Zukunft wird auf dem Land gemacht

22.08.2022

Über eine Groß-Investition mit Mitspracherecht und eine unterschätzte Währung für Fachkräfte.

Die Zeiten ändern sich: Was gestern noch Usus war, wird heute infrage gestellt. Zu Recht findet Christoph Stolze, angestellter Geschäftsführer und Inhaber der RoBotos Systems GmbH in Neukirchen. Als Programmierer ist er ein Beispiel für die oft zitierte neue Arbeitswelt, die Wandel, wegweisende Technologien und ein agiles Arbeitsverständnis mit sich bringen. Im Vorfeld des Interviews mailt er: „Wo treffen wir uns?“ Denn mit ihm ist RoBotos Systems physisch in der Region präsent; doch ist der Bau von Fertigungshalle und Firmenzentrale noch nicht abgeschlossen. Wie gut, dass es CoWorking Places, also offene Räume zum gemeinsamen Arbeiten, gibt. In einem solchen, dem Unisono im erzgebirgischen Oelsnitz, sprechen wir unter anderem über Geld, Vertrauen und Roboter für den Mittelstand.

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Das Coolste derzeit ist, dass ich den Stammsitz in Neukirchen von Null an gestalten kann.

Auf die Frage, warum es RoBotos nach Neukirchen zieht, hat der Chemnitzer mehrere Antworten parat. „Seit 2014 arbeite ich für das Mutterunternehmen RoBotos Engineering GmbH in Alfdorf bei Stuttgart. Doch in die Schwäbische Alb abzuwandern, war für mich kein Thema. Trotz oder vielleicht wegen der jahrelangen Pendelei. Ich wollte einerseits zurück, andererseits aber auch mehr Verantwortung übernehmen und einen neuen RoBotos-Geschäftszweig aufbauen. Ja, der Wunsch war kühn gegenüber meinem damaligen Chef und jetzigen Partner. Aber wir konnten und können über alles reden. Das Miteinander, die gegenseitige Anerkennung sind gewachsen und mit Geld nicht zu bezahlen. Private Bedürfnisse, wie mein ‚Zurück nach Sachsen‘, wurden ernst genommen. Daraus entstand die Idee, mit dem Neubau den Firmenstammsitz ins Erzgebirge zu verlegen.“

Ein simples „Gute Arbeit gemacht!“, ist die unterschätzte Währung in Zeiten des Fachkräftemangels

Bei RoBotos wurde ihm erstmals in seiner beruflichen Laufbahn so auf die Schulter geklopft. „Dieses Arbeiten auf Augenhöhe versuche ich jetzt weiterzugeben. Anspruch ist es, gesund zu wachsen. Uns geht es nicht ums Reichwerden, sondern darum, dass alle ihr gutes Auskommen haben. Ich denke, das macht die Leute zufrieden.“

Ebenso nachvollziehbar ist die Standortentscheidung. „Neukirchen will Unternehmen wie unseres. Im Gegensatz zu den Ballungsräumen war hier sofort Bereitschaft und Engagement da. Und so ehrlich muss man sein, Sachsen hat im Vergleich zu Baden-Württemberg die attraktiveren Förderprogramme. Geeignete Mitarbeiter zu finden, ist auch einfacher.“ Wie das zu verstehen sei, will ich wissen. „Rund um Stuttgart haben sich viele Konzerne angesiedelt. Sie werben den kleinen und mittelständischen Unternehmen die Mitarbeiter ab. Die Konkurrenz ist eine ganz andere Nummer; da konnten wir nicht mithalten“, erklärt der 35-Jährige.

Mit dem geplanten Einzug im Oktober 2022 füllt zunächst ein vierköpfiges Team die neuen Räume. Perspektivisch soll der Standort um weitere Mitarbeiter wachsen. Gesucht werden deshalb schon jetzt vor allem Mechatroniker, SPS- und Roboter-Programmierer sowie Konstrukteure. Christoph Stolze freut sich auf den Neubeginn für sich und die neuen Kollegen: „Das Spannende ist, dass hier wirklich jeder neue Mitarbeiter die Firma von Beginn an mit aufbauen kann.“


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Kooperation und Kollaboration

Automatisierung. Industrie 4.0. Digitalisierung. Smarte Vernetzung von Mensch und Maschine. Begrifflichkeiten für den Wandel gibt es viele. Wie steht der Mittelstand zum „Kollege Roboter“? Christoph Stolze argumentiert: „Bisher wurde im Mittelstand eher zurückhaltend in kostenintensive Automatisierungssysteme investiert. Mittlerweile ist aber der Preisdruck so enorm, Qualitäten müssen gesichert, die Rückverfolgbarkeit von Teilen soll gewährleistet sein – mit reiner Handarbeit gelingt das nicht mehr wirtschaftlich. Vielen Firmen mangelt es an Mitarbeitern, Fachkräften. Sie kommen auf uns zu, damit sie überhaupt noch die Nachfrage bedienen, Qualitätsstandards halten und wettbewerbsfähig bleiben können.“

Kein Roboter nimmt den Menschen die Jobs weg; er nimmt ihnen monotone, ungesunde Arbeit ab.

Um diese Systeme intelligenter zu machen, setzt RoBotos auf die Entwicklungskompetenz des Fraunhofer-Instituts (IWU) in Chemnitz. Ab Ende 2022 soll gemeinsam an sogenannten Cobots, sprich einer Mensch-Roboter-Kollabortion getüftelt werden. Diese Roboter sind teamfähig, können ohne Schutzzaun mit dem Mitarbeiter interagieren und ihn entlasten. Die Entwicklung spezieller Sensoren garantiert ein sicheres, sensibles Zusammenarbeiten.

Gutes Drumherum also? „Definitiv! Wir investieren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wenn man einen neuen Standort aufbaut, braucht es ein Netzwerk bzw. Verbündete. Für den Anfang hätten wir uns keine bessere Kooperation vorstellen können“, sagt der Jungunternehmer und strahlt eine Mischung aus Schneid und Gelassenheit aus.

Text: Beatrix Junghans-Gläser
Fotos: Erik Wagler