Mit Volldampf in die Zukunft

14.12.2021

Mikrokosmos Modellbahn – wenn Mitarbeiter als Chefs mit frischem Wind zum Zuge kommen.

H0, N, TT– hinter diesen Kürzeln verbergen sich Leidenschaft, Begeisterung und Liebhaberei. Sie sind die Grundlage für umfassende Fachsimpelei und den Willen zum absoluten Perfektionismus. Etwas nüchterner betrachtet, sind es einfach nur Abkürzungen für Maßstäbe von Modellbahnanlagen. Doch das wird dem Thema nicht gerecht. Die Welt der Modelleisenbahn ist ein eigener Mikrokosmos. Ein wichtiger Akteur der Szene befindet sich in Hüttengrund im Erzgebirge.

Auf den wenigen Kilometern von der Stadt Marienberg zum Ortsteil Hüttengrund quert man fünf Bahnübergänge, als ob sie einen lotsen wollten. Unmittelbar nach einer weiteren Eisenbahnbrücke schmücken eine alte Eisenbahnschranke und Bahnsignale die Einfahrt zu einem flachen, unscheinbaren Gebäude.

Es ist der Sitz der Firma Auhagen. Vor 135 Jahren als Fabrik für Pappen und Kartonagen gegründet, machte sich das Unternehmen seit den frühen 1950er-Jahren einen Namen als Hersteller von Modellbahnzubehör. Daran hat sich bis heute nichts geändert. In den 1990er-Jahren reprivatisierte Rudolf Auhagen junior den Betrieb. Seine Tochter Ute Hofmann-Auhagen positionierte das Familienunternehmen in vierter Generation erfolgreich auf dem Markt der Nachwendezeit neben der etablierten Westkonkurrenz. Heute steht die Marke für besonders detailgetreue Modellbausätze für Fans der Miniaturwelten.

Auhagen GmbH

Hüttengrund 25

09496 Marienberg

Fon : +49 37 35 - 66 84 66

Email : info@auhagen.de

www.auhagen.de

Aktuelle Stellenangebote

Spezialisiert auf Filigranes

So wie Modellbahner ihre Anlagen pflegen und weiterentwickeln, modernisierte Ute Hofmann-Auhagen systematisch das Unternehmen und sorgte für Wettbewerbsfähigkeit. Ein wichtiger Schritt dabei: Vorhandenes Know-how und Kapazitäten wurden genutzt, ausgebaut und schließlich als eigene zusätzliche Geschäftszweige angeboten. Inzwischen umfasst das Angebot neben den eigenen Modellbauprodukten Werkzeug- und Formenbau, Kunststoffspritzguss, Kartonagen oder seit neuestem den Tampondruck.

Wir haben das Kleine, Filigrane, Spezielle – das ist unsere Stärke,

bringt Markus Hillig die Kompetenzen des Unternehmens auf den Punkt. Er ist einer von zwei Geschäftsführern. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Robert Werner hat er die Firma im Sommer 2019 übernommen. Beide waren schon vor der Geschäftsübernahme eng mit dem Betrieb verbunden. Markus Hillig stammt aus Marienberg. 1998 begann er bei Auhagen seine Lehre zum Mediengestalter. Robert Werner kam ebenfalls 1998 ins Unternehmen. Den gelernten Werkzeugmacher hatte seine Leidenschaft für die Eisenbahn von Radebeul ins Erzgebirge gezogen.

Als Abteilungsleiter waren sie schon zu Angestelltenzeiten stark in die Entscheidungen ihrer Vorgängerin eingebunden. „Die Hierarchien waren flach, und wir durften sehr frei arbeiten. Wenn einer eine Idee hatte, haben wir die im Team geprüft. Unsere Chefin hat sich dann darum gekümmert, dass der finanzielle und wirtschaftliche Background für unsere Ideen gegeben war – und wir hatten viele Ideen“, erklärt Hillig lachend.

Aus Angestellten werden Geschäftsführer

Dieser Teamgeist und die Freude an immer Neuem gaben den entscheidenden Impuls, als ihre Vorgängerin sich altersbedingt zurückziehen wollte. Hillig und Werner wechselten auf den Führerstand und übernahmen die Geschäftsführung. Die beiden sind ein eingespieltes Team und ergänzen sich im Unternehmeralltag perfekt. Robert Werner ist der Mann für das Technische. Hillig ist für das Kaufmännische zuständig. „Für uns stand ganz schnell fest: Wenn, dann machen wir das zu zweit“, erklärt der Jetzt-Wolkensteiner, „alleine hätte ich das nie gemacht.“

Dass die Sache Hand und Fuß hatte, erkannten auch die Banken. Es gab mehrere Zusagen für die Finanzierung der Übernahmepläne. Die angehenden Unternehmer sahen darin eine Bestätigung für ihr Vorhaben. Dem Wechsel von der Arbeitnehmer- auf die Unternehmerseite stand nichts mehr im Wege.

Wenn einer eine Idee hatte, haben wir die im Team geprüft.

Dieser Rollenwechsel vom Kollegen zum Chef sorgte anfangs hin und wieder für ein komisches Gefühl. „Die menschliche Führung war für uns tatsächlich die größte Herausforderung – da kann dich niemand drauf vorbereiten. Man muss auf einmal auf einer anderen Ebene kommunizieren. Für alles andere hast du Partner oder kannst auf Experten zurückgreifen“, resümiert Hillig die erste Zeit in der neuen Führungsposition. Das familiäre Betriebsklima und der Rückhalt der Belegschaft ließen das anfängliche Unbehagen schnell verfliegen und schon im ersten Jahr konnten die neuen Geschäftsführer viel bewegen. Denn genauso wie die Stärken kennen beide Punkte, die sie künftig verbessern wollen. Bei den Produkten möchten die Jungunternehmer den eingeschlagenen Weg zu immer detailgetreueren Modellen weitergehen. Das ist der klare Wunsch der Kunden und ein deutlicher Trend in der Modellbaubranche, genauso wie die zunehmende Digitalisierung technischer Komponenten. Der Modellbahnbau geht mit der Zeit und findet Anhänger quer durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten.

Konkrete Pläne für die Zukunft

Perspektiven sieht die neue Geschäftsführung im Online-Bereich. „Man muss im Internet und den sozialen Medien präsent sein“, weiß Markus Hillig. „Der klassische gedruckte Katalog mit neuen Produkten wird mehr und mehr zum Beiwerk.“ Hier ist das Unternehmen bereits auf einem guten Weg. Der Facebook-Kanal mit fast 10.000 Abonnenten wird regelmäßig bespielt. Dabei bleiben sich die Hüttengrunder treu und grüßen unter ihren Facebook-Posts mit einem herzlichen „Glückauf aus dem Hüttengrund“. Bei den Fans kommt das gut an. Ebenso wie die regelmäßig organisierten Modellbauseminare von Auhagen. Sie sind jedes Mal lange im Voraus ausgebucht.

Die sozialen Medien machte man sich in Hüttengrund auch zunutze, als die Messe modell-hobby-spiel in Leipzig wegen Corona abgesagt wurde. Normalerweise ist sie ein absolutes Highlight der Branche. Hillig und Werner verfielen keineswegs in Resignation. Im Gegenteil, sie sahen es als Chance und schmiedeten einen neuen Plan: Für den vorgesehenen Messetermin, den 3. Oktober, organisierten sie eine ganztägige YouTube-Live-Sendung. Den ganzen Tag lang stellten sie mit professioneller Unterstützung Produktneuheiten vor. Profis gaben Modellbautipps und zeigten, was mit den Produkten von Auhagen möglich ist.

Bleibt nur noch eine Frage: Haben die neuen Auhagen-Chefs eigentlich auch privat eine Modellbahnanlage im Keller stehen? „Früher hatte ich tatsächlich eine eigene Anlage“, lüftet Markus Hillig das Geheimnis. Heute zieht es ihn zum Abschalten in die Natur. Robert Werner bleibt in seiner Freizeit den Modellbahnen treu.

Text: Philipp Senge

Foto: Lukas Ullmann


Immer informiert – Jetzt Newsletter abonnieren.