Viva Vinyl

23.06.2020

Die neue Plattenliebe

Warum sind Schallplatten kein Relikt, sondern noch immer Teil der Musikkultur und weshalb vertrauen internationale Top-Acts auf Vinyl aus dem Erzgebirge? Diesen Fragen ist Marcus Lehman nachgegangen und hat Carsten Haupt, den Gründer von Celebrate Records, in Stollberg besucht und die Geschichte für das Magazin SIGHTGEIST aufgeschrieben.

Warum erfreuen sich Schallplatten trotz Spotify und Apple Music noch immer einer gewissen Beliebtheit? Die Antwort auf diese Frage liegt für Carsten Haupt, Gründer der Firma Celebrate Records, auf der Hand. „Die Schallplatte ist heute wieder in den Wohnzimmern zuhause. Die Soundqualität, die Haptik, die Optik im Regal, all das bietet kein Streamingdienst. Wir vergessen Musik, wenn wir sie nicht in der Hand halten“, erklärt der Vinyl-Enthusiast aus dem Erzgebirge. Die Rituale am Plattenspieler, wie das Aufsetzen der Nadeln und das Wechseln der Seite, stehen für Entschleunigung und laden ein zum Hören mit Genuss, zum bewussten Anhalten und Abschalten.

Wir vergessen Musik, wenn wir sie nicht in der Hand halten.

Bei unserem Besuch im Plattenwerk in der kleinen Stadt Stollberg führt uns Carsten Haupt in einen Besprechungsraum. Hier stehen gleich mehrere Plattenspieler und Plattenregale. Unzählige Plattenhüllen hängen an den Wänden und schaffen eine ungezwungene Atmosphäre. „Die haben alle wir produziert“, erzählt uns der Firmengründer und ehemalige DJ. Die Auswahl reicht dabei über alle Genres, von Michael Jackson über AC/DC bis zu Techno-DJs wie Blank & Jones.

Die Firma ist einmalig in Deutschland. Die Schallplattenbranche ist klein, aber weltweit vernetzt. Celebrate Records spielt auf internationaler Bühne und gehört nach eigenen Aussagen zu den zehn größten Plattenproduzenten weltweit. „Aber wir sind die Innovativsten“, behauptet Haupt stolz. Neuartig wirkt die Produktionstechnik auf uns zunächst nicht. Die Maschinen, mit denen die Platten in der Werkhalle gepresst werden, sind häufig gebrauchte Pressen, die Haupt und seine Mitinhaber überall auf der Welt aufgespürt und aufgekauft haben. Danach wurden sie von den erfindungsreichen Chefs „getuned“. „Neben der eigentlichen Produktionshalle stehen große Hydrauliktanks, die für einen Druck von bis zu 100 Tonnen auf die Platten sorgen“, erklärt der gelernte Heizungs- und Lüftungsbauer, „meine Pressen könnte ich sogar über mein Smartphone steuern – überall auf der Welt.“ 

Das Auflegen der Platte, das Ansetzen der Nadel oder das Wechseln der Seite sind Statements für Entschleunigung und bewussten Genuss.

Celebrate Records wurde 1998 gegründet und begann als kleine Garagenfirma. Zu dieser Zeit war die Schallplatte in Deutschland kaum von Bedeutung, die CD feierte ihren großen Siegeszug. „Wir haben damals keine großen Auflagen, sondern über Nacht einzelne Platten für Elektro-DJ’s produziert“, erinnert sich der Gründer Haupt. Weil nur sein Team das damals so schnell schaffte, setzten immer namhaftere Produzenten auf so genannte Duplates aus dem Erzgebirge. „Die Platten wurden zur einmaligen Verwendung hergestellt, damit die Acts nachts beim nächsten großen Gig ihre frisch produzierten Beats live auflegen konnten“, so Haupt. Mit dem Vertrauen wuchsen auch die Aufträge. Weitere Maschinen mussten gekauft und Mitarbeiter angestellt werden. Seit 2010 kommt der Trend den Vinyl-Experten entgegen: Im Jahresvergleich wurden 2018 nur noch halb so viele CD’s verkauft, dafür fünfmal so viele Schallplatten. Der Marktanteil der Vinyls ist so von 0,6 auf 5,7 Prozent gestiegen. Mittlerweile hat die Firma 25 Mitarbeiter in den Bereichen Toningenieurwesen, Verwaltung und Customer Service, Galvanik und Presserei, Weiterverarbeitung und Versand.

„An uns wenden sich Labels, das Künstlermanagement oder auch die Artists selbst“, so Haupt weiter. Celebrate Records übernimmt vom Mastern der Audio-Dateien bis zum Versand der fertigen Schallplatten sämtliche Tätigkeiten. Als Give-Away für Musikzeitschriften hat selbst die kleine 7-Zoll-Schallplatte vor einigen Jahren ein Revival erlebt. „Diese Singles wurden früher beispielsweise oft für Jukeboxen eingesetzt“, erzählt uns der Branchenkenner. Neben den kleinen Schallplatten sind die großen 12-Zoll-Platten nach wie vor die Größen, die am häufigsten produziert werden. „Als einzige Firma weltweit können wir auch 10-ZollSchallplatten vollautomatisch pressen“, berichtet Haupt stolz, „außerdem bieten wir Schallplatten in allen Farben und mit Bildmotiven an.“ Alle Varianten lassen sich auf jedem Schallplattenspieler abspielen.

Celebrate Records GmbH

Am Birkenwäldchen 2

09366 Stollberg

Fon : +49 (0) 37296 9201 60

Email : carsten@celebrate.de

https://www.celebrate.de/v3/

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Der unscheinbare Riese mitten in der Musik

Der unscheinbare Riese einer kleinen Branche zwischen Tradition, Kunst und Tüftelei hat die Wiederbelebung der Schallplatte früh erkannt und vorangetrieben. Wenn wir heute eine Vinyl auflegen, hört sich das anders als an über einen Streamingdienst, selbst als von einer CD. Wir vernehmen unbekannte Tiefen und Höhen und fühlen uns, als wären wir mitten in der Musik. Das Auflegen der Platte, das Ansetzen der Nadel oder das Wechseln der Seite sind Statements für Entschleunigung und bewussten Genuss.

Mit ihrem Erfindungsreichtum und ihrer Liebe zum Medium profitierten Carsten Haupt und seine Kollegen von der Renaissance der Vinylplatte. So wurde Celebrate Records zu einem internationalen Marktführer, fernab der Szene-Hotspots. Selbst die letzte Platte der Pop-Legende David Bowie kommt exklusiv aus dem kleinen Stollberg. „Auch fast vier Jahre nach seinem Tod pressen wir neue Auflagen für den weltweiten Markt“, erzählt uns der Plattenhersteller noch, als wir gehen. Bowie ist wohl, genau wie die Schallplatte, ein absoluter Longseller.

Text: Marcus Lehmann | Vorlautes Netzwerk
Fotos: Marko Unger | Studio2Media

Beitrag aus dem Magazin „SIGHTGEIST“ Ausgabe No. 13 (2020)


Magazin „SIGHTGEIST“

Diese Geschichte erschien zuerst im Magazin „SIGHGEIST“, das für die Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen mbH erscheint.

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