Minister geht bei der Chefin in die Lehre

Nach der Ehrung mit dem Sächsischen Umweltpreis 2011 wurde gestern die Erzgebirgische Landbäckerei Drebach noch in die Umweltallianz Sachsens aufgenommen.

VON GUDRUN MÜLLER

SCHARFENSTEIN - 120.000 wiederverwendbare große Papiertüten werden pro Jahr in den 24 Filialen der Erzgebirgische Landbäckerei GmbH Drebach an Kunden abgegeben. Wenn sie beim nächsten Einkauf diese Tüten wieder mitbringen, wird das honoriert: Ab einem Einkaufswert von zwei Euro gibt es bei der Zweit- und Mehrfachnutzung ein Doppelbrötchen gratis. Das summierte sich 2011 bis Ende September auf 55.000 Stück Backwaren, die kostenlos in die Papiertüten gewandert sind. "Wir haben also 55.000 Brötchen in diesem Jahr verschenkt", sagte Geschäftsführerin Rosemarie Haase schmunzelnd. "Wir erziehen damit auch unsere Kunden, überlegter mit Verpackungsmaterial umzugehen. Und in der Papiertüte bleibt das Brötchen knusprig", ergänzt sie.

"Wir haben 55.000 Brötchen in diesem Jahr verschenkt."

Rosemarie Haase Inhaberin

Für Marketingleiterin Mandy Lüdcke sind die wiederverwendbaren Tüten eine Möglichkeit, Kunden zu binden und erheblich Verpackungskosten zu sparen. Manche Kunden nutzten die Tüten bis zu 20-mal.

Auch diese Aktion trug dazu bei, dass die Bäckerei mit dem Sächsischen Umweltpreis für umweltorientierte Unternehmensführung geehrt werden konnte. Bei der Auszeichnung wurde der sächsische Minister für Umwelt und Landwirtschaft Frank Kupfer auf die Erzgebirgische Landbäckerei aufmerksam und interessierte sich für die dabei gesammelten Erfahrungen. Denn das Unternehmen hat nach umfangreichen Energieeinsparungen ebenso den Sächsischen Energiepass erkämpft sowie Zertifikate für umweltorientiertes Verhalten. Der Minister hat die Landbäckerei dafür gestern in die Umweltallianz Sachsens aufgenommen, der schon 1000 vorbildliche Firmen angehören.

Als Krönung ihres Lebenswerkes bezeichnete die Geschäftsführerin den Besuch des Ministers. "Und jeder unserer 104 Mitarbeiter hat sich dabei ein Krönchen mit verdient", sagte sie. In bewegenden Worten verdeutlichte die Firmeninhaberin die über 20-jährige Firmengeschichte, in der zwar Schritt für Schritt 8,5 Millionen Euro ins Gebäude, Maschinen und Technik gesteckt wurden, aber auch immer wieder Rückschläge zu verkraften waren.

In der Backstube wurde der Umweltminister für Minuten zum Lehrling von Rosemarie Haase: Von der Chefin, die über 100 junge Leute in zwei Jahrzehnten ausgebildet hat, ließ sich Minister Kupfer zeigen, mit welchen Handgriffen Stollenteig geknetet wird, bevor er es selbst probierte. Denn diese Woche hat die Stollenbäckerei, in Handarbeit wie Produktionsleiter Sven Fritsche betont, begonnen. Fünf Tonnen Stollen lautet das Ziel bis Weihnachten.

In der Bäckerei werden pro Woche 20 Tonnen Teig verarbeitet. Daraus entstehen bis zu 600 verschiedene Produkte - alles Kreationen der 70-jährigen Chefin, die offenbar gefragt sind. Denn allein bei Erzeugnissen aus hellem Mehl gibt es laut Fritsche seit 2009 eine Steigerung der Produktion um 27 Prozent. "Ich bin beeindruckt von ihren Leistungen, sie haben immer die Zukunft im Blick", hob der Minister hervor. Quelle: Freie Presse, Ausgabe Zschopauer Zeitung, 15.10.2011