Im Revier des Eisvogels

19.10.2021

Unvermutet: Das Erzgebirge kann auch Wassersport. Ein fast 100 Jahre alter Verein begeistert.

Beim Erzgebirge denkt jeder sofort an Berge und Wälder. Doch ein Element hat diese Region markant geprägt: das Wasser der Flüsse. Die Zschopau entspringt am Fichtelberg und schneidet sich dann nach Norden über 135 Kilometer teils tief in die Landschaft, bevor sie bei Döbeln in Mittelsachsen in die Freiberger Mulde mündet. In der Stadt Zschopau, direkt am Flussufer außerhalb des Zentrums, hat der Kanuverein „Falke“ sein Zuhause. Seit 1923 wird hier in ununterbrochener Tradition Kanusport betrieben.


Die Begeisterung für den Kanusport ist seit knapp 100 Jahren hier groß

Ist es an diesem Septembernachmittag noch Spätsommer oder schon Frühherbst? Während die Sonne noch Milde vorgaukelt, ist die Luft schon frisch. Gelbe Blätter zieren das grün-graue Wasser des Flusses. Am Bootshaus an der Zschopau hört man nichts von der nahen Stadt. Eine Oase der Ruhe. So nach und nach wird es lebhafter, treffen die Vereinsmitglieder zum Training ein. Vereinskapitän über 45 Kanuten, davon 20 Kinder und Jugendliche, ist Mike Dost. Er ist seit 1977 im Verein, teilt sich mit vier Trainern – Albrecht Hösel, Robert Röhlig, Nils Rabending und Mike Schmidt – die sportliche Arbeit.

Kanufahren im Einer-Kajak ist ein Sport, der in der Flussströmung betrieben wird. Auf einem Parcours durchfährt der Kanute Tore in und gegen die Fließrichtung. Und das möglichst geschickt, schnell und ohne Berührung der Torstangen – sonst gibt es im Wettkampf die Strafpunkte. „Es dauert viele Jahre, bis die Paddeltechniken in Fleisch und Blut übergehen“, erläutert Mike Dost, „in der Strömung hast du keine Zeit zum Überlegen. Da muss jede Bewegung sitzen, sonst kenterst du.“ Die Zschopau darf generell mit dem Kanu befahren werden, allerdings gilt es auf Wehre, Staustufen und Wasserkraft werke zu achten.

Es dauert viele Jahre, bis die Paddeltechniken in Fleisch und Blut übergehen.

Hin und wieder ist der Kanusport auf der Zschopau ein schwieriges Geschäft, gerade wenn ein trockener Sommer seine Spuren hinterlassen hat. Vor dem Vereinsheim gibt es zum Glück einen Staubereich, der immer Training ermöglicht. In seiner Jugendzeit, so erinnert sich Mike Dost, sei er öft er längere Touren, so um die 15 km, auf der Zschopau gepaddelt.

Trotz Niedrigwasser hohe Begeisterung

Seit den heißen Sommern der letzten Jahre sei das immer seltener möglich gewesen. Auch magerer Schneefall im Winter lässt die rauschenden Wassermengen der Frühjahrsschmelze ausbleiben. Trotz aller Schwierigkeiten ist die Begeisterung für den Kanusport nach wie vor groß. Regelmäßig organisiert der Verein Tage der off enen Tür und gewinnt Nachwuchs.

Trainer und Kinder lassen ihre Kanus zu Wasser, dichten den Sitzbereich mit einem Nässeschutz aus Gummi ab, prüfen Helm und Schwimmweste. Das Bootsmaterial kommt aus dem Nachbarland Tschechien, einer traditionell sehr starken Kanunation. Schon geht es los. Langsame Fahrt zum Aufwärmen auf einem Parcours mit den Torstangen, die in nummerierter Reihenfolge zu durchfahren sind. Der zweite Teil des Trainings findet ein paar hundert Meter oberhalb vom Bootshaus statt. Trainer Nils Rabending nimmt uns Landratten, Autor und Fotografin, in einem Dreier-Kanadier mit flussaufwärts.

Unser Kanadier gleitet bei sanfter Strömung gemächlich dahin. Die jungen Leute sind mit ihren Trainern schon längst vorausgepaddelt. Wir unterqueren das Eisenbahnviadukt der täglich verkehrenden Erzgebirgsbahn, die auch nahe dem Bootshaus am Bahnhof Zschopau-Ost hält. Dann erreichen wir eine Stromschnelle. Dicht gereiht warten die Kanuten im flachen Uferbereich.

Das Wasser lesen lernen

Einer nach dem anderen stellt sich der Trainingsaufgabe. Jeder soll die richtige Stelle finden, um durch ein erstes Tor ein paar Meter gegen die Strömung zu paddeln. Dann gilt es, den sicheren Umkehrpunkt zu finden, eine saubere Wende zu vollziehen und durch das zweite Tor zu steuern. Die ganze Übung soll technisch sauber sein, sicher ablaufen, ohne zu kentern und möglichst wenig Zeit brauchen. Außerdem sollten die Durchfahrtstore nicht berührt werden.

Was so einfach aussieht, ist eine komplexe Bewegung für jeden Kanuten. Kraft, Koordination und Reaktionsvermögen schulen sich nur über jahrelanges Wiederholen. „Du musst vor allem das Wasser lesen lernen“, erläutert Mike Dost, „sonst kippt dich die Strömung um.“ Die Fortgeschrittenen versuchen dann noch, die Stromschnelle komplett zu überwinden. Zack, bei dem kraftvollen Einsatz gegen das Wasser bricht ein Paddel ab. Bei dem Niedrigwasser sind die Steine am Grund sehr nah an der Oberfläche.

Die Trainingszeit vergeht wie im Fluge. Auf der Rücktour zum Bootshaus sprechen wir über die Natur. Die steilen Felsufer sind dicht bewachsen mit Bäumen und Büschen. Sie sind Lebensraum für viele geschützte Vogelarten, Säugetiere und Ringelnattern. Die niedrigen Wasserstände sind langfristig eine Gefahr für das Ökosystem Zschopau, vor allem für Fische, Kleinstlebewesen und Pflanzen, dem Ursprung der natürlichen Nahrungskette.


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Und wie zum Gegenbeweis, dass doch alles in Ordnung sei, zeigt sich plötzlich ein ganz besonderer Anwohner des Flusses: der leuchtend blaue Eisvogel. Der Kleinfischjäger bevorzugt als Höhlenbrüter natürliche, unverbaute Uferhabitate, gesundes Wasser und steht unter Naturschutz. Nach wenigen Sekunden ist der Hochgeschwindigkeits-Flugkünstler wieder im Ufergebüsch verschwunden. Wir sind überrascht, werden ganz leise und warten.

Zum Lohn unserer Geduld zeigt er sich noch einmal kurz, schießt wie ein Pfeil flach über das Wasser und verschwindet wieder. Es ist ein Augenblick, den man festhalten möchte. Aber die untergehende Sonne drängt uns zurück zum Bootshaus. Weitere Vereinsmitglieder haben sich eingefunden. Der Grill ist bereits angeheizt worden. Es herrscht eine fröhliche Abendstimmung zwischen Sommer und Herbst, wie sie schöner nicht sein könnte. Hier an der Zschopau, im Revier des Eisvogels.

Text: Carsten Schulz-Nötzold
Fotos: Magda Lehnert