SERIE: INNOVATION IM ERZGEBIRGE - Greifer drehen schwerste Teile

Von den 73 Firmen, die sich um den 16. Sächsischen Innovationspreis bewerben, kommen neun aus dem Erzgebirge. "Freie Presse" stellt die Kandidaten aus dem Erzgebirge vor. Heute: Klädtke Metallverarbeitung GmbH Zschopau mit ihrem Drehgestellheber.

VON GUDRUN MÜLLER

ZSCHOPAU - Für Reparatur- und Wartungsarbeiten tonnenschwerer Unterbauten von Schienenfahrzeugen haben Zschopauer Tüftler einen Drehgestellheber entwickelt. Die Last wird mit gelben Greifern angepackt, hochgehoben und in ganz unterschiedliche Positionen gebracht. Damit sind alle Teile des Fahrzeuges, beispielsweise von der Berliner U-Bahn, gut erreichbar. Diese Innovation würde erstmals die speziellen Ansprüche des Kunden, die Berliner Verkehrsbetriebe, erfüllen, schildert Dirk Klädtke. Er ist ebenso Geschäftsführer und Gesellschafter des Unternehmens wie sein 15 Jahre älterer Bruder Reinhard.

Demonstrieren kann er aber die Funktionsweise der Neuentwicklung, mit der sich das Zschopauer Unternehmen um den diesjährigen sächsischen Innovationspreis bewirbt, gegenwärtig nur mit Fotos und Prospekten. Denn alle acht bisher gefertigten Drehgestellheber sind schon bei Kunden im Einsatz. Ein weiteres Gerät wurde speziell für den Faltenbalg, der sich zwischen Eisenbahnwaggons befindet, entwickelt.

"Perspektivisch lässt sich Intelligenz erfolgreicher verkaufen als nur Metall."

Dirk Klädtke Geschäftsführer

Dass die Innovation in der Wirtschaft angewendet wird und sich bewährt hat, sei eine Bedingung des sächsischen Wettbewerbes gewesen, betont Dirk Klädtke, der diese Neuerung selbst in neunmonatiger Arbeit entwickelt hat. Wäre das keine Voraussetzung, hätte sich das Zschopauer Unternehmen auch mit anderen Innovationen noch bewerben können, meint der Geschäftsführer. So werde als Forschungsprojekt des Bundeswirtschaftsministeriums ein neues, optimiertes System der Blechtafellagerung entwickelt. Für diese Neuerung soll auch ein Patent beantragt werden. Für ein Fraunhofer Institut im Stuttgarter Raum werden von dem Zschopauer Metallverarbeitungsunternehmen Teile eines Prüfstandes mit entwickelt und gefertigt, der sensible Gebäude wie Botschaften auf ihre Sicherheit testen soll. Zudem würden für das Bundesamt für Geowissenschaft Messgeräte für die Tiefseeforschung hergestellt. All das seien Aufträge im sechsstelligen Bereich. Sie sollen dazu beitragen, so Klädtke, dass das Unternehmen in diesem Jahr wieder eine Umsatzhöhe von drei Millionen Euro anvisieren kann. Diese Summe wurde bereits 2009 erreicht. Bis dahin hätten die Zeichen seit der Gründung des gemeinsamen Unternehmens der Brüder 1999 stets auf Wachstum gestanden, der Umsatz habe sich jährlich nahezu verdoppelt. Doch in der Wirtschaftskrise habe einer der größten Kunden Insolvenz anmelden müssen, der Umsatz ging daraufhin 2010 um fast ein Drittel zurück. Klädtke: "Das war bitter und schmerzhaft für uns. Wir mussten mehr als 20 Mitarbeiter entlassen und Kurzarbeit anmelden."

Die Zeit sei wie eine Zäsur gewesen: "Wir haben sie gut genutzt. Viel wurde in die EDV investiert, die Kalkulation und die Arbeit mit den Kunden verbessert", erklärt der jüngere von beiden Geschäftsführern. Vor allem aber wartet das Unternehmen, das anfangs als reiner Lohnfertiger startete, nach der Krise stärker mit eigenen Erzeugnissen auf.

"Perspektivisch lässt sich Intelligenz erfolgreicher verkaufen als nur Metall", sagt der Firmenchef salopp. Auch neue Mitarbeiter wollen die Zschopauer Brüder einstellen. Derzeit arbeiten schon wieder 53 Beschäftigte in zwei Schichten. "Wir suchen händeringend versierte Schweißer und CNC-Zerspaner", so Dirk Klädtke. Das Wachstum des Unternehmens soll 2012 von außen sichtbar sein: Zum dritten Mal werde auf dem Gelände am Helmgarten angebaut, die neue Halle für eine Größe von 600 Quadratmetern geplant. Mit Ausrüstung soll die Investitionssumme einen siebenstelligen Betrag erreichen.

An den Innovationswettbewerb knüpfen die Brüder vor allem die Hoffnung, in der sächsischen Region bekannter zu werden. "Denn Kunden haben wir bisher vor allem im Raum München, Frankfurt (Main) und Stuttgart", erläutert Dirk Klädtke. Innovationspreis Bewerben konnten sich kleine und mittlere Unternehmen mit bis zu 500 Beschäftigten und Sitz in Sachsen. Über die Vergabe der Ehrungen mit einem Preisgeld von insgesamt 60.000 Euro entscheidet eine Jury aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Es gibt zwei mit je 5000 Euro dotierte Sonderpreise. Neben der Commerzbank vergeben dieses Jahr erstmals die sächsischen Handwerkskammern einen Sonderpreis.

 

 

Internet: www.innovationspreis.sachsen.de

 

 

Quelle: Freie Presse, Ausgabe Stollberger Zeitung, 15.04.2011