Vom Bolzplatz in die Bundesliga

01.09.2026

Sophie Weidauer mischt den Frauenfußball gehörig auf!

Im Erzgebirge gibt es die meisten Sport vereine Sachsens. In denen sporteln fast 55.000 Mitglieder. Ob Fechten, Schach oder Fußball  – hier findet jeder seinen Platz vom Kleinkind bis  zum Senior.

Vom Bauernhof ins Rampenlicht: In Brünlos geboren, startet Sophie Weidauer als 5-Jährige beim SV Tanne Thalheim, machte Station beim 1. FC Erzgebirge Aue und mit zwölf den Karrieresprung zu Turbine Potsdam. Heute ist sie 23, spielt als Stürmerin in der ersten Frauen-Bundesliga, zählt mehr als 120 Einsätze, gewann mit der U17-Nationalmannschaft 2019 die Europameisterschaft, erzielte ein spektakuläres „Tor des Monats“ und verhalf im März 2025 ihrer ehemaligen Mannschaft Werder Bremen vor 60.000 Zuschauern mit zwei Toren zum 3:1 Sieg beim Pokalspiel gegen den HSV. Wir haben Sophie im August 2025 für ein Interview dort getroffen, wo alles begann: Am Waldstadion in Thalheim. Im Gespräch verrät sie, wie sie auf ihrem Höhenflug die Ruhe bewahrt – und wohin ihr Weg als Nächstes führt.

Wie fühlt es sich an, wieder auf dem Platz zu stehen, auf dem damals alles begonnen hat?

Richtig, richtig schön. Ich glaube, man vergisst nie, wo man herkommt. Immer wenn ich hier reinkomme, ist das wie nach Hause kommen. Ich weiß noch, wie ich damals mit Papa in der Sparkasse war und wir den Aushang gesehen haben, dass der Verein Spieler und Spielerinnen sucht. Da hab ich Papa gefragt: “Können wir da mal hingehen?” Dann ist er tatsächlich mit mir hierhergefahren. Da war ich fünf oder sechs Jahre alt. Seitdem gab es gefühlt keinen Tag, an dem ich nicht gegen den Ball getreten habe.

Was würde dieses kleine Mädchen, das du damals warst, sagen, wenn sie geahnt hätte, dass sie später mal vor 60.000 Zuschauern ein Pokalspiel spielt oder ein Tor des Monats schießt?

Eigentlich ist das unvorstellbar, dass ich das, wovon ich geträumt habe, wirklich erreicht habe. Ich glaube, man hat als kleines Mädchen immer Träume und Wünsche, aber dass die so ihren Weg nehmen… Dass ich den Fußball meinen Beruf nennen und davon leben kann, löst viel Freude in mir aus und macht mich richtig stolz.

Kommst du trotzdem manchmal in die Heimat Erzgebirge oder bleibt dafür keine Zeit mehr?

In der Saison eher weniger, aber ich komme immer im Sommer und im Winter während der Trainingspausen und auch sonst, wenn ich es irgendwie ermöglichen kann. Ich bin ein totaler Familienmensch und liebe meine Heimat. Wenn ich hierherkomme, verbringe ich so viel wie möglich Zeit mit meinen Liebsten und mit den Tieren, wir haben ja einen kleinen Bauernhof. Das ist schon ein starker Kontrast zu meinem Alltag. Wenn ich ins Erzgebirge komme, dann ist das wie Urlaub für mich. Die Zeit hier hilft auch immer, um einfach mal eine andere Perspektive auf die Dinge zu bekommen, um zu merken, dass ich nicht nur Fußballerin, sondern auch ein Mensch neben dem Platz bin. Das ist wichtig, um die Balance zu behalten und dann auch wieder ausgeglichen in diesen Beruf zu gehen.


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Dann war es sicher nicht leicht für dich, als 12-Jährige den Hof zu verlassen und nach Potsdam ins Internat zu gehen, oder?

Das war phasenweise schon sehr hart, ja, weil ich so an meiner Familie hänge. Ich wusste einerseits, dass ich diesen Weg gehen möchte, andererseits aber auch, was ich dafür in Kauf nehmen muss. Mein Glück war, dass meine Eltern mich von Anfang an unterstützt haben. Egal, welche Entscheidung ich getroffen habe, sie immer hinter mir standen. Das ist das schönste Gefühl und ich glaube dadurch fällt es mir so viel leichter, diesen Weg zu gehen – damals wie heute. Am Anfang, als ich neu in Potsdam war, kamen sie alle zwei Wochen zum Heimspiel. Ich kann mich überhaupt an fast kein Spiel erinnern, das sie verpasst hätten, trotz der langen Fahrstrecke. Und das ist bis jetzt so, ob das nun in Potsdam oder Bremen war oder jetzt in Berlin – ich kann immer darauf zählen, dass irgendjemand aus meiner Familie auf der Tribüne sitzt. Das ist nicht selbstverständlich.

War die Heimat und die Nähe zur Familie ein Grund, weshalb du von Bremen zum 1. FC Union Berlin gewechselt bist?

Auch, ja. Es war Zeit für ein neues Kapitel, auch wenn es zwei sehr schöne Jahre in Bremen waren, die mich sportlich extrem vorangebracht haben. Ich konnte mich weiterentwickeln, habe auch menschlich viel dazulernen können. Die letzte Saison hat deutlich gemacht, wie schön diese Zeit in Bremen war. Aber ich wollte auch wieder ein Stück in Richtung Heimat und hab gleichzeitig Lust, in Berlin diese neue Geschichte mitzuschreiben. Der 1. FC Union Berlin ist neu in der Liga, die kennen das noch nicht. Für mich ist jetzt die Zeit, da ich das, was ich über die Jahre an Erfahrung gesammelt habe, weitergeben möchte.

Es wird sowieso nicht immer eine gerade Linie nach oben geben.

Und das nächste große Ziel?

Wir haben Bock, die Mannschaften, die schon länger in der ersten Liga spielen, einfach ein bisschen zu ärgern. Ich glaube, dass das Ziel und Anspruch genug sein muss. Vielleicht geht mein Weg jetzt auch in der U23 weiter. Es dürfen immer fünf ältere Spielerinnen bei der U23 mitspielen und ich hoffe, dass ich eine davon sein darf. Dann schaue ich natürlich schon ein bisschen in Richtung A-Nationalmannschaft… Die U23 ist ja so etwas wie der Unterbau dafür und wenn man da so nah dran ist, dann kitzelt es schon ein bisschen in den Füßen. Jetzt ist aber erstmal wichtig, dass ich meinen Beitrag zu dem leiste, was wir uns im Verein vorgenommen haben.

Das klingt alles nach viel Druck. Wie gehst du damit um?

Es ist wichtig, dass man sich von diesem Druck, den man sich teilweise selbst macht, aber der dann auch von außen kommt, nicht zu sehr verunsichern lässt. Das war ein langer Lernprozess, dass ich mir die Messlatte nicht zu weit nach oben setze, schaue: “Hey, wo bin ich gerade, was will ich mir vornehmen?” und diese Ziele dann Schritt für Schritt verfolge – und nicht die, die von außen an einen herangetragen werden. Es wird sowieso nicht immer eine gerade Linie nach oben geben.

Wie ist das zu Hause? Haben die Leute hier im Erzgebirge hohe Erwartungen an dich?

Hier ist das anders. Ich merke, dass die Leute hier super stolz auf mich sind und darauf, dass ich hier mal angefangen habe. Hier nehme ich keinen solchen Druck wahr, da ist die große weite Fußballwelt schon kritischer. Zum Beispiel habe ich nach meinem “Tor des Monats” sehr viel mediale Aufmerksamkeit bekommen oder auch beim Pokalspiel in Hamburg vor fast 60.000 Zuschauern. Das muss man erstmal lernen wegzustecken, weil jeder was von einem möchte. Das habe ich hier in der Heimat nicht, die Leute haben sich einfach mit mir gefreut, als dass sie dann noch mehr erwartet hätten.

Was würdest du den Mädels, die heute bei SV Tanne Thalheim auf dem Platz stehen, gern mit auf den Weg geben?

Dass sie sich treu bleiben sollen und dass sie ihre Wünsche und Träume und Ziele festhalten sollen, auch wenn es schwer ist, sie zu verfolgen. Da spreche ich aus Erfahrung: Das ist nicht immer leicht, aber wenn man etwas wirklich möchte, gibt es immer einen Weg, das zu erreichen. Natürlich, dass sie immer selbstbewusst da rausgehen sollen – denn nur, weil man ein Mädchen ist, spielt man nicht schlechter Fußball als Jungs. Das habe ich selbst gespürt: Wenn man mit Leistung und Überzeugung in ein Spiel geht, dann erarbeitet man sich Respekt.

Geburtstag: 10. Februar 2002
Aufgewachsen in: Brünlos im Erzgebirge
2007 bis 2014: SV Tanne Thalheim, anschließend beim FC Erzgebirge Aue
2014: Wechsel in die Jugend des  1. FFC Turbine Potsdam
Mai 2019: U17-Vize-Europameisterin mit der deutschen Nationalmannschaft
August 2019: Bundesliga-Debüt für den 1. FFC Turbine Potsdam
August 2022: Kapitänin der deutschen U20-Nationalmannschaft bei der WM in Costa Rica
2022: Auszeichnung mit der Fritz-WalterMedaille in Bronze
2023: Wechsel vom 1. FFC Turbine Potsdam zum SV Werder Bremen
Saison2023/24: beste Torschützin bei Werder Bremen (8 Tore in 22 Spielen)
Frühjahr 2025: Werder Bremen gewinnt beim DFB-Pokalspiel 3:1 gegen den HSV, Weidauer erzielt den Siegtreffer
2025: Wechsel zum 1. FC Union Berlin


Text und Bilder: Magda Lehnert