansteckend und schön und spielt eine große Rolle, so ein Willkommen.”

Magazin „Herzland“

Diese Gechichte erschien zuerst im Magazin „Herzland - Gedacht.Gemacht.Erzählt“. Hier kannst du das gesamte Magazin online lesen, als PDF herunterladen oder gedruckte Exemplare nach Hause bestellen.

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