07.08.2026
Wie aus einer Idee ein Hotel für alle wird.
„Wir haben nicht zuerst einen Arbeitsplatz und versuchen dann, den Menschen passend zu machen. Der Mensch ist da und wir suchen den Arbeitsplatz dazu“, sagt Katja Seifert. Was so selbstverständlich klingt, verändert im Inklusionshotel Anna und Sascha in Annaberg-Buchholz nahezu jeden Arbeitsablauf. Hier arbeiten Menschen mit und ohne anerkannte Schwerbehinderung gemeinsam in der Küche, der Hauswirtschaft und im Hotelbetrieb. Entstanden ist das Haus aus dem Wunsch einer Mutter, dass die Inklusion für ihren Sohn Sascha nicht mit dem Ende der Schulzeit aufhört. Für den Podcast „hERZschlag“ hat das Regionalmanagement Erzgebirge das Hotel am Buchholzer Tor besucht. Gesprochen wurde über passende Arbeitsplätze, klare Anforderungen, fünf Millionen Euro Baukosten und darüber, warum Inklusion manchmal bedeutet, eine Aufgabe nicht schnell selbst zu erledigen.

Ihr Sohn Sascha hat das Down-Syndrom. Sie sagen, dass er das gesamte Projekt angestoßen hat. Wann wurde aus Ihrer persönlichen Geschichte die Idee, ein eigenes Inklusionsunternehmen zu gründen?
Eigentlich wollte ich nie etwas Besonderes machen. Ich wollte mein Kind einfach dort haben, wo andere Menschen ihre Kinder auch haben: im Regelkindergarten, in der Regelschule und später im ersten Arbeitsmarkt. Dieser Weg war nie einfach, aber Kindergarten und Schule waren trotz vieler Hürden noch machbar. Im Arbeitsbereich wurde es dann richtig schwierig, wenn man nach einer Alternative zu den vorgesehenen Sondereinrichtungen gesucht hat.
Sascha war Anfang 20, als die ersten Pläne entstanden. Wir wollten, dass es nach der Schule inklusiv weitergeht. Andere Eltern, Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte haben sich angeschlossen. So entstand nach und nach die Idee für einen Ort, an dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam arbeiten können.
Warum wurde aus dieser Idee ausgerechnet ein Hotel?
Ein Hotel bietet sehr viele unterschiedliche Tätigkeiten. Es gibt Aufgaben in der Küche, in der Hauswirtschaft, bei der Vorbereitung der Zimmer oder im gesamten Ablauf hinter den Kulissen. Dadurch kann man viel genauer schauen, was ein Mensch gut kann und wo ein passender Arbeitsplatz entstehen könnte.
Das Haus selbst ist uns ein bisschen vor die Füße gefallen. Wir hatten uns schon verschiedene Gebäude in Annaberg-Buchholz angesehen. Eine befreundete Architektin machte uns dann auf dieses Haus am Buchholzer Tor aufmerksam. Erst später haben wir festgestellt, dass die historische Stadtmauer unter beziehungsweise durch das Gebäude verläuft. Der Turm gehört dazu und steht unter Denkmalschutz. Heute können Gäste tatsächlich in einem Teil der alten Stadtmauer übernachten.
2017 wurde das Gebäude erworben, eröffnet wurde das Hotel erst 2025. Was hat diesen Weg so lang und schwierig gemacht?
Zunächst mussten wir eine förderfähige Konzeption entwickeln. Das lässt sich heute leicht in einem Satz sagen, war aber sehr aufwendig. Die Finanzierung bestand aus vielen unterschiedlichen Bausteinen. Verschiedene Institutionen haben uns unterstützt, darunter Aktion Mensch und die Städtebauförderung.
Als die Konzeption stand und es eigentlich losgehen konnte, kam Corona. Da stellt man sich natürlich die Frage, was man während einer Pandemie mit einem Hotelprojekt macht, wenn niemand weiß, wie es mit dem Reisen weitergeht. Als wir die Baupläne wieder aufnehmen konnten, stimmten die ursprünglichen Kosten nicht mehr. Die Baupreise waren stark gestiegen und manche Dinge mussten anders umgesetzt werden als zunächst gedacht. Die erste Schätzung lag bei ungefähr einer Million Euro. Am Ende waren es rund fünf Millionen Euro.
Inklusion endet bei Ihnen aber nicht bei einem barrierefreien Hotelzimmer. Sie beschäftigen Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Wie findet man für jeden Menschen die passende Aufgabe?
Wir schauen nicht zuerst auf eine fertige Stellenbeschreibung. Wir schauen auf den Menschen. Was kann der oder diejenige gut? Wo liegen die Stärken? Welche Unterstützung wird benötigt? Und an welcher Stelle könnte dieser Mensch sinnvoll mitarbeiten?
Bei unserer Stellenausschreibung haben wir deshalb relativ offen formuliert, dass es um Tätigkeiten in der Küche und um alles geht, was in einem Hotel anfällt. Danach haben wir geschaut, wer zu uns kommt und wo ein Platz entstehen kann. Das hat erstaunlich gut funktioniert. Trotzdem muss man im Alltag immer wieder prüfen, welche Aufgaben passen und wie sich die Abläufe organisieren lassen.
Das klingt nach einer sehr individuellen Arbeitsorganisation. Kann ein Hotelbetrieb darauf immer Rücksicht nehmen, obwohl die Gäste am Ende ein sauberes Zimmer und gutes Essen erwarten?
Die Anforderungen bleiben bestehen. Ich kann einem Gast nicht sagen: Entschuldigung, das Zimmer ist nicht richtig sauber, weil eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter eine Behinderung hat. Die Gäste erwarten zu Recht, dass die Qualität stimmt. Der Weg zu diesem Ergebnis kann aber unterschiedlich sein. Manche Menschen brauchen mehr Zeit. Manche Aufgaben müssen noch einmal erklärt werden. Bei anderen muss am Ende jemand kontrollieren oder nacharbeiten. Das muss man in den Arbeitsablauf einplanen. Es geht nicht darum, weniger zu verlangen, sondern darum, herauszufinden, wie jemand das gewünschte Ergebnis erreichen kann.
Sie arbeiten dabei nach einem Grundsatz von Maria Montessori: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Was bedeutet das in einem Hotel?
Es wäre oft schneller, wenn eine andere Person die Aufgabe einfach übernimmt. Wenn etwas noch nicht ganz sauber ist, könnte jemand sagen: Dann mache ich es eben schnell selbst. Aber langfristig hilft das niemandem. Wir möchten, dass unsere Mitarbeitenden die Aufgaben selbstständig erledigen können. Deshalb muss man sie immer wieder dazunehmen, etwas zeigen und gemeinsam schauen, was noch verbessert werden kann. Das erfordert Geduld. Gleichzeitig darf man die Anforderungen nicht aus dem Blick verlieren. Beides gehört zusammen: Unterstützung und Forderung.




Sascha arbeitet heute in der Küche. Dort müssen Abläufe schnell funktionieren und viele Aufgaben gleichzeitig koordiniert werden. Was kann er besonders gut?
Sascha hat lange in der Schulküche der Evangelischen Schulgemeinschaft mitgearbeitet. Eine klassische Berufsausbildung, wie andere sie absolvieren, hat er nicht. Er hat aber sehr viel praktische Erfahrung als Küchenmitarbeiter. Wenn eine Aufgabe häufig wiederholt wird, kann er sie sehr sicher erledigen. Wenn er zum Beispiel 200 Gurken durch eine Maschine geben soll, zeigt man es ihm an zwei oder drei Gurken. Danach kann er die restlichen 197 bearbeiten. In einer kleineren Restaurantküche sind die Mengen und Aufgaben allerdings wechselnder. Dann sind vielleicht nach drei Gurken schon alle fertig. Das ist auch für Sascha eine Umstellung. Für unsere Küchenchefin bedeutet das, sehr genau zu koordinieren. Wer kann welche Aufgabe übernehmen? Wie ergänzen sich die Mitarbeitenden? Wie verhindert man, dass sie sich gegenseitig im Weg stehen? Das ist eine große Herausforderung.
Restaurantküchen gelten als laut, hektisch und manchmal auch als rau. Küchenchefin Betty Weiß sagt, dass bei Ihnen bewusst anders gearbeitet wird. Ist ein anderer Umgangston Voraussetzung für Inklusion?
Für manche unserer Mitarbeitenden ist ein sehr lauter oder rauer Ton schwierig. Sascha würde in einer Küche, in der ständig geschrien wird, wahrscheinlich nicht lange mitarbeiten. Deshalb müssen wir auch in diesem Bereich anders arbeiten. Betty schafft es, sehr ruhig und freundlich mit den Menschen umzugehen. Natürlich gibt es auch bei uns Stress oder Ärger. Aber der wird nicht einfach herausgebrüllt. Man versucht, normal miteinander darüber zu sprechen. Im Grunde gilt dabei dasselbe wie überall: Man lernt einen Menschen und seinen Charakter kennen. Man weiß irgendwann, was jemand gut kann, was ihn überfordert und wie man miteinander sprechen muss. Man sollte niemanden in die Ecke treiben oder etwas verlangen, was dieser Mensch nicht leisten kann.


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Einige Ihrer Mitarbeitenden haben vor ihrer Zeit im Hotel schwierige Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt gemacht. Was verändert sich, wenn sie hier einen passenden Platz finden?
Fast alle unsere inklusiven Mitarbeitenden, abgesehen von den ganz jungen, haben vorher auch bittere Erfahrungen gemacht. Manche sind an anderen Stellen gescheitert oder haben erlebt, dass ihnen wenig zugetraut wurde. Wenn sie hier merken, dass sie wirklich gebraucht werden und ein Teil des Unternehmens sind, entsteht eine starke Verbundenheit. Eine unserer Mitarbeiterinnen sagt über das Hotel immer: „Das ist auch mein Baby.“ Das zeigt, wie viel ihr dieser Arbeitsplatz bedeutet. Natürlich ist nicht jeder Tag einfach. Inklusion ist kein Zustand, den man einmal herstellt und dann funktioniert alles. Wir müssen täglich neu schauen, was jemand braucht, wo Unterstützung notwendig ist und welche Anforderungen erfüllt werden müssen. Aber wenn Menschen gern zur Arbeit kommen und das Gefühl haben, dass sie dazugehören, dann ist das sehr viel wert.
Was können andere Unternehmen aus Ihren Erfahrungen mitnehmen?
Vielleicht zunächst den Gedanken, nicht immer nur nach Menschen zu suchen, die hundertprozentig in eine vorhandene Stelle passen. Man kann auch schauen, welche unterschiedlichen Aufgaben im Unternehmen anfallen und wie man diese neu verteilen könnte. Nicht jeder Mensch muss alles können. Das gilt im Grunde auch für Mitarbeitende ohne Behinderung. Jeder hat Stärken und Bereiche, in denen Unterstützung nötig ist. Inklusion macht diesen Gedanken nur sichtbarer. Es braucht Geduld, eine gute Organisation und Mitarbeitende, die bereit sind, sich aufeinander einzulassen. Aber es entsteht auch etwas Besonderes: Menschen bekommen die Möglichkeit, einen echten Beitrag zu leisten, und ein Team lernt, genauer hinzuschauen. Nicht nur auf das, was jemand nicht kann, sondern vor allem auf das, was möglich ist.
Wie aus der Zukunft eines Sohnes ein Hotel in der historischen Annaberger Stadtmauer wurde, warum Barrierefreiheit niemals vollständig erreicht ist und welche kleinen Freudenmomente das Team mit seinen Gästen erlebt, ist in der vollständigen Episode von „hERZschlag – der Podcast aus dem Erzgebirge“ zu hören.