Aus einem Tag wird eine Perspektive

18.06.2026

Jedes Mal, wenn Kai Koehler am Getränkemarkt in Lößnitz vorbeiging, hatte er denselben Gedanken: „Das hier, das wäre es. Hier möchte ich arbeiten.“ Also nahm er seinen Mut zusammen, betrat den Markt und fragte den Filialleiter, ob er sich vorstellen könne, für ihn einen Außenarbeitsplatz einzurichten. Die Reaktion war freundlich, aber zunächst zurückhaltend. Wie würde eine solche Zusammenarbeit ablaufen? Welche Aufgaben könnte Kai übernehmen? Und wer wäre bei Fragen ansprechbar? Der Schichtwechsel Erzgebirge bringt Unternehmen und Menschen mit Behinderung zusammen. Wie viel daraus entstehen kann, zeigen Erfahrungen aus Betrieben der Region. 

Es sind Fragen, die viele Unternehmen beschäftigen, wenn sie erstmals über die Zusammenarbeit mit einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung nachdenken. Der Schichtwechsel kann helfen, Antworten darauf zu finden – nicht theoretisch, sondern mitten im Arbeitsalltag. Für einen Tag wechseln Beschäftigte aus Werkstätten für Menschen mit Behinderung und Mitarbeitende aus Unternehmen ihre Arbeitsplätze. Sie lernen andere Tätigkeiten, Abläufe und Menschen kennen. Der Aktionstag schafft damit eine Gelegenheit, Fähigkeiten unmittelbar zu erleben und mögliche Berührungsängste abzubauen. Bei Kai wurde aus dieser ersten Begegnung eine berufliche Perspektive.

Zeigen, was man kann

Beim Schichtwechsel 2023 arbeitete Kai für einen Tag in der Getränkeabteilung eines Supermarktes. Er schleppte Kisten, füllte Regale auf und sortierte Pfand. Schnell merkte er: Diese Arbeit liegt ihm. „Ich wollte zeigen, was ich kann.“ Nach dem Aktionstag kam erneut Bewegung in seinen Wunsch, im Getränkemarkt seiner Heimatstadt zu arbeiten. Im März 2024 begann er dort ein sechswöchiges Praktikum. Aus sechs Wochen wurde eine dauerhafte Zusammenarbeit. Heute arbeitet Kai an zwei Tagen pro Woche auf seinem Außenarbeitsplatz bei der Markgrafen Vertriebs GmbH in Lößnitz. Je nach betrieblichem Bedarf kann er auch häufiger eingesetzt werden. Er nimmt Warenlieferungen an, kontrolliert, ob alles vollständig ist, prüft Mindesthaltbarkeitsdaten, zeichnet Preise aus, verräumt Getränkekisten und arbeitet an der Kasse. „Ich bin sehr stolz, dass ich das machen kann, und froh, den Job bekommen zu haben“, sagt er.

Offenheit wächst durch Erfahrung

Dabei ist Kai Koehler nicht auf sich allein gestellt. Seine Jobcoaches begleiten ihn und stehen bei Fragen oder Schwierigkeiten zur Verfügung. Die Werkstatt beschreibt er als „sicheren Hafen im Hintergrund“. Diese Sicherheit gebe ihm den Mut, sich im Unternehmen einzubringen und neue Aufgaben zu übernehmen. „Es ist ein tolles Gefühl, in meiner Heimatstadt zu arbeiten und zu wissen: Ich werde hier gebraucht“, sagt Kai.

„Aus einer mutigen Frage und einem kleinen Kärtchen ist mein Arbeitsalltag geworden.“

Auch für Filialleiter Michael Werk war die Zusammenarbeit zunächst Neuland. Er informierte sich darüber, welche Abläufe und Unterstützungsangebote hinter einem Außenarbeitsplatz stehen. Während des Praktikums erlebte er dann, wie Kai arbeitet. „Ich habe gespürt, dass das funktionieren kann“, sagt Werk. Zu Beginn sei Kai im Kontakt mit Kundinnen und Kunden noch etwas zurückhaltend gewesen. Inzwischen habe er sich deutlich weiterentwickelt. Bei Fragen könne er jederzeit auf den Filialleiter zukommen. Entscheidend sei, gemeinsam zu prüfen, welche Aufgaben zu einer Person und zum jeweiligen Betrieb passen. Genau dabei unterstützen die Fachkräfte und Jobcoaches der Werkstätten.

Björn Knewitz, Jobcoach bei der INVITAS Lebenshilfewerk Schneeberg gGmbH, sieht im Schichtwechsel weit mehr als nur einen einzelnen Aktionstag. „Der Schichtwechsel bietet die Chance, zu zeigen, wie selbstverständlich Inklusion in unserer Gesellschaft gelebt werden kann“, erklärt er. Dabei gehe es darum, Menschen kennenzulernen, ihnen mit Respekt zu begegnen und zu prüfen, ob sich eine langfristige Zusammenarbeit auch für weitere Unternehmen anbietet. INVITAS beteiligt sich bereits seit fünf Jahren an dem bundesweiten Aktionstag. Derzeit verfügt das Lebenshilfewerk über 27 Außenarbeitsplätze und beschäftigt insgesamt rund 280 Menschen. „Die Mitarbeiter haben Potenzial“, betont Knewitz. „Hier werden nicht einfach Menschen beschäftigt, hier arbeiten engagierte und gut qualifizierte Mitarbeiter, die einen wertvollen Beitrag in Unternehmen leisten und zu einem wichtigen Bestandteil von Teams werden können.“

Vom Blick aus dem Fenster zum festen Arbeitsplatz

Dass ein Schichtwechsel Türen öffnen kann, zeigt auch die Geschichte von Tobias. Er arbeitete in einer Außenstelle von INVITAS, direkt gegenüber der Beauty Spa Servicegesellschaft mbH in Bad Schlema. Jeden Tag blickte er aus dem Fenster auf das Unternehmen, das Kosmetikprodukte und Parfums herstellt. In der Werkstatt hatte Tobias bereits kleinere Aufträge für das Unternehmen ausgeführt. Sein Wunsch war es jedoch, direkt vor Ort mitzuarbeiten. „Ich wollte nicht mehr nur rüberschauen – ich wollte zeigen, was ich kann“, erzählt er. Beim Schichtwechsel im Oktober 2023 nutzte Tobias seine Chance und arbeitete einen Tag bei Beauty Spa. Danach folgte ein Praktikum. Seit Februar 2024 hat er dort einen festen Außenarbeitsplatz. Heute faltet und verpackt er täglich Materialien und reinigt Tuben von Produktionsrückständen, bevor die Produkte an die Kundschaft versandt werden.

„Der Schichtwechsel ist ein gutes Format, um einen Einblick zu bekommen, was Menschen leisten können, die in einem Bereich eine Einschränkung haben."

"Wir haben durch das Ausprobieren gemerkt, dass es Arbeitsprozesse gibt, in die man sie einbinden kann“, sagt Yvonne Wolf, Abteilungsleiterin für Abfüllung und Konfektionierung. „Wir sind sehr zufrieden mit ihm.“ Auch hier war das persönliche Kennenlernen entscheidend. Aus einer bekannten Tätigkeit, einem Aktionstag und einem Praktikum entwickelte sich Schritt für Schritt ein dauerhafter Arbeitsplatz.

Ein fester Teil des Teams

Bei der UNGER Kabelkonfektions GmbH im Sehmatal arbeitet Marcel Herrmann seit Sommer 2025 auf einem Außenarbeitsplatz der Lebenshilfe Annaberg. Die Tätigkeiten waren ihm bereits vertraut, weil das Unternehmen zuvor Aufträge an die Werkstatt vergeben hatte. Marcel wickelt Kabel, verpackt sie und hat inzwischen weitere Arbeitsschritte erlernt. Im Verlauf eines Arbeitstages wechselt er zwischen verschiedenen Tätigkeiten. Selbstständig fährt er mit dem Bus zur Arbeit. Seine Arbeitszeiten wurden dafür an die Verbindungen des öffentlichen Nahverkehrs angepasst. „Mir macht die Vielseitigkeit und die Abwechslung viel Spaß“, sagt Marcel.

Schichtverantwortlicher André Sandig begleitet ihn im betrieblichen Alltag. Auch Sandig musste sich als Quereinsteiger einst in neue Prozesse einarbeiten. Diese Erfahrung hilft ihm dabei, Verständnis beim Erlernen von Arbeitsschritten aufzubringen. „Marcel hat eine schnelle Auffassungsgabe, ist sehr motiviert und möchte immer Höchstleistung schaffen“, sagt er. Für Holger Voigt, Produktionsverantwortlicher bei UNGER, beginnt eine Zusammenarbeit vor allem mit Offenheit.

„Jeder hat seinen Platz in der Gesellschaft, jeder hat einen Wert."

„Menschen und ihre Fähigkeiten über einen Schichtwechsel kennenzulernen, ist eine gute Sache, um zu sehen, ob es Sinn machen könnte.“ Der Schichtwechsel könne ein erster Schritt für eine Zusammenarbeit mit einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung sein. Sein Rat an andere Unternehmen ist deshalb einfach: „Man sollte offen sein.“

Abwechslungsreiche Aufgaben

Auch Jörg Gnitka hat bei Haus- und Elektrotechnik Uhlig in Schwarzenberg einen Außenarbeitsplatz gefunden, an dem er seine Fähigkeiten einbringen und weiterentwickeln kann. Er unterstützt bei der Pflege der Grundstücke und des Fuhrparks, übernimmt Reinigungsarbeiten und ist auch auf Baustellen im Einsatz. „Die Arbeit auf meinem Außenarbeitsplatz gefällt mir sehr, weil sie abwechslungsreich ist und ich jeden Tag unterschiedliche Aufgaben übernehmen kann“, sagt Jörg Gnitka. „Es macht mich stolz, wenn ich sehe, was ich geschafft habe und dass meine Arbeit gebraucht wird.“ Während seiner Tätigkeit habe er viel Neues gelernt und seine Fähigkeiten weiterentwickelt. Besonders wichtig ist für ihn auch die Aufnahme in das betriebliche Team: „Ich freue mich darüber, dass ich von meinen Kolleginnen und Kollegen gut aufgenommen wurde und mich als Teil des Teams fühle.“

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Auch Thomas Uhlig, Inhaber von Haus- und Elektrotechnik Uhlig, zieht eine positive Bilanz. Jörg sei inzwischen ein fester und geschätzter Bestandteil des Teams und unterstütze das Unternehmen zuverlässig bei unterschiedlichsten Aufgaben. „Die Zusammenarbeit mit der Werkstatt für behinderte Menschen erleben wir durchweg positiv“, sagt Thomas Uhlig. „Wir gewinnen engagierte und motivierte Mitarbeitende und ermöglichen gleichzeitig Menschen mit Behinderung, ihre Fähigkeiten in einem realen Arbeitsumfeld einzubringen und weiterzuentwickeln.“ Für ihn profitieren beide Seiten von der Kooperation. Das Unternehmen erhält verlässliche Unterstützung bei konkreten betrieblichen Aufgaben. Gleichzeitig kann Jörg seine Kompetenzen erweitern, Verantwortung übernehmen und sich als Teil eines Teams erleben. „Diese Kooperation ist für beide Seiten eine echte Bereicherung und zeigt, wie gut gelebte Inklusion in der Praxis funktionieren kann“, fasst Thomas Uhlig zusammen.

Unterschiedliche Modelle für unterschiedliche Unternehmen

Wie eine Zusammenarbeit gestaltet wird, hängt von den Aufgaben, den betrieblichen Bedingungen und den beteiligten Menschen ab. Neben einzelnen Außenarbeitsplätzen sind auch Gruppenlösungen möglich.Bei der Osteks GmbH in Elterlein arbeiten acht Beschäftigte der Lebenshilfe Stollberg als Gruppe im Unternehmen. Osteks ist auf Pulverbeschichtung und kathodische Tauchlackierung spezialisiert und bearbeitet vor allem Metallteile für Unternehmen aus der Region. Gruppenleiter Mario Stein ist ständig vor Ort. Er strukturiert den Arbeitsalltag, arbeitet die Beschäftigten in neue Aufgaben ein und prüft, welche Tätigkeiten zu den jeweiligen Fähigkeiten passen. Gleichzeitig ist er das Bindeglied zwischen dem Unternehmen und der Werkstatt. Er gibt Sicherheit, schafft verlässliche Strukturen und unterstützt die Beschäftigten dabei, Aufgaben zunehmend selbstständig auszuführen. Die Arbeit nimmt er ihnen dabei nicht ab.

Osteks arbeitet seit sieben Jahren mit den Lebenshilfewerkstätten in Annaberg-Buchholz und Stollberg zusammen. Für Betriebsleiter und Prokurist Georg Scholz wirkt sich die Zusammenarbeit auch auf die Unternehmenskultur aus.

„Die Mitarbeitenden aus der Lebenshilfewerkstatt bereichern das Arbeitsklima."

Die Kolleginnen und Kollegen würden durch die Begegnungen viele Dinge neu betrachten und anders wertschätzen. Menschen mit Behinderung brächten viel positive Stimmung in die Teams und seien stolz auf das, was sie im Unternehmen leisten. Inzwischen, so Scholz, fragten Mitarbeitende aus den einzelnen Teams bereits von sich aus, wann wieder jemand aus der Werkstatt bei ihnen mitarbeiten werde.

Begleitete Arbeitsplätze mitten im Unternehmen

Außenarbeitsplätze werden auch als betriebsintegrierte Arbeitsplätze bezeichnet. Die Beschäftigten arbeiten dabei direkt in einem Unternehmen, bleiben rechtlich jedoch der Werkstatt für Menschen mit Behinderung zugeordnet. Für die Beschäftigten bedeutet das: Sie können Erfahrungen in einem Unternehmen sammeln, neue Aufgaben erlernen und ihre persönlichen sowie beruflichen Fähigkeiten weiterentwickeln. Gleichzeitig bleiben vertraute Strukturen und fachliche Begleitung erhalten. Bei Bedarf besteht die Möglichkeit, wieder auf einen Arbeitsplatz innerhalb der Werkstatt zurückzukehren.

Auch Unternehmen werden begleitet. Jobcoaches unterstützen dabei, geeignete Tätigkeiten zu finden, Arbeitsabläufe vorzubereiten und Fragen während der Zusammenarbeit zu klären. Langfristiges Ziel kann der Übergang in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt sein. Doch auch ein dauerhafter Außenarbeitsplatz kann Teilhabe ermöglichen und sowohl für die beschäftigte Person als auch für das Unternehmen einen konkreten Mehrwert schaffen.

Heiko Weidlich, Jobcoach bei INVITAS, hat in den vergangenen Jahren erlebt, wie sich Menschen in Unternehmen weiterentwickeln. Ihre Fähigkeiten und Stärken könnten dort gezielt gefördert werden. „„Inklusion wird oft als großes, theoretisches Wort genutzt. Dahinter verbergen sich aber ganz reale Erfolgsgeschichten“, sagt er. „In den letzten Jahren habe ich hautnah miterlebt, wie Inklusion in Unternehmen nicht nur besprochen, sondern ganz natürlich gelebt wird.“

Ein Tag zum Kennenlernen

Am 24. September 2026 findet der Schichtwechsel erstmals als gemeinschaftliche Aktion im gesamten Erzgebirge statt. Beteiligt sind die Lebenshilfe Annaberg, die Lebenshilfe Stollberg, die Lebenshilfe Schwarzenberg, das Lebenshilfewerk Mittleres Erzgebirge und INVITAS Schneeberg. Unternehmen können für einen Tag Beschäftigte aus einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung bei sich aufnehmen. Gleichzeitig haben eigene Mitarbeitende die Möglichkeit, die Arbeitswelt einer Werkstatt kennenzulernen. Der Schichtwechsel fördert Begegnungen, baut Barrieren ab und macht die Fähigkeiten und Potenziale von Menschen mit Behinderung sichtbar. Er stärkt die berufliche Teilhabe und Inklusion und eröffnet - wo dies den Wünschen und Möglichkeiten der Beteiligten entspricht - Wege in eine reguläre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Der Schichtwechsel im Erzgebirge ist aus einer Kooperation zwischen der Lebenshilfe Annaberg e.V. und der Agentur für Arbeit Annaberg-Buchholz entstanden und bildet die Grundlage für den Austausch zwischen Werkstatt und Unternehmen.

Dabei geht es nicht darum, innerhalb eines Tages fertige Lösungen zu präsentieren. Es geht darum, einander zu begegnen, Tätigkeiten auszuprobieren und gemeinsam herauszufinden, was möglich sein könnte. Vielleicht entsteht daraus ein Praktikum. Vielleicht entwickelt sich ein Außenarbeitsplatz. Vielleicht verändert die Begegnung zunächst nur die Sichtweise eines Teams. Auch das kann ein wichtiger Anfang sein.

Kai Koehler weiß heute, dass sich sein Mut gelohnt hat. Er ging in einen Getränkemarkt und stellte eine einfache Frage. Der Schichtwechsel gab ihm die Möglichkeit, seine Fähigkeiten zu zeigen. Ein Praktikum folgte, dann ein fester Außenarbeitsplatz.

Die Schirmherrschaft hat die Wirtschaftsförderung Erzgebirge GmbH .