Auf dem (kurzen) Holzweg

24.02.2026

Diese Reportage erzählt von einem Haus, gebaut mit Holz aus heimischen Wäldern: energieautark, vollbiologisch, nachhaltig. Was in der Bergstadt Scheibenberg realisiert wird, ist ein wissenschaf tlich begleitetes Experiment mit echten Bewohnern. Ralf Kretschmar ist einer der Köpfe hinter dem Projekt: „Ich will ein Haus als Reallabor bauen.“ Welche Motivation steckt hinter seiner Vision? Wen und was braucht es für diesen Prototypen? Zuerst ein Team, was in die Zukunf t denkt. Menschen, die sich für innovatives Bauen mit Holz begeistern.


AUF GEHT‘S

„Wir treffen uns um 8 Uhr. Denken Sie an festes Schuhwerk. Wir gehen zusammen in den Wald.“ So die Mail vom Sachsenforst. Was sich nach Gestrüpp und Frühsport anhört, ist ein Teil dieser Geschichte. In der geht es um heimisches Holz, was im Erzgebirge quasi vor der Haustür wächst. Grund für den Außentermin ist das kühne Unterfangen des Scheibenberger Handwerkbetriebs Holzbau Kretschmar. Es trägt den sperrigen Arbeitstitel „RealLab FTC ONE Future Timber Construction ( F TC )“.

Einfacherer: „Wir bauen ein Massivholzhaus in Systembauweise mit Brettern aus den Wäldern rund um den Fichtelberg. Grundlage für den Wandaufbau ist ein Verbund aus acht verschiedenen Hart- und Weichhölzern. Holzdübel halten das Ganze zusammen. Auf Leime, Metall, Chemikalien oder Holzschutzmittel wird bewusst verzichtet. Die massiven Fertigteile á 3x3 Meter stellen wir dafür in meiner Werkstatt her“, so Ralf Kretschmar, Kopf, Herz und Motor des Bauprojektes.

Holz haben wir im Erzgebirge mehr als genug.

Das Ganze hat experimentellen Charakter: Bestehen Buche, Eiche, Lärche, Aspe etc. als Team den Praxistest, wenn sie zusammen Wind und Wetter ausgesetzt sind? Sind sie ein adäquater Ersatz für die Fichte, den Brot- und Butterbaum der hiesigen Holzwirt schaft, dessen Tage in Zeiten des Klimawandels wahrscheinlich gezählt sind? Um das Projekt zu begreifen, ist es wichtig, die Wertschöpfungskette vom Baum zum Balken zu kennen. Und die beginnt im Forstbezirk Neudorf.

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Wir können die nächsten 100 Jahre nicht so weiterbauen wie bisher.

JUNI: EXKURSION DURCH DAS UNTERHOLZ

„Holz haben wir im Erzgebirge mehr als genug“, sagt Dr. Clemens Weiser vom Sachsenforst und führt mich zu Stellen, wo geerntet wird. Unterwegs im Laufschritt gibt es Wissen to go: Ist-Zustand beim Waldumbau. Der Weg zum klimaresilienten Wald. Bevorzugte Setzlinge. Aktueller Bodenzustand. Waldbrandgefahr. Entwicklung, Anbau, Ernte im Reinbestand Fichte. Unterschied von Flach-, Herz- und Pfahlwurzler. Szenario Borkenkäferbefall. Verbiss an Jungbäumen durch Wild. Einsatz von Rückepferden vs. Harvester. Arbeitsschutz. Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion des Waldes. Zu guter Letzt ein intensiver Blick auf die Polter, die Holzlagerplätze am Wegesrand. Was mit den Stämmen danach passiert, ist logisch: Sie gehen ins Sägewerk.

JULI: WO GESÄGT WIRD, FALLEN NICHT NUR SPÄNE.

Die Kretschmar’schen Stämme, die im Januar im Forstbezirk Neudorf, Revier Crottendorf gefällt wurden, liegen seit ein paar Wochen auf dem Gelände des Sägewerkes von Christian Hegenbarth vom Holzhof Neu-Amerika. Sie dürfen noch etwas ruhen und freilufttrocknen. Wenn die Scheibenberger Holzbauer Holz brauchen, nimmt die Hegenbart‘sche Mannschaft die gewünschte Menge vom Stapel und sägt wie bestellt. Das geht, weil die beiden schon länger zusammenarbeiten. In der Regel landen für Kretschmar 10 Holzlaster mit Anhänger (á 40 Festmeter) pro Jahr in bester Qualität auf dem Holzhof. „Konkret sind das Stämme von 20 bis 60 cm Durchmesser. Mehr als einen halben Meter Durchmesser hat ein Baum, der ca. 100 Jahre alt ist. Solches Holz ist die Premiumware, die der Sachsenforst zu bieten hat.“ Die Crux: Von den ca. 3 Millionen Festmeter Rundholz, welche 2024 in Sachsen Wäldern geerntet wurden, gehen über 50 Prozent zur Weiterverarbeitung in andere Bundesländer, teilweise auch nach Österreich, die Slowakei oder in die Tschechische Republik.

Will heißen: „Der Irrsinn hat Methode. Gefühlt sind wir Deutschen die einzigen, die Rohware fast komplett zur Weiterverarbeitung aus der Hand geben. Bis heute ist es nicht gelungen, die Holzverarbeitung, zu der die Sägewerke selbstredend gehören, im Freistaat aufzubauen. Es ist gewaltig Luft nach oben in der heimischen Wertschöpfungskette“, erklären Kretschmar und Hegenbarth. Letzterer führt „neben“ dem Holzhof zwei Forstbetriebe, einen in Böhmen und einen im Erzgebirge. Eine Fertigung für Forstmaschinen (Harvester- und Forstmaschinen) vervollständigt seine Unternehmungen.

Wir bauen ein Massivholzhaus aus den Wäldern rund um den Fichtelberg .

JUNI/ JULI: WISSEN SCHAFFT UND TEILT WISSEN.

Noel Georgi ist auch im Team. Er schreibt an seiner Diplomarbeit. Die Anfrage von Holzbau Kretschmar zu Forschungs- und Technologietransfer an die Duale Hochschule Sachsen kam zum richtigen Zeitpunkt. Er wird Reaktion und Aktion von inhomogenen Vollholzwandaufbauten theoretisch betrachten und praktisch untersuchen. Verständlicher gesagt: Was passiert, wenn Weich- und Harthölzer der Feuchte und den Temperaturschwankungen ausgesetzt sind? Sind am Wandaufbau Verformungen nachweisbar? Wie ist das Quell- und Schwindverhalten? Die Holzaufbauten stellt Ralf Kretschmar bereit; das Labor wie die erforderliche Technik die Hochschule. Ziel ist es, nach mehreren Tagen zu wissen, ob und wie die Nässe in die Tiefe geht. Über jede einzelne Holzart gibt es verlässliche Daten, über den Holzverbund bisher nicht.

Josephine Schöffel ist ebenfalls im Team Kretschmar. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer Institut für Bauphysik (IBP) und ist der administrative Part. Ihr Institut weiß schon länger um Kretschmars Technologieoffenheit. Richtig gefunkt hat es zwischen Forschung und Handwerk im Nachgang des Nachhaltigkeitspreises. „So eine Zusammenarbeit ist immer begrüßenswert. Ralf Kretschmar ist ein Visionär. Er denkt groß, sieht Chancen und hat unglaublich viel an Vorarbeit investiert.

Ich will ein Haus als Reallabor bauen. Keine Wand, keinen Entwurf, den man ins Labor schickt.

Unser aller Ziel ist es, dass daraus eine marktfähige Innovation und ein regionaler Wertschöpfungszyklus entsteht“, sagt Schöffel. Sie teilt sich mit dem Scheibenberger die Projektleitung, kümmert sich um Forschungsanträge, hält den Draht zu Partnern wie der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig. Josephine Schöffel ergänzt: „Wir als IBP denken noch größer, sehen zum einen das Potenzial Sachsens als nationaler Knotenpunkt für die Holzwirtschaft, verfolgen zum anderen das Etablieren einer Kreislaufwirtschaft.“

Dafür ist (fast) alles da: Waldfläche, Betriebe, Hochschulen. „Wir analysieren: Welche Unternehmen gibt es? Wer sind die Zulieferer? Wer die Abnehmer? Kurz: Es geht uns ums Umdenken. Wir können die nächsten 100 Jahre nicht so weiterbauen wie bisher. Das Material Sand ist endlich. Es wächst nicht nach. Stahlbetonbau ist eine große Umweltsünde. Die Zementproduktion verursacht in Deutschland ca. zwei Prozent der nationalen CO2-Emmissionen. Erschreckend auch die Recyclingbilanz. Nur fünf Prozent aller Abfälle aus dem Betonbau können wiederverwertet werden. Holzbau, bei nachhaltiger Forstwirtschaft, hat eine deutlich bessere Umweltbilanz.“

AUGUST: GEBÄUDEKLASSE E WIE EXPERIMENT.

„Wen ich für dieses Haus brauche? Jemand der in Holz denkt. Christian Bähr ist diplomierter Holztechniker, ein unkonventioneller Planer und hat vor Fünf Jahren sein eigenes Architekturbüro gegründet. Er hat das Wissen und die Begeisterung für Holz. Wir beide haben mehrere Projekte miteinander umgesetzt. Ihm traue ich das zu. Schließlich stellen wir die Baubehörde vor bisher unbekannte Herausforderungen“, so Ralf Kretschmar.

Bähr, Mitte Dreißig, stammt aus einer Tischlerei. Wie es scheint, hat er das Material mit der Muttermilch eingesogen. Also, nix Spannplatte, sondern Vollholzmöbel und ein paar DDR-Designklassiker hier und da – so sieht sein Arbeitsplatz aus. „Mein Job ist es, dem RealLab FTC ONE eine materialgerechte Gestalt zu geben. Unser Anspruch heißt: Plusenergiehaus, Solarmodule auf dem Dach, Pufferspeicher und Wertigkeit. Alles, bloß keine schnöde Versuchskiste. Das darf ein bisschen lauter sein. So, dass es konstruktiv für die Fachleute und in den städtebaulichen Kontext von Scheibenberg passt. Das Haus wird ganz normal genutzt. Es wird drinnen gewohnt, gelebt, gekocht, gegessen, geduscht. Etwas Echtes, wo man wirklich sehen kann, wie sich der Holzmix verhält. Während der Erprobung wird ein Drittel der Fläche zu Büro bzw. Labor. Danach kann jemand in eine 1-RaumWohnung einziehen.“ Wer sich wann im Reallaborhaus einquartiert, ist eine Frage der Zeit. Angefixt von der Idee Kretschmars sind alle Projektbeteiligten. Menschlich wie fachlich sind sie auf einer Wellenlänge. Gelingt das Vorhaben, ist der Boden für das Bauen der Zukunft bereitet.

HOLZBAU KRETSCHMAR: VOM PREISTRÄGER ZUM VORREITER

Ralf Kretschmar ist der Kopf von Holzbau Kretschmar. Gegründet 2003 als Garagenfirma, etabliert sich sein mittlerweile siebenköpfiger Betrieb zum Partner für Bauen mit Holz. Seine Expertise: Restaurierung von Holzkonstruktionen, Denkmalschutz, Erhalt historisch wertvoller Gebäude, Anbauten und Aufstockungen, Dachstühle, Verarbeitung ökologischer Dämmstoffe, Holzhäuser. Er schätzt den heimischen Baustoff; macht sich damit einen Namen. Der überregionale Ritterschlag kommt 2024 mit dem Gewinn des Deutschen Nachhaltigkeitspreises. Die Begründung der Jury: Sein Handwerksbetrieb leistet Pionierarbeit für die Branche und die Gesellschaft.

Der Preis schlägt Wellen – in Politik wie Wissenschaft. Politiker und Entscheidungsträger kommen, hören zu und gehen wieder. In Forschungskreisen hingegen wächst das Interesse. Ernsthafte Kooperationen kristallisieren sich heraus: Fraunhofer - Institut für Bauphysik, HTWK Leipzig – Forschungsgruppe FLEX, IHD Dresden – Institut für Holztechnologie und die Duale Hochschule Sachsen, Studiengang Bauingenieurswesen in Glauchau.



Text: Erik Wagler
Fotos: Beatrix Junghans-Gläserer