Von Mailand ins Erzgebirge: Drei Häuser in der neuen Heimat
„Ich wurde unglaublich herzlich aufgenommen und fühle mich schon ein bisschen wie zu Hause“, sagt sie nach ihren ersten Wochen im Erzgebirge . Dabei bringt die neue Museumsleiterin neben einem internationalen Lebenslauf eine große Leidenschaft für Museen, Sammlungen und die Geschichten hinter den Dingen mit. Zanaboni studierte Kunstgeschichte und Literatur in Mailand sowie Kunstgeschichte und Curatorial Studies an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Ihre Promotion in Kulturwissenschaft schloss sie Anfang 2026 an der Technischen Universität Berlin ab. Zu ihren beruflichen Stationen und Projekten zählen unter anderem die Klassik Stiftung Weimar, das Deutsche Optische Museum Jena, der Palazzo Reale in Mailand sowie das Musée national des châteaux de Malmaison et Bois-Préau bei Paris.
Dass ihr Weg nach Annaberg-Buchholz führte, war dabei keineswegs Zufall. Nach Abschluss ihrer Dissertation entdeckte Zanaboni die Stellenausschreibung der Stadt und war sofort elektrisiert. „Mein erster Gedanke war tatsächlich: ,Oh mein Gott, ich will diese Stelle!‘“, erzählt sie lachend. „Fast alles, womit ich mich in meinem bisherigen Berufsleben beschäftigt habe und wofür ich Leidenschaft empfinde, fand sich darin wieder. Ich hatte sofort dieses Bauchgefühl: Diese Stelle ist wie gemacht für mich.“ Spätestens beim Vorstellungsgespräch kam noch ein weiterer Faktor hinzu: die Menschen. Die Offenheit und Herzlichkeit, die ihr begegneten, hätten sie sofort angesprochen.
Drei Museen – Hände, Herz und Seele
Mit dem Erzgebirgsmuseum und Besucherbergwerk „Im Gößner“, der Manufaktur der Träume sowie dem Frohnauer Hammer übernimmt Zanaboni drei Häuser, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und die für sie dennoch eng zusammengehören. Ihre spontane Beschreibung dafür ist ebenso ungewöhnlich wie treffend: Sie betrachtet die drei Museen als Teile eines Organismus. „Der Frohnauer Hammer ist für mich wie die Hände – dort geht es um Handwerk , Können und darum, was Menschen geschaffen haben. Die Manufaktur der Träume ist das Herz: poetisch, atmosphärisch und ein Ort, an dem man wieder ein Stück weit Kind wird. Und das Erzgebirgsmuseum mit dem Besucherbergwerk ist für mich die Seele. Der Bergbau ist die Seele von Annaberg-Buchholz.“
Was Serena Zanaboni bereits nach wenigen Wochen in Annaberg-Buchholz besonders berührt, ist die enge Verbindung der Menschen zu ihrer eigenen Geschichte und Kultur. „In einer globalisierten Welt, in der sich vieles immer stärker ähnelt, ist diese tiefe Verwurzelung in der eigenen Geschichte und Tradition etwas Besonderes. Hier spürt man, dass die Menschen stolz auf ihre Wurzeln sind und Traditionen nicht nur ausstellen oder bewahren, sondern wirklich leben und weitergeben.“
Geschichten entdecken, die in Dingen verborgen liegen
Genau dort setzt auch eine ihrer großen fachlichen Leidenschaften an: die Provenienzforschung. Die 39-jährige, gebürtige Italienerin interessiert nicht allein, was ein Museumsobjekt ist, sondern ebenso, woher es kommt, wem es gehörte, welche Wege es zurückgelegt hat und welche Menschen mit ihm verbunden waren. „Ein Objekt ist für mich niemals einfach nur ein Gegenstand in einer Vitrine“, sagt sie. „Objekte erzählen Geschichten. Man muss nur forschen, genau hinsehen und ihnen zuhören.“
Ein Museum muss unter die Haut gehen
Bei aller wissenschaftlichen Tiefe hat Zanaboni eine klare Vorstellung davon, was ein Museum heute leisten muss: Es soll nicht nur bewahren, sondern berühren. „Ein gutes Museum muss die Vergangenheit so vermitteln, dass sie mit den Menschen von heute spricht“, erklärt sie. Dabei gehe es nicht darum, wissenschaftliche Inhalte zu vereinfachen, bis nichts mehr von ihnen übrigbleibt – sondern darum, sie verständlich, spannend und emotional zu erzählen.
Mit Mokkakanne und viel Neugier im Erzgebirge angekommen
Und wie groß ist der Kulturschock für eine gebürtige Mailänderin im Erzgebirge? „Ich sehe mich sehr stark als Europäerin. Und natürlich bin ich Italienerin – aber meine Mokkakanne habe ich immer dabei. Damit ist schon einmal ein wichtiges Problem gelöst“, sagt Zanaboni lachend. Mailand als internationale Metropole für Mode und Design und Annaberg-Buchholz ließen sich ohnehin kaum miteinander vergleichen. Sie empfinde die Unterschiede vielmehr als Bereicherung. Besonders angetan haben es ihr bislang die Herzlichkeit der Menschen, die Natur und – natürlich – die Schwibbögen . Bei der erzgebirgischen Küche gibt es hingegen noch Nachholbedarf. Die Klitscher warten unter anderem noch auf ihre Verkostung. Bis dahin verteidigt die Italienerin selbstverständlich die italienische Küche.
Und wenn Serena Zanaboni in fünf Jahren auf ihre ersten Wochen in Annaberg-Buchholz zurückblickt, welche Worte sollen ihr dann in den Sinn kommen? „Voll, aber herzlich. Anspruchsvoll, aber lustig – und erfüllend.“ Mehr als ein Wort – aber vielleicht gerade deshalb eine ziemlich passende Beschreibung für einen Neubeginn, der schon jetzt nach viel Begeisterung klingt. Denn Serena Zanaboni ist nicht ins Erzgebirge gekommen, um nur einen kurzen Zwischenstopp einzulegen.