C'est la vìe

08.12.2020

Thomas Hübler betreibt eine Konditorei in Thalheim. Er ist Handwerker und Kreativer, Pâtissier und Frankreichliebhaber, Erzgebirger und Skifahrer. Ein vielseitiger Mann, aber ohne Schnörkel, bodenständig und einfach geradeaus. Ganz anders seine Produkte. Es sind kunstvolle, süße Versuchungen mit einem Hauch französischem Esprit. So geschmackvoll und bunt wie das Leben.

Für die französischen Momente im Leben kommt man an der Konditorei von Thomas Hübler nicht vorbei. Ich besuche ihn an einem Montag, dem einzigen Ruhetag der Woche. Wobei Ruhetag heißt: Das Ladengeschäft hat geschlossen, die zwei Verkäuferinnen haben frei, zu tun gibt es trotzdem. Eine kurze Begrüßung und schon stehe ich mit in der Backstube. Während der Schneebesen durch eine Edelstahlschüssel mit Pudding fegt, beginnt Thomas Hübler, mir seine Geschichte zu erzählen.

Sein Vater Johannes hat die Konditorei 1971 gegründet. Ende der 1980er Jahre geht er hier in die Lehre. Nach dem Abschluss 1990, der Fall der Mauer liegt erst ein paar Monate zurück, zieht es ihn in die Alpen, nach Garmisch-Partenkirchen. Er arbeitet in Hotels und in einer Konditorei. Nach den Wanderjahren kommt er zurück, steigt ins Geschäft des Vaters ein und macht 1997 den Meisterabschluss in Chemnitz. Mit der Zeit, so sagt der 48-jährige Thomas Hübler, seien er und sein Vater ein eingespieltes Team geworden. Die ganze Familie, auch Hüblers Frau Lydia und der 5-jährige Sohn Arne, lebt und arbeitet zusammen in einem Haus. Ganz so geradlinig war der Weg allerdings nicht, es hätte auch anders kommen können.

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Während seiner Zeit in den Alpen lernt er über einen Arbeitskollegen die Telemark-Ski-Szene kennen. „Ich will da jetzt nicht zu philosophisch werden, so im Sinne ‚Ich fühle mich zu frei‘. Es ist einfach eine andere, anspruchsvollere Art, Ski zu fahren. Es ist aber auch keine Hexerei, jeder kann es lernen, ob Alpinskifahrer oder Snowboarder.“ Hübler ist Feuer und Flamme, fährt sogar Skirennen. Doch aus einer Profikarriere wird leider nichts. Dem Telemarken bleibt er treu und bringt es mit ins Erzgebirge. Vor 15 Jahren etabliert er das jährliche Telemark-Camp in Oberwiesenthal. Mittlerweile ist es mit über 100 deutschen und internationalen Teilnehmern das größte Event der Szene in Deutschland und bietet Kurse für Leistungsniveaus vom Anfänger bis zum Weltcup-Fahrer.

„Kaffee, Kuchen, Telemark“ wird deshalb zu seinem Claim. Da fragte ihn anfangs der eine oder andere Kunde: „Ist das auch etwas zum Essen?“ Thomas Hübler kokettiert gern mit seinem Image als „Verrückter“ im Ort. Verrückt meint eigentlich nur: anders. Als kleiner Betrieb müsse man seine Nische finden und besetzen, Unterschiede herausstellen und kultivieren.

Du musst deinen eigenen Weg gehen

sagt Thomas Hübler. Er investiere viel in neue Ideen, in Qualität und Kundenservice, um langfristig zu ernten: „Ich wollte mich spezialisieren, nicht in der Masse versinken.“ Die klassische Buttercremetorte sei nicht so sein Ding. Ihm hat es die französische Pâtisserie angetan, die er aus der Garmischer Zeit kennt. Auch das hat er mit ins Erzgebirge gebracht und sich inzwischen damit einen guten Namen gemacht.

Pâtisserie ist die Feinbäckerei nach französischer Art. Und die verkauft er nicht nur in seinem Geschäft, sondern liefert sie zu besonderen Anlässen und Events an Kunden aus. Süße Desserts und „verrückte Brote“, die nicht nur genussvoll schmecken, sondern auch etwas fürs Auge bieten. Das Einzugsgebiet reicht bis Chemnitz und ins Obere Erzgebirge. Durch seine Skileidenschaft hat er viele Kontakte in Oberwiesenthal, beliefert dort Hotels. Die Anlieferungswege haben ihre Grenzen, so Hübler, er wolle die Produkte nicht zu lange beim Transport strapazieren.

Wir gehen auf einen Kaffee nach nebenan, in einen Vorbereitungsraum. Seine Frau gesellt sich zu uns. Sie wolle sich im Gespräch eigentlich zurückhalten, meint sie. „Ich habe von Backstube und Laden gar keine Ahnung.“ Sie lacht. „Wir arbeiten beide irgendwie im Handwerk, aber organisatorisch passt das eigentlich gar nicht zusammen.“ Sie hat gerade eine lange Schicht im Klinikum hinter sich. Lydia Hübler ist Hebamme. Da prallen eigentlich zwei unvereinbare Welten und Dienstpläne aufeinander. Und doch gelingt es, alles zu organisieren, auch wenn die gemeinsame Zeit knapp bemessen ist. Als ich Lydia Hübler frage, welche Kreationen ihres Mannes sie am liebsten isst, überlegt sie zunächst, zögert mit der Antwort – und sagt: „eine Knacker“. Wir lachen alle köstlich. Frau Hübler ist wohl eher der herzhafte Typ, wenn es um Leckereien geht. Also Wurst, mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. Thomas Hübler ist natürlich ein „Süßer“, keine Frage. Geschmack ist eben eine Typfrage. Wie in der Familie, so sei das auch in der Gesellschaft, meinen die beiden: Man liebe die Vielfalt und den Unterschied.

Ich versuche, die Welt ein bisschen mit ins
Erzgebirge zu bringen.


Ob die Kunden kritischer gegenüber Inhaltsstoffen geworden seien, frage ich in diesem Kontext. Verträglichkeit und Allergien würden eine große Rolle spielen. Auch der Zeitgeist beeinflusse das Geschäft. Thomas Hübler hat dafür eine pragmatische Herangehensweise: Er spricht mit seinen Kunden, sagt, was geht und was nicht geht. Rein vegane Süßspeisen hätten ihre handwerklichen Grenzen. Ausprobiert habe er das, aber es funktioniere nicht zu hundert Prozent. „Es hat mir nicht geschmeckt, deshalb kann ich es nicht produzieren, weil ich kein Gefühl dafür habe.“ Das überlässt er lieber anderen Spezialisten. Er will vom Geschmack selbst überzeugt sein. Es steckt viel von Thomas Hüblers feinem Gespür in den Produkten.Die Menge der Produktbereiche und Zutaten muss bei aller Vielfalt in dem kleinen Betrieb aber in Grenzen gehalten werden. Grenzenlos dagegen ist seine Fantasie, immer neue Formen, Farbspiele und Geschmacksnoten zu kreieren. Und die speist sich auf seinen Reisen, etwa, wenn er mit der Familie per Wohnmobil durch Frankreich tourt. Beide schwärmen von den wilden Küstenlandschaften der Bretagne und Normandie, den traumhaften Orten, der Weite des Atlantiks. „Ich versuche, die Welt ein bisschen mit ins Erzgebirge zu bringen.“ In diesem Sommer habe er auf dem Rückweg von der Bretagne nach Hause extra in Paris haltgemacht, um sich ein paar spezielle Pâtisserien anzuschauen. Er ist auch privat ein Genießer, aber der professionelle Blick stellt sich automatisch ein, wenn er ein Geschäft betritt. „Ich hole mir neue Ideen, wie man etwas anrichten kann. Was ich interessant finde, kaufe ich mir und verkoste es.“

Seine süßen französischen Versuchungen zwischen Baguette, Pain au chocolat und Tarte au citron werden auch im Ladengeschäft in Französisch ausgezeichnet. Zutaten kommen aus der Region, vom Großhandel oder direkt aus Frankreich, etwa das Mehl für seine Brote aus dem Elsass oder die Fruchtpürees für die Desserts aus Paris. Die Konditorei Hübler ist eine fantasiereiche Mélange, eine ganz persönliche Mischung aus den vielen Facetten der Persönlichkeit von Thomas Hübler. Da sei auch noch eine Note Südtirol mit dabei, lacht seine Frau: „Er ist auch schon mal der Reinhold Messner von Thalheim wegen seines langen Haares und dem Bart.“ Anders sein ist eben Programm:

C´est la vie – so ist das Leben.

Text: Carsten Schulz-Nötzold

Fotos: studio2media/ Erik Wagler