Über die Freiheit, Ski zu fahren

02.12.2019

Und diese selbst zu bauen, um aus dem Winter ein eigenes Lebensgefühl zu machen.

In dem kleinen Werkraum, mitten in der unscheinbaren Ortschaft Sehmatal-Cranzahl, riecht es nach frisch geschnittenem Holz und Harz. Ein Geruch, der so unverkennbar zum Erzgebirge gehört, wie Tim zu Struppi. Überall liegen die passenden Gerätschaften herum: Sägen, Hobel, Schleifmaschinen. An der langen Werkbank in der Mitte des Raumes stehen Steven Busch, Inhaber von mushroom productions, und Marwin Täubner, der bei der LichtERZauber-Aktion den Skibau-Workshop gewann. Vor ihnen liegen bereits die gefrästen Holzlatten - bereit, um an den folgenden zwei Tagen unter Stevens Anleitung zu Marwins neuen Ski verarbeitet zu werden.

„Was will ich denn mehr!?“

Hier, in der Werkstatt von mushroom productions, produziert Gründer Steven Busch seit 2016 hochwertige Ski und Snowboards in Handarbeit und bietet handwerkbegeisterten Skifahrern in seinen Räumen die Möglichkeit, gemeinsam mit ihm bei einem Workshop die eigenen Bretter zu bauen. Doch nicht nur das: Gleichzeitig ist Steven dank seines Medienmanagement-Studiums an der Hochschule Mittweida seit nunmehr knapp zehn Jahren auch freiberuflicher Filmemacher. „Das hat damals alles mit Spaß angefangen. Wir haben im Team ein paar Ski- und Sportfilme gedreht. Seit 2012, als die ersten Aufträge und Sponsoren hinzu kamen, habe ich das Filmemachen dann aber professionalisiert.“ Beide Jobs ergänzen sich für ihn perfekt. Während er sich in der kalten Jahreszeit dem Skibau und Skifahren widmet, nutzt er die Sommermonate, um Sport- und Imagefilme zu produzieren.

Damit habe ich, wie man so schön sagt, meine beiden Hobbys zum Beruf gemacht.

Die Lage des kleinen Örtchens Sehmatal ist dabei entgegen aller Urbanisierungstrends für den gebürtigen Erzgebirger in jeder Hinsicht ein Vorteil: „Von hier aus brauche ich keine viertel Stunde zum Berg. Im Sommer kann ich also problemlos Mountainbike fahren und im Winter Ski. Überhaupt habe ich hier einfach meine Ruhe. Was will ich denn mehr? Wenn ich einmal in der Woche zu einem Kunden nach Chemnitz fahre, freue ich mich schon immer wieder nach Hause zu kommen.“ Aber auch beruflich schätzt er sein Umfeld. „Es gibt hier nur eine Handvoll ambitionierter Filmemacher. Dadurch kann ich in den meisten Fällen auch mit Firmen aus dem Erzgebirge zusammenarbeiten. Ab und zu arbeite ich aber auch an größeren Filmprojekten außerhalb wie zuletzt in Zusammenarbeit mit So geht sächsisch.“

Inzwischen hat Marwin bereits Fiberglas, Carbonschichten und Kunststoffbänder zurechtgeschnitten und den überschüssigen Kleber von den Metallkanten der Ski entfernt. Zeit für Steven, für den nächsten Schritt das Harz anzurühren, das die acht Werkstoffschichten mit den Holzkernen verbinden soll, bevor diese in der Presse schließlich untrennbar verbunden werden. Fast schon liebevoll streichen die beiden nach und nach die einzelnen Schichten lückenlos mit dem Harz ein und Steven kontrolliert mit geübtem Blick die Ebenmäßigkeit aller Materialien.

„Und dann hab ich vor lauter Mut einen Webshop eröffnet.“

Doch so routiniert wie heute war Steven nicht immer. Zwar hatte er schon an dem ein oder anderen Ski in seiner Garage gebastelt, doch als er 2016 „vor lauter Mut“ den Webshop eröffnete, hatte er noch nicht einen Ski für einen Kunden gebaut. Als dann unerwartet gleich mehrere Bestellungen eintrafen, hatte der sonst so entspannte Typ schlaflose Nächte: „Da musste ich wohl oder übel ins kalte Wasser springen und die Dinger eben zusammenbauen“, erzählt er feixend. Dank eines kurzfristigen Praktikums bei einer Skifirma im Vogtland und zahlreichen YouTube-Videos gelang es ihm, sein Handwerk in kürzester Zeit zu professionalisieren. Steven lacht, wenn er diese Geschichte erzählt: „Bis heute ist auch nicht einer meiner verkauften Ski kaputt gegangen.“ Ein Resultat auf das er trotz der scheinbaren Selbstverständlichkeit sehr stolz ist. Immerhin entstand seine Idee aus einem wirklich ärgerlichen Erlebnis. Nachdem er während seines Studiums ein ganzes Monatsgehalt für kanadische Profi-Ski zusammengespart hatte, dauerte es keine drei Stunden, bis die nigelnagelneuen Latten bei der ersten Testfahrt am Keilberg brachen. „Das war der ausschlaggebende Punkt, dass ich mich damit beschäftigt habe, wie ein Ski gebaut wird und was ihn stabil macht. Ich war mir sicher, dass man das doch selber besser hinbekommen kann.“

Ich verwende ausschließlich hochwertige Materialien.

Seitdem hat Steven die Qualität seiner Ski enorm gesteigert. „Ich verwende ausschließlich hochwertige Materialien. Beispielsweise sind die Kerne meiner Ski aus Eschenholz statt aus Holz von Pappel oder Bambus, weil das viel resistenter gegen Brüche ist. Und natürlich sind es die individuelle Handarbeit und die limitierte Kleinserie, die den Ski zu etwas besonderem machen.“

Wie aufwändig die Handarbeit wirklich ist, wird bei jedem einzelnen Arbeitsschritt während des Workshops ersichtlich. Mit größter Hingabe und kritischem Blick widmen sich Steven und Marwin jedem noch so kleinen Detail. Mehrere Male kontrollieren die beiden jeden Zentimeter der verleimten Materialschichten, bevor die Ski endlich für die nächsten zehn Stunden in die Presse dürfen. Schließlich garantiert erst diese Präzision die lange Haltbarkeit und die makelfreie Oberfläche der Bretter.

Ein Stück Heimat auf der Piste

Solche Ski will jeder haben. Ich meine, das ist ein Stück erzgebirgische Kunst, die ich dann auf der Piste präsentieren darf.

Für Marwin ist die Arbeit an seinen eigenen Ski ein riesiges Geschenk. Auch er ist im Erzgebirge aufgewachsen und teilt als ehemaliger Skispringer nicht nur Stevens Heimatverbundenheit, sondern selbstredend auch die große Begeisterung für den Wintersport. „Ich bin mit dem Skifahren groß geworden. Schon im Kindergarten habe ich mit dem Skispringen begonnen. Auf diese Weise habe ich auch mushroom productions kennengelernt und die Unternehmensgeschichte mitverfolgt, da viele meiner Skisprung-Kollegen mit Steven gefahren sind. Deshalb war es jetzt auch naheliegend, dass ich die Chance auf ein Paar eigene mushroom Ski ergreife.“

Mittlerweile sind die Ski fertig verpresst und das Harz getrocknet. Am nunmehr zweiten Workshop-Tag gilt es, die verleimten Bretter auszusägen und in die markentypische Form zu bringen. Mit Stichsäge und Schleifgeräten gehen Steven und Marwin an die Arbeit. Jedem Handgriff von Marwin lässt sich dabei seine Vorfreude auf die erste Abfahrt entnehmen. Gefühlvoll bearbeitet er mit den Maschinen die feine Holzstruktur, während sich Boden und Luft mit dem vertrauten aromatischen Duft der Holzspäne füllt.

Sechzig Tage auf Ski

Dem beruflichen Erfolg und der immer präsenten Aussicht auf noch mehr Umsatz begegnet Steven jedoch in seiner typischen Gelassenheit.

Am liebsten habe ich ja Freizeit. Wenn das Budget zum Leben reicht, arbeite ich im Winter lieber ein bisschen weniger, um mehr Zeit auf der Piste zu haben.

Am liebsten verbringt er diese Tage in Oberwiesenthal auf dem Fichtelberg. Allerdings nicht nur, weil dieser der höchste Berg Sachsens ist, sondern vor allem, weil sich dort eine echte Ski- und Snowboard Community gebildet hat, die den Wintersport für ihn erst komplettiert. „Ich fahre sechzig Tage im Jahr Ski. Da trifft man dann immer dieselben Leute, die das genauso gern tun. Leute, für die der Winter eben alles ist.“ So ist es auch kaum verwunderlich, dass Steven auch seine Frau am Fichtelberg kennenlernte, als die beiden dort Skiunterricht gaben. Um dieses entstandene Gemeinschaftsgefühl noch zu verstärken, organisiert der junge Gründer zudem auch seit fünf Jahren zum Saisonabschluss im Namen seiner Firma das „Mount Mallorca Weekend“. Ein Event, bei dem sich die Ski- und Snowboard Community des Erzgebirges trifft, um bei spaßigen Contest und Apré Ski das Ende der Wintersaison zu feiern. „Das letzte Mal waren sogar mehr als hundert Leute am Start“, erzählt er stolz.

Jetzt, bevor es mit den ersten Schneeflocken endlich wieder auf die Piste geht, freut sich Steven jedoch erst einmal auf die Vorstellung seines jüngsten Skifilms über das Tiefschneefahren im Erzgebirge beim Bergsichten Festival in Dresden. Ein Projekt, über das er ganz besonders glücklich ist, weil wohl die wenigsten Skifahrer glauben, dass man auf den kleinen Bergen seiner Heimat tatsächlich richtigen Powder erleben kann.

Mittlerweile, nach sechs Stunden hochkonzentrierter Arbeit, sind auch Marwins neue Ski endlich fertig und liegen in den Händen des strahlenden neuen Besitzers. In insgesamt elf Arbeitsschritten haben die beiden die nackten Holzkerne zu einem echten erzgebirgischen Unikat verarbeitet, das nun nur noch darauf wartet, in wenigen Tagen Marwins liebste Pisten am Fichtelberg und Keilberg herunterzudonnern.

Text & Fotos: Magda Lehnert


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