Kann SO nachhaltige Produktion aussehen?

02.09.2026

Wie aus Containern eine zero.factory zur Textilveredelung wird

Das Unternehmen lumipöllö errichtet in Drebach-Venusberg eine zero.factory zur Textilveredelung. Im Modell steht schon alles. Die alte Scheune am Ortsrand von Venusberg ist da, das profilierte Gelände, erzgebirgisches Hügelland. Im Maßstab 1:87 kommen zwei mal zwei übereinandergestapelte Container hinzu. Ein fünfter und sechster liegen quer darüber. Ein siebter Container erschließt – aufrecht hingestellt – als Treppenhaus die oberen Etagen. Miniaturfiguren beleben das Diorama. Was hier im Modell zu sehen ist, soll in spätestens zwei Jahren einmal als „zero.factory” Wirklichkeit sein.


CONTAINERCHARME UND DESIGNANSPRUCH

Ein Fabrikgebäude aus gebrauchten Übersee-Containern – das ist die Idee von Dominic Heiße.  Seit einigen Jahren betreibt der „Immer-29“-Jährige eine Textilveredelung im Drebacher Ortsteil Venusberg. Schon 2012, noch als Design-Student an der Bauhaus-Universität in Weimar, hatte er das Modelabel lumipöllö gegründet. Der Herkunft des Namens entsprechend – es ist das finnische Wort für Schneeeule – entwarf er Stirnbänder, Mützen und andere Accessoires für Wintersportler. „Caps und Hoodies haben wir vor allem mit Stickerei veredelt. Daraus ist dann das Hauptgeschäft von lumipöllö entstanden“, erklärt er. Das besteht heute darin, hochwertige Kleidungsstücke vom T-Shirt bis zur BaseballKappe in kleineren Serien ab zehn Stück zu individualisieren. Ob Firmenevent oder kleines Festival, lumipöllö macht aus hochwertiger Massenware mittels Veredelung noch wertvollere Einzelstücke.

„Die meisten unserer Kunden stammen aus dem gewerblichen Bereich. Manchmal gibt es auch touristische Destinationen, Kulturveranstalter oder Vereine, die ganz besondere Bekleidung suchen“, berichtet er:

„Wir sind führend in Sachen Individualität.“

Das schätzen Kunden 38 in und außerhalb von Sachsen. 30 Prozent seiner Kunden stammen aus Österreich. Mundzu-Mund-Werbung beschert den Drebachern wachsende Bekanntheit. Vier Menschen sind in der Textilveredelung von lumipöllö neben Dominic Heiße mittlerweile beschäftigt. Daneben ist die Marke im Erzgebirgskreis auch im gastronomischen Bereich präsent. Neben der lumipöllö lounge gibt es seit neuestem einen alten Barkas B1000, der zum Foodtruck umgebaut wurde. 

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SOLARSTROM, ERDWÄRME UND ERZGEBIRGISCHE FICHTE

Im Textilbereich legt der Unternehmer Wert auf klimaneutrale Produkte, nicht zuletzt auch dem Wissen aus seinem Masterstudiengang in Nachhaltiger Produktion geschuldet: „In diesem Zusammenhang ist die Idee der zero.factory, also einer emissionsfreien Fabrik, entstanden.“ Doch statt sich einfach von einem Architekturbüro etwas entwerfen zu lassen, legte er selbst Hand an – in Form seiner Containerfabrik. „Die Idee ist in mehreren Etappen entstanden. Ursprünglich sollten sieben Container zur Fabrik freistehend auf einer grünen Wiese zusammengesetzt werden. Inzwischen integrieren wir die über 70 Jahre alte Scheune auf dem Grundstück meiner Familie als Lager“, erläutert Heiße. Zunächst als Kompromisslösung in Zusammenarbeit mit dem Bauamt des Erzgebirgskreises entstanden, findet er das Konzept heute sogar besser als seine ursprüngliche Idee: „Damit nutzen wir alte Bausubstanz neu und gewinnen jede Menge zusätzliche Dachfläche.“ Die soll, wie auch der Treppenturm und die oberste Etage seiner Fabrik, mit Solarpanels ausgestattet werden, um der zero.factory ausreichend Strom für Computer, Textilmaschinen und Laserzentrum zu liefern – wichtiges Element der emissionsfreien Produktion und Veredelung.

Auch beim Ausbau der Container geht Dominic Heiße eigene Wege. Um sinnvolle Raumgrößen zu erhalten, werden jeweils zwei Container zu einer Arbeitsfläche verbunden. Insgesamt entstehen so etwa 150 Quadratmeter Nutzfläche. Bereits vor drei Jahren hat sich der Unternehmer einen ersten Container besorgt und Verfahren entwickelt, daraus einen produktionsfähigen Arbeitsraum zu machen: Wie bekommt man ausreichend Fensterfläche und damit Licht in den Container, ohne dass das Metallgehäuse instabil wird? Wie geht man mit der wellenförmigen Oberfläche der Wände um? Wo verlegt man die Elektroinstallation? Und wie sorgt man dafür, dass sich der Arbeitsraum im Inneren im Sommer nicht zu sehr aufheizt und im Winter nicht eiskalt wird? „Für all diese Fragen gibt es keine Standardantworten, vieles erarbeite ich mir selbst“, sagt er.

Dabei setzt er auf Recyclingmaterialien und lokal verfügbare Rohstoffe: Alte Kaffee- und Kakaosäcke aus Jute werden gemeinsam mit Sprühkork zur dezimeterdicken Innendämmung. Für Wohlfühltemperaturen soll künftig eine Deckenheizung, integriert in einer Lehmdecke und gespeist aus Erdwärme, sorgen. Dominic Heiße arbeitet für den Probecontainer altes Parkett auf und verbindet alte Holzbohlen zu neuen Arbeitsflächen. Aus den Brettern eines alten Hühnerstalls wurde die Innenverschalung. Erfahrungswert für Letzteres: Ist schwierig und für sieben Folgecontainer kaum wiederholbar. „Also werden wir da Fichtenholz aus dem Erzgebirge nehmen. In 700 Meter Höhe gewachsen, in Marienberg geschlagen, in Drebach gesägt“, resümiert er.

BAUPROJEKT MIT MODELLCHARAKTER

Für Dominic Heiße ist es wichtig, die Zusammenhänge seines Bauwerks zu verstehen. „Deshalb nehme ich mir jetzt die Zeit, vieles auszuprobieren“, sagt er. Schließlich soll es – Designeranspruch – am Ende auch schön werden. „Ein Container an sich ist ja erstmal nicht besonders hübsch. Da muss man sorgfältig an den Details arbeiten, damit etwas Gutes entsteht.“ Nur eins will er nicht: Die Außenhülle verstecken. „Wenn man nicht mehr sähe, dass es Container sind, bräuchte ich ja auch keine Container benutzen.“ Deutlich günstiger als ein regulärer Neubau ist das Projekt übrigens nicht. Die Gesamtinvestition liegt im sechsstelligen Bereich, 35 Prozent davon werden durch eine GRW-Förderung der Sächsischen Aufbaubank finanziert. 

Das Geld scheint gut angelegt. Das Modell verspricht, dass in Venusberg ein Projekt mit überregionaler Strahlkraft entsteht. Die ist auch erwünscht: „Ich möchte hier ein nachahmenswertes Beispiel schaffen. Es soll zeigen, was in unserer Region möglich ist und was funktionieren kann, wenn man das wirklich möchte und konsequent vorantreibt“, schildert Heiße seine Motivation. Seine zero. factory soll Vorbild sein: „Ich glaube, das ist der beste Weg, um nachhaltiges Denken zu etablieren – es vorleben, es gut machen und damit andere mitreißen!“

Die sieben Container für die Umsetzung sind inzwischen angeliefert und warten auf dem Feld unweit ihres künftigen Standorts auf den Baustart. Das ideelle Fundament dafür ist gelegt, das physische wird im kommenden Frühjahr gegossen. „Die Produktion in unserer zero.factory können wir dann voraussichtlich 2027 aufnehmen. Dann hat lumipöllö eine neue Basisstation.“



Text: Sabine Schulze-Schwarz
Fotos: Magda Lehnert, lumipöllö