„Wer kauft denn so ein Haus?!“

10.06.2026

Wenn morgens die fünf Hunde draußen im großräumigen Zwinger anschlagen, dauert es nicht lange, bis Bewegung ins Grundstück am Wald kommt. Die Hunde verlangen ihre Portion Essen, Zuwendung und Bewegung, bevor Steffi und Ivo zu ihren Arbeitsstellen aufbrechen. Oder vorher noch eine Runde mitten durch die Natur laufen, den Blick zwischen den Feldern auf die Stadt Annaberg-Buchholz genießen. Für Ivo und Steffi ist das trotz Alltag immer wieder ein besonderer Moment. Genau der Alltag, den sie gesucht haben.

Dass sie einmal hier zusammen landen würden, im Erzgebirge , mit viel Platz, Ruhe und einem Leben rund um ihre Hunde – das war so nicht geplant. Angefangen hat alles eher zufällig. Mit zwei Hunden, die beide einfach zu viel Energie hatten. „Ich bin zehn Kilometer joggen gegangen und danach war der gerade mal warm“, erzählt Steffi über den Moment, wo sie auf den Hund gekommen war. Das war noch in ihrem „vorherigen“ Leben: in einer anderen Beziehung in einer dem Erzgebirge sehr gegensätzlichen Region im flachen Norden. In der Hundeschule probierte sie damals vieles aus, bis sie zum ersten Mal einen Zughundekurs machte. Einmal eingespannt und der Hund lief einfach los. Während andere noch locken mussten, war ihrer längst unterwegs. Kurz darauf: ein Rennen. Eigentlich nur aus Spaß. Eine Freundin hatte sie überredet. „Und dann bin ich direkt Zweite bei der Deutschen Meisterschaft geworden und war aber noch nicht mal im Verein organisiert.“

Auch Ivo hatte seinen eigenen Einstieg in den Sport. In Schwarzenberg im Erzgebirge aufgewachsen, war er von Klein auf immer sportlich vor allem auf den Langläufern bis kurz vorm Leistungssport unterwegs. Später spielte er über 20 Jahre Handball, bis es körperlich nicht mehr ging. Über einen Hund kam auch er zum Zughundesport, probierte es aus und blieb dran. Zwei Jahre lang gewann er nahezu alles, was man in Deutschland gewinnen kann und fuhr auch Trails in ganz Europa. Kennengelernt haben sich die beiden schließlich 2012 bei einem Rennen am Nord-Ostsee-Kanal. Für Ivo war das damals eine fremde Welt. „Da zeigt das Navi minus 30 Meter Höhe“, erinnert er sich und lacht: „Da habe ich mich schon unwohl gefühlt.“ Erst Jahre später wurden sie ein Paar.

Es ist dieser Kontrast, der sich durch ihre Geschichte zieht. Ivo, verwurzelt im Erzgebirge, der seiner ersten Frau wegen nach Bayern zog und dort über 20 Jahre in München und Bad Tölz nie ganz ankam. Steffi, aufgewachsen zwischen Nord- und Ostsee, später in Niedersachsen. Und irgendwann stand zwischen all der Pendelei zwischen Nord und Süd die Frage, wo sie gemeinsam leben wollen.

Die Antwort hatte vor allem mit ihren Hunden zu tun. Denn Steffi hatte, als sie Ivo kennenlernte, inzwischen Verantwortung für zwölf Hunde. Irgendwann fiel die Entscheidung für das Erzgebirge. Die Suche nach dem passenden Haus wurde zur Geduldsprobe. Die Kriterien orientierten sich an den Vierbeinern: Freiraum, Ruhe und direkter Zugang zur Natur. Fast ein Jahr lang schauten sie sich Objekte an. Immer dann, wenn sie Ivos Familie und Freunde im Erzgebirge besuchten, wurde die Reise gleich dafür mit genutzt. „Wir haben nicht von einem Luxusschloss geträumt“, sagt Ivo. „Aber dass es so eine Odyssee wird, hätten wir nicht gedacht.“ Als sie das Haus mit offensichtlichem Sanierungsstau in Neu-Amerika schließlich fanden, gab es von außen manchmal fragende Blicke. Für sie war die Antwort einfach: Es passte, vor allem für die Hunde. „Hätten wir zehn Millionen gehabt“, sagt Ivo,

„so ein Grundstück hätten wir rund um München trotzdem nicht bekommen.“

In einer Immobilienanzeige würde es wohl so ähnlich heißen: „ein Haus mit Charme für Bauliebhaber, riesigem Gartengrundstück zur Selbstverwirklichung und unendlichem Wald – gratis vor der Haustür.“ „Manche haben sich gefragt, wer so ein Gebäude kauft“, erzählt Steffi. Viele Gutachten, Bankgespräche, offene Fragen und Nervenlassen war es Mitte 2024 endlich so weit. Der Start zum Umsetzen der Lebensmittelpunkte war – zunächst für ein paar Monate als Mieter mit der Option zum Kauf – gefallen. Schritt für Schritt arbeiteten sie sich durch viel Papierkram durch und fast parallel am Haus entstand zuallererst ein geräumiger Zwinger. Spaziergänger bleiben noch heute manchmal stehen, staunen, stellen Fragen. „Nein, wir züchten nicht und sind auch keine Außenstelle vom Tierheim“, lacht Ivo.

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Der Anfang im Erzgebirge war trotzdem nicht nur leicht. Manchmal kamen Momente mit der Frage, ob der Schritt richtig war. Vor allem, als es mit der Übernahme des Hauses bürokratisch nicht voran ging. Und schließlich brauchte es noch die wichtigste Basis für ein gemeinsames Leben: gute Jobs in der neuen Heimat zu haben. Steffi ist Lehrerin, ausgebildet für ein flexibles Schulsystem von Klasse eins bis neun, was es so in Sachsen nicht gibt. Ivo ist Polizist. Für ihn bedeutete dies, eine Art Tauschpartner in Sachsen zu finden, um aus Bayern wechseln zu können. Das funktionierte nicht so schnell wie erhofft. Also zog Steffi zunächst allein ins Erzgebirge – in eine neue Umgebung mit neuen Menchen und neuem Job. Ivo pendelte weiter. Steffi erinnert sich an ihren ersten Winter – mitten in der plötzlich über Nacht tief verschneiten Landschaft , wie sie es noch nicht gesehen hatte. „Ich saß morgens allein da und habe Ivo am Telefon gefragt: Wie komme ich jetzt zur Arbeit an die Bärensteiner Schule?“ Ivo hatte zumindest für die Zukunft eine einfache Antwort: „Du bekommst ein Allradfahrzeug, wenn du dein altes verkaufst.“ Was zunächst fremd war, wurde mit der Zeit vertraut. Besonders die Nachbarschaft machte vieles leichter.

„In Niedersachsen hatte ich eine tolle Nachbarschaft, aber auch hier bin ich gleich auf nette Nachbarn gestoßen. Ich war von Beginn an nie allein, konnte jederzeit rübergehen. Das gab mir Sicherheit.“

Und auch sonst: gemeinsame Grillabende, das Feierabendbier am Zaun, die Fahrt zum Fußballspiel, das Leihen von Werkzeugen, die haltende Hand, wo einer am Bau mehr gebraucht wird. Und dann sind ja hier sowieso noch seine Freunde aus Schultagen, die längst ihre gemeinsamen geworden sind. In Flensburg, wo sie herkäme, würde über die Menschen übrigens das gleich gesagt wie über die Erzgebirger: anfangs verschlossen, mürrisch, schwer zu knacken. Deshalb kann sie über solche Klischees nur den Kopf schütteln. „Im Erzgebirge weißt du nach der ersten Nachtschicht zu zweit, wo seine Schwiegermutter arbeitet und welche Krankheiten sie hat. In Bayern habe ich das anders erlebt: Man fährt drei Jahre lang mit jemandem Nachtschicht und ich weiß fast nichts über die Person. Dort habe ich Verschlossenheit erlebt, auch wenn uns das hier eigentlich nachgesagt wird. Ich war der ewig Zugereiste.“ Nicht alle seien so gewesen, aber die Art von Nachbarschaft wie hier kenne Ivo tatsächlich vor allem aus seiner Münchener Zeit nicht. Großstadt eben.

„Orientier dich doch einfach an den Bergen“, sagte der erzgebirgserfahrene Ivo anfangs zu seiner Flachländerin Steffi, wenn sie sich in der Natur beim stundenlangen Laufen orientierungslos vorkam. Wohl gefühlt hatte sich Steffi hier in der hügeligen Landschaft von Anfang an, kannte die Bergwelt vorher vor allem aus Urlauben in Norwegen. „Da, wo ich herkomme, war alles mit Fahren verbunden. Ich brauchte zwei Stunden zum Meer und auch bis zum nächsten Berg. Ich lebte irgendwo dazwischen.“ Inzwischen war sie hier auf jedem Berg mindestens einmal oben und ist froh, dass sie fast jeden an seinem eigenen Turm erkennt.

Und die Traditionen hätten sie vom ersten Moment begeistert: von Weihnachten über die Handwerkskunst bis hin zum Steigerlied im Stadion, dass sie heute mindestens so euphorisch besucht wie ihr Mann. Da fällt Steffi auch gleich eine Anekdote ein: „Ivo sagte mir todernst, dass ich zum Bewerbungsgespräch auf jeden Fall das Steigerlied können muss. Ich glaubte ihm diesen Scherz.“ Natürlich hat sie es auswendig gelernt und kann heute sogar Einheimischen manchmal im Liedtext aushelfen. Und zu den Bergaufzügen muss Ivo nun im Advent auch regelmäßig gehen, weil sie das Flair so besonders findet – obwohl er das dichte Gedränge nicht mag.

Klischees: Wie Humor zur Brücke wird

Nord-Süd und Ost-West. Mit Steffi und Ivo kommt man automatisch irgendwann auf dieses Thema. Klischees zum Osten kannte Steffi früher nicht: „Ich bin 1984 geboren, zum Mauerfall war ich noch ganz klein. Und bei uns zuhause war das nie Thema. Es gab Deutschland, aber es gab nicht Ost und West.“ Ihr fällt aber in Gesprächen auf, dass im Erzgebirge das Thema noch präsenter ist. „In Ost und West zu denken ist für mich anfangs ganz befremdlich gewesen.“ Das Paar diskutiert ab und zu darüber. Ivo sagt: „Es sind oft diejenigen, die sich einfach vergessen fühlen, das muss man verstehen.“ So wie Ivo sich in Bayern Sprüche zu seiner Heimat anhören musste, geht es hier heute manchmal umgekehrt. „Ach, meistens steh ich drüber und wenn ich dann einen lustigen Spruch zu meinem Gesprächspartner mache, fallen wir meistens beide lachend vom Stuhl.“ Und beide spüren: So bissig war das eigentlich gar nicht gemeint, weil jeder seine Geschichte einfach mitbringt. Dennoch hat Ivo einen Wunsch:

„Es gibt im Erzgebirge viele Menschen, die anpacken, aber eben auch welche, die meckern und jammern. Alle sollten mal ihr Herz in die Hand nehmen und losmachen und das Anspruchsdenken ein bisschen loslassen.“

Stillstand kennt das naturverliebte Paar nicht. Auch wenn aktuell Haus- und Hofbau in der Freizeit Vorrang haben und das Training etwas zu kurz kommt: An Wettkämpfen möchten die beiden Hundeschlittensportler dennoch künftig mit ihren treuen Gespannen teilnehmen. Bewegung, Sport, das bleibt Teil ihres Lebens. Und spätestens, wenn die fünf Hunde unruhig mit all ihrer Power durch das Grundstück rennen, wissen sie: Es Zeit für den nächsten Lauf ihres neuen Lebens.