Die besten Fans der Liga

25.09.2020

"Wölfe sterben niemals aus. Wir hinterlassen Spuren."

– ein Motto, das in großen Lettern am Rand des Eisstadions prangt. Darunter stehen Hunderte wartende Fans, ausgestattet mit Schals, Wolfsmützen und Shirts sowie Trommeln und Tröten. Spielte sich dieses Szenario im letzen Jahr noch jedes Wochenende ab ist es derzeit ein Bild was aufgrund der aktuellen Situation verblasst ist und viele treue Fans mit Wehmut erfüllt. Wir berichten von unserem Besuch bei den Wölfen aus der letzten Saison und hoffen inständig auf bald wieder bessere Zeiten!

Stimmungsvoll, laut vibrierend und voller Freude werden die Eishockey-Spieler der Schönheider Wölfe begrüßt. Auffällig: viele Familien – auch mit kleinen Kindern – sind ins Eisstadion geströmt. Beim Startschuss des Spiels gegen die Eisbären Juniors Berlin formiert sich im Schönheider Fanblock sofort eine riesige rot-blaue Fahne. Es ist ein Banner, das sich fast über den gesamten Block zieht. Daneben funkeln unzählige Wunderkerzen. Ich habe Gänsehautgefühl. Die Faszination Eishockey spüre ich hier überall, unter den Fans, den freiwilligen Helfern und natürlich den Spielern und Trainern. Mischt man sich wie ich mitten unter die Leute, hört man viel über die Erfolge der letzten Saison, die tollen Spiele, die familiäre Stimmung, den Trubel. Schließlich seien sie die besten Fans der Liga.

Dieses Fieber – das Brennen für den Verein – erlebe ich aber nicht nur hier im Fanblock, sondern auch hinter der Bande, und das bereits lange vor dem Spielanpfiff. Benjamin Fritzsch sorgt noch kurz vor Spielbeginn dafür, dass die Fans später an der Bande wirklich einen guten Durchblick haben. Er putzt die großen Scheiben oberhalb der Werbetafeln, einfach so: „Ich bin ein Fan und versuche so, meinen Verein zu unterstützen. So gut ich eben kann.“ Der 29-Jährige schmunzelt: „Das Putzen gehört dazu. Das ähnelt dem normalen Fensterputzen. Nur hier sind die Fenster eben größer.“ Und schon taucht er den Lappen wieder ins Wasser, dreht sich von mir weg. Ein paar Schritte weiter kommt mir Sanitäter Kai-Uwe Walther vor meinen Schreibblock gelaufen – den großen Sanitätsrucksack auf dem Rücken. Er stammt aus dem benachbarten Auerbach, trägt den Notfallrucksack heute vertretungsweise. Rufen die Schönheider Wölfe, ist der Sanitäter sofort zur Stelle: „Mein Sohn hat hier angefangen, Eishockey zu spielen. Jetzt ist er in Chemnitz aktiv. Da muss ich etwas zurückgeben.“ Der Vereinszusammenhalt sei hier in Schönheide etwas ganz Besonderes. Einfach, weil der Verein vergleichsweise klein ist, scheint jeder mit jedem verbunden zu sein. „Die Stimmung ist gerade bei einem Sieg einzigartig.“ Und heute beim Meisterschaftsauftakt der Regionalliga Ost ist die Spannung im Stadion mit Händen greifbar.

Seit über 80 Jahren wird in Schönheide Eishockey gespielt. Trainer Sven Schröder ist seit der Spielsaison 2017/2018 an Bord. Dazu gehören natürlich Spieler aus der Region Erzgebirge/Vogtland, aber auch aus Selb, Dresden, Crimmitschau und Tschechien. „Der Zusammenhalt hier ist toll, jeder kennt jeden, die Fanbase ist einfach unschlagbar. So viel unentgeltliche Hilfe, ehrenamtliche Bereitschaft. Das macht das Arbeiten hier so spannend“, erzählt mir der Trainer. Zustimmendes Nicken auch bei Spieler Christoph Rogenz [Spieler von 2017 - 2020] . Er kommt aus Bad Muskau hierher in den Schönheider Wolfsbau. Vor jedem Training, jedem Spiel nimmt er die lange Fahrtstrecke auf sich. Aus gutem Grund: „Der Teamspirit hier stimmt einfach und es macht Spaß, mit den Jungs zu spielen. Besonders in der letzten Saison.“ Mit diesem kleinen Nachsatz verweist der Spieler auf den Wahnsinnserfolg: In der Saison 2018/2019 wurden die Schönheider Wölfe Regional-Ost-Meister und Regional-Nord-Ost-Meister. Rogenz freut sich weiter: „Schönheide ist ein kleines Dorf und gefühlt unterstützt uns hier jeder.

Die Fans stehen hinter uns. Im positiven Sinne sind sie verrückt.

Der Verein ist eine Art Aushängeschild.“ Ein Aushängeschild für Zusammenhalt,
für die Region, für eine lange Eishockey-Tradition.

Auch Karl-Heinz und Irene Lenk – beide über 80 – sind Teil dieser großen Eishockey-Familie. Sie stehen zu ihrem Verein und helfen, wo sie nur können. Karl-Heinz ist die gute Seele des Vereins. Er bringt Werbebanner an, übernimmt Handwerksarbeiten jeglicher Art. Letztens hatte ein Puck die Kampfrichterscheibe durchschlagen. Lenk hat sie kurzerhand ausgewechselt. Heute treffe ich ihn draußen am Tor als Wächter. Er lässt den Bus der Eisbären Juniors Berlin aufs Gelände fahren. Seine Frau Irene kommt ein wenig später, dieses Mal nur zum Anfeuern am Rand der Eisfläche. Montags und mittwochs aber packt sie alle Trikots – gut 60 Stück – ein und beginnt ihren Waschmarathon. Und sie hilft, die Kabinen für die Jungs sauber zu halten. Bis vor zwei Jahren hat sie noch den Fan-Shop betreut. Beide stehen zu ihrem Verein und das, obwohl sie gar keine geborenen Schönheider sind. Nach 1990 kam Irene Lenk durch eine Beschäftigungsmaßnahme zu den Schönheider Wölfen. Sie infizierte ihren Mann mit dem Eishockey- Fieber. Beide blieben bis heute hängen: „Das hier ist eine Gemeinschaft positiv Bekloppter. Es ist eine Ehre, dabei zu sein“, ruft mir Karl-Heinz Lenk nach. Und er schwärmt weiter: „Eishockey ist eine Krankheit. Wenn du einmal mit dem Virus befallen bist, dann bleibt das so. Solange wir krabbeln können, machen wir hier noch etwas Nützliches. Das ist unsere Motivation.“ Vielleicht auch, weil der eigene Sohn Holger und ein Enkelsohn vom gleichen Virus befallen sind.

Holger Lenk trainiert zusammen mit Dana Reimann den Nachwuchs, der auch heute wieder in der Spielpause die Eisfläche erobert und zeigt, was er drauf hat. Dana war selbst Eishockey-Spielerin. Machte ihre ersten Schritte mit fünf oder sechs Jahren hier auf dem Eis, kam dann zum Nachwuchs nach Crimmitschau und dann nach Berlin. Von der Schülerbundesliga in die Frauenbundesliga. 2013 holte die ehemalige Nationalspielerin mit dem OSC Berlin den deutschen Meistertitel, wurde 2014 Pokalsieger. Doch trotz aller Erfolge in der Ferne – ihr Herz schlug immer für Schönheide. Die junge Frau ist nie weggezogen, immer zwischen ihrem Heimatort und Berlin gependelt. Trainiert hat sie wochentags mit den Schönheider Männern, am Wochenende mit den Berliner Frauen. Seit der Saison 2015/2016 trainiert sie die Kinder: „Das bedeutet mir sehr viel. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, dass damals sonst kein Kindertraining mehr hätte angeboten werden können.“ Parallel zu dieser Leidenschaft verfolgt sie ihren Traum vom Wunschberuf. In Chemnitz studiert sie Grundschullehramt. Fest steht, sie bleibt nach ihrem Abschluss in Schönheide, behält ihren Lebensmittelpunkt bei, formiert das neue Leben um den Eishockey-Verein herum. 60 Kinder verschiedener Altersklassen verlassen sich auf die junge Frau, lernen die Faszination für den Eishockey-Sport durch sie kennen. „Es ist schön, den Kindern den Spaß am Eishockey zu zeigen, sie auf den Weg zu führen, sie zu begleiten.“ Auch wenn das parallel zum Studium viel Zeit fordert. „Dreimal pro Woche haben wir Training. Einmal pro Woche trifft sich noch die Laufgruppe.

Natürlich muss ich mir die Zeit irgendwie abknapsen. Aber das ist eine Herzenssache. 

Die Augen der jungen Frau strahlen mich an. Auch sie ist Teil der großen Schönheider Wolfsfamilie hier im Wolfsbau, die ihre Spuren hinterlässt. Beim erfolgreichen Heimspiel wie heute – oder wenn die Erzgebirger ihre Leidenschaft und Spielfreude auswärts zeigen.

Text: Manja Kraus-Blechschmidt

Foto: Georg Ulrich Dostmann