Dorf-Klischee? Adé!

15.09.2026

„Schreibe doch mal über dich.“ Ohne großartig darüber nachzudenken, habe ich eingewilligt. Denn: Ich habe schon viele Artikel als Redakteurin geschrieben. Jetzt kommt allerdings ein Aber: immer über andere. Von daher gar nicht leicht. Wo anfangen?

Ich probiere es mal so: Ursprünglich komme ich aus dem Westerzgebirge, aus Schneeberg . Schon zu Abi-Zeiten war mir allerdings klar, dass ich rausmusste – in die Großstadt, in die Welt. Ich wollte nicht in die Fußstapfen der Eltern treten, bei meinem Job über Wetter und Dorfklatsch reden, immer die gleichen Menschen sehen. Abwechslung und Neues entdecken – das trieb mich an und schließlich sogar aus Sachsen heraus. Mein halbes Leben habe ich in verschiedenen bayerischen Großstädten gelebt. Ja, ich weiß, Bayern ist Geschmackssache, ich liebte stets die gemütliche Biergartenstimmung, das Essen, die Dialekte.

Und egal ob ich in Bayern oder Franken (das ist für die Einheimischen klar zu differenzieren) wohnte, ich fühlte mich immer wohl. Auch das Großstadtleben war genau mein Ding: die unzähligen Freizeitmöglichkeiten, Anonymität, so viele unterschiedliche Menschen auf einem Fleck. Daher waren solche Reaktionen auf meinen geplanten Erzgebirgischen-Dorf-Umzug im Familien- und Freundeskreis nicht verwunderlich: „Du willst ernsthaft dein geliebtes Bayern verlassen?“ oder „Anne, da steckt ‚Dorf‘ im Namen, das kannst du nicht ernst meinen!“ Besonders herrlich war auch ein Kommentar von einer Mitarbeiterin aus einer Arztpraxis: „Ins AFD-Land ziehen? Sehr mutig!“ Berechtigte Zweifel, wenn man mein Leben ab dem 19. Lebensjahr betrachtet. Aber was will man machen, wenn der Freund das Erzgebirge nicht verlässt, es aber Zeit fürs Zusammenziehen wird?

Außerdem merkte ich ab meinem 40. Lebensjahr, nach insgesamt zwölf Umzügen und permanentem Großstadtleben: Es ist Zeit, endlich anzukommen. Der Wunsch nach einem eigenen Heim und Garten machte sich zudem immer breiter. Ich hatte mich im Laufe der Jahre städtisch schon immer verkleinert: München, Nürnberg, Kulmbach. Plötzlich kam die Idee von meinem Freund, zusammen in ein Haus zu ziehen – aber in einem erzgebirgischen Dorf. Totschlagargument: bezahlbar. Dazu die Familie ums Eck: „Du verstehst den Dialekt doch noch“. Hm, das musste ich erstmal sacken lassen.

Das ERZGEBIRGE ist eine Zuzugsregion. In den letzten Jahren sind mehr Menschen ins Erzgebirge gezogen als weggezogen. 

DIE GEGEND ÜBERZEUGTE

Einige Hausbesichtigungen und Monate später sind wir in einem Dorf bei Augustusburg fündig geworden. Ein Haus mit Potenzial, allerdings waren viele Sanierungsarbeiten nötig, dafür mit großem Garten, ruhig und sonnig gelegen. Wir ließen die Idee wachsen, schauten es uns mehrfach an, begannen uns vorzustellen, wie wir es für uns passend umgestalten könnten. Dazu erkundeten wir die Gegend: die hübsche Augustusburg, die umliegenden Wiesen und Wälder, das idyllische Flöhatal. Und was soll ich sagen: Es wirkte! Wir haben uns auf eine Bank mit Blick aufs neue Heimatdorf gesetzt und ich sagte zu meinem Freund (dessen Spitzname eine kleine liebevolle Erweiterung seines Trabi-Kennzeichens ist: H-ERZ-I): „Wenn wir das machen und es nicht gut wird, müssen wir nicht unglücklich in Leubsdorf sterben.“ Er nickte.

Soll ich’s wirklich machen…

Oder lass ich’s lieber sein? Ich fuhr zunächst nach Bayern zurück. Mir gingen tausende Gedanken durch den Kopf. Unsicherheit machte sich breit. Was, wenn mir das zu klein ist, mir die Decke auf den Kopf fällt, Abwechslung fehlt? Zumal ich mit weitgehend Homeoffice dann fast immer von daheim arbeiten würde. Bisher konnte ich alles in meiner Freizeit ablaufen: zum Einkaufen, ins Restaurant, ins Kino . Zudem sind wir gewollt kinderlos, lernen nicht einfach Andere in unserem Alter über Kindergarten und Schule des Nachwuchses kennen. Und was, wenn die Nachbarn Alteingesessene sind, mich als eine komisch sprechende Großstadt-Akademikerin aus Bayern blöd abstempeln?

Vorm ins Bettgehen erinnerte ich mich an die Worte der Sprechstundenhilfe aus der Arztpraxis: Mut braucht es also. Also gut: Einfach mal machen, könnte ja grandios werden. Und so kam es auch. Schon in der ersten Nacht im neuen Haus schlief ich super, was wirklich ungewöhnlich für mich ist. Zum Frühstück schauten wir in unseren neuen Garten: Die Sonne schien, sogar ein Buntspecht pickte am Baum, Schmetterlinge flogen vorbei – wir grinsten uns zufrieden an. Worte hat es in dem Moment nicht gebraucht.

Gewagt und belohnt

Es war in der ersten Woche, wir waren bei der Gartenarbeit, als uns ein Mann vom nahegelegenen Parkplatz zuwinkte und rief: „Herzlich willkommen.“ Außerdem kam ein Gleichaltriger, Oli, an unseren Zaun und wir redeten völlig vertraut über eine halbe Stunde lang. Am nächsten Tag – wir waren richtig dreckig und völlig fertig von der Haussanierung – stand ein weiterer Nachbar, Ronny, mit einem Sixpack Bier auf unserem Balkon und sagte: „Ich wollte mal Hallo sagen und ihr habt bestimmt Durst.“ Ich war völlig überrascht. Positiv natürlich. So kannte ich das aus der Großstadt nicht.

Und noch besser: Es ging weiter so. Zufällig sind wir in ein Dorf gezogen, in dem viele jüngere Leute wohnen, ein Generationswechsel begonnen hat. Während ich in den Großstädten fast immer ein Jahr brauchte, um das Gefühl zu haben, halbwegs angekommen zu sein, langsam von Freunden sprechen zu können, ging es in der erzgebirgischen Provinz hingegen ums Mehrfache schneller.

Hammer-Nachbarschaft

Fix wurde es völlig normal, ein „Zaunsbier“ zu trinken, gemeinsam Fußball zu schauen, zu grillen, an der Feuerschale abends lange zu sitzen. Und nicht nur das: Trotz Krankheit – er sah wirklich fertig aus und tat mir echt leid – strich der Maler-Nachbar André zum Jahresende noch unsere Küche, mit der Begründung: „Ihr wollt doch Weihnachten kochen und hier richtig einziehen.“ Bis dahin wohnten wir in einer Art Fewo-Haus auf dem Grundstück. Das fand ich extrem herzig. Auch seine Freundin, Denise, brachte uns oft Gebackenes und ab und an Abendessen vorbei – ungefragt, einfach so.

Und Oli hängte uns als Überraschung mehrfach eine Tüte Brötchen - korrigiere: Semmeln - an die Haustür, sogar mit einem Glas selbstgemachtem Honig. Wieder ein anderer Nachbar, Rico, schenkte uns öfters Kisten mit Limonade, gemischt in seiner Arbeit. Ich nenne ihn daher liebevoll „Limonadenbäcker“.

Niemals hätte ich gedacht, dass unsere Dorf-Nachbarschaft so jung ist. Dass sie dazu noch so herzig und wundervoll ist, dadurch rasend schnell Freundschaften entstehen, hätte ich mir nie erträumt. Das ist unbezahlbar. Ich bin dankbar dafür, es trägt einen riesigen Anteil zum Wohlfühlen bei, lässt mich ankommen, bestärkt das Gefühl: Die Entscheidung war richtig, der Mut hat sich gelohnt, Heimat ist gefunden.

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Und plötzlich Muddi

Manchmal kommt eben alles anders als gedacht. Eigentlich wollten wir kein Haustier, weil wir immer mal einige Tage unterwegs sind. Doch nach nur sechs Wochen im Haus, mitten in der großen Abriss-Dreck-Phase, hörte ich Katzengeschrei. Erst nach einer Weile realisierte ich, dass es nicht von draußen, sondern aus unseren Räumen kommt. Ein junger Kater hing im gekippten Fenster fest. Wir retteten ihn und gefühlt das halbe Dorf half mit: Nachbarn – selbst noch fremde, weil es sich herumsprach – kamen zum Anschauen, aber keiner kannte ihn.

Nach einer reichlichen Woche beim Tierarzt hatte sich noch immer kein Besitzer gemeldet und wir beschlossen spontan, ihn abzuholen. Anfangs war der Gedanke: ‚Vielleicht läuft er heim?‘ Kastriert war er. Doch als er seine Angstphase überwunden hatte, in der wir ihn natürlich reichlich umsorgten und ordentlich streichelten, fühlte er sich scheinbar pudelwohl und blieb. Jetzt nach gut einem Jahr kann ich sagen: „Cat Stevens“ – so haben wir ihn genannt – sollte wohl bei uns hängenbleiben. Wir machen uns gegenseitig fröhlich, er gehört irgendwie zum Dorfleben dazu und ist zufälligerweise ein ganz lieber und dankbarer Kater.

Manchmal kommt auch die starke regionale Verbundenheit des Erzgebirgers durch.

Ein bisschen Klischee olé

Irgendwie bin ich zum bodenständigen Landei geworden und happy damit. Ich besitze typische Arbeitskleidung für Garten und Handwerk , auch Gummistiefel, verarbeite Essbares aus dem Garten, habe zufällig ein neues Hobby, weil mir Rosenblätter wegschmeißen zu schade war: Destillieren.

Außerdem kann ich Holzhacken, worauf ich ein bisschen stolz bin. Ich habe gelernt, dass das (Freizeit-)Leben meist daheim stattfindet, bei gutem Wetter im Garten. Dass Bier Grundnahrungsmittel ist und zum Treffen irgendwie dazu gehört. Dass man in diesem Teil des Erzgebirges Schwibbögen viel länger brennen lässt, als Kerl gefühlt jeder mindestens Moped fährt, wenn nicht sogar Enduro und dass Verein vereint – auf dem Dorf noch viel mehr.

Und ja, manche Klischees stimmen schon. Am frühen Abend werden natürlich die Bordsteine hochgeklappt. Aber zum Glück kann man über die Straße trotzdem zu den Nachbarn laufen. Es gab in dem Jahr auch schon zwei größere Strom- und Netzausfälle, jeweils für mehrere Stunden. Sowas kenne ich aus der Großstadt nicht. Mein Chef sprach gleich vom Notfallstromgenerator und ich bräuchte doch eine Box für mobiles Internet. Dabei drehte sich die Arbeitswelt trotzdem weiter.

Manchmal kommt auch die starke regionale Verbundenheit des Erzgebirgers durch. Wenn ich ein paar bayerische Wörter von mir gebe, werde ich schnell korrigiert: „Anne, das heißt nicht Kir‘n, sondern Kirche und wir sagen ´Viertel drei´“. Ich grinse dann und antworte: „Ich kann beide Uhrzeiten fließend sprechen – wenn ich will.“

Schnell treffen dann wieder die anderen Klischees zu, das, wofür ein Erzgebirger ebenfalls steht: Herzlichkeit und Zuverlässigkeit, hier gepaart mit dem Dorf- Gemeinschafts-Sinn.

Rauskommen, um happy zurückzukehren

Klar, manchmal zieht es mich in die Welt, um wieder Neues zu entdecken und ich freue mich auf Dienstreisen von Brasilien bis Dubai. Ab und an muss ich mal raus, in die Großstadt, um alte Freunde zu treffen. Dann schätze ich das Angebot an internationalen Restaurants, Veranstaltungen und Co. Aber um ehrlich zu sein, bin ich auch froh, wenn ich wieder daheim bin. Die Großstädte stressen mich inzwischen, sind gefühlt viel zu laut und immer übervoll. Irgendwie ist es dann immer so: Es fühlt sich gut an, mein Zuhause zu verlassen und noch besser, zurückzukehren. Ob ich für immer im Dorf wohne? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Mein Plan ist es. Aber das ist aktuell nicht wichtig.

Fotos: Sven Körner
Text: Anne Geuthner