Instrumentenbau in Carlsfeld - Junger Handwerker führt Tradition fort

Wer der Tangomusik Südamerikas lauscht, der hört oft den typischen Klang des Bandoneons. Viele der Instrumente stammen aus dem sächsischen Carlsfeld, wo sie früher in großer Zahl produziert wurden. Dort fertigt sie heute ein junger Instrumentenbauer wieder an.

Das Erzgebirge hat mehrere Strukturwandel erfahren, die die sächsische Region und ihre Wirtschaft prägen. Als der Bergbau seinen Zenit im 17. Jahrhundert überschritten hatte, entwickelten die Menschen alternative Geschäftsideen – innovative oder auch aus heutiger Sicht traditionelle Ideen, wie die Spitzenklöppelei und die überregional bekannte Holzschnitzkunst. Und sie prägten den Tango.

Von Deutschland nach Südamerika

Im Jahr 1925 komponierte Edgardo Donate aus Argentinien das weltweit berühmt gewordene Stück „A media Luz“. Hören kann man den Tango auch auf der Website von Robert Wallschläger aus Carlsfeld: Mit den typischen Wehmut erzeugenden Klängen stellt der Instrumentenbauer eines seiner Hauptprodukte vor, das Bandonion, international Bandoneon genannt. Dieses Handzuginstrument, einem Akkordeon ähnlich, hatten Auswanderer im 19. Jahrhundert von Sachsen nach Argentinien mitgenommen; sein Klang ist aus der dortigen Musik kaum mehr wegzudenken. Hergestellt wurden die Instrumente in Carlsfeld: Dort gründete Carl Friedrich Zimmermann 1846 eine Harmonika-Fabrik, die seine Nachfolger aus der Familie Arnold weiterentwickelten. Die Firma „Alfred Arnold“ (AA) war 1933 mit rund 100 Beschäftigen einer der wichtigsten Arbeitgeber vor Ort und produzierte monatlich etwa 600 Bandoneons, von denen rund 85 Prozent nach Südamerika exportiert wurden.

Weltberühmte Solisten wie Astor Piazzolla spielten das AA-Bandoneon. Für viele Kenner ist es laut „Tangodanza“, einer Fachzeitschrift zum argentinischen Tango, die Seele dieser Musik. „Carlsfeld wurde das international anerkannte Zentrum der Bandoneonproduktion“, schreibt der Bandonionverein Carlsfeld (BVC) in seinem Rückblick auf die Instrumentengeschichte. Auch in dem sächsischen Ort sei es fast in jedem Haus gespielt worden, es gab ein Werksorchester und einen Bandoneon-Club. Bis die Firma 1964 schloss. „Die Betriebe waren durch die DDR enteignet worden und die Bestellungen für Bandoneons rückläufig“, sagt Wallschläger, seit 2010 Vorsitzender des BVC. „Am Hauptstandort in Klingenthal produzierte man vor allem Akkordeons, den Standort in Carlsfeld wollte die Politik dafür nutzen, Einspritzpumpen für Traktoren herzustellen.“ Damit verstummte die Bandoneonmusik vor Ort fast vollständig.

Neuanfang

Rund 30 Jahre später bemühte sich der Fremdenverkehrsverein Carlsfeld, die Tradition wiederzubeleben: Anfangs mit Benefizkonzerten, seit 1993 findet regelmäßig ein internationales Festival statt. Dabei wirken Solisten, Orchester und Tangotanzpaare aus Deutschland und Südamerika mit – und Robert Wallschläger. 1993 trat er mit acht Jahren das erste Mal als Schüler auf. Mittlerweile unterrichtet er selbst und seine Musikleidenschaft ist ihm zum Beruf geworden: Seit 2007 produziert er in Carlsfeld Bandoneons, Concertinas sowie Harmonikas. Dafür hat er einen Meister als Handzuginstrumentenmacher und sich selbstständig gemacht. Einen kleinen Anschub gab dabei eine Gründungsförderung. Seine heutige Wirkungsstätte ist die Werkstatt, in der Ernst Louis Arnold einst unter dem Markennamen „ELA“ Bandoneons herstellte. „Er hatte die alte Schule erworben und zur Fabrik umgebaut“, sagt Wallschläger. 2010 stand das abrissreife Gebäude erneut zum Verkauf. „Mit einer 50-prozentigen Förderung über LEADER+ haben wir es instand gesetzt und hier unsere Werkstatt eingerichtet.“ Er beschäftigt zwei Mitarbeiterinnen. Das kleine Unternehmen trägt sich durch die Kombination von Neubau und Reparatur der Handzuginstrumente. Seine Kunden hat er insbesondere deutschland- und europaweit, ab und an ist auch jemand von weit her dabei. „Weltweit gibt es vielleicht zehn Unternehmen, die Bandoneons bauen, alle eher so klein wie wir“, sagt der Instrumentenmacher. Dabei sei Carlsfeld das Mekka der Bandoneonisten. „Weil die meisten Spieler noch die alten Instrumente aus den 1920er- und 30er-Jahren spielen.“ Wallschläger erinnert sich an einen bewegenden Moment mit Luis Stazo bei einem Festival in den 1990er-Jahren. Der Argentinier war Gründer des südamerikanischen Sexteto Mayor, das vor rund 100 Jahren den Tango nach Europa gebracht hat. Als der Virtuose in der Dorfkirche seine Bandoneons für den Auftritt auspackte, habe er gesagt: „Meine Babys, ihr seid wieder zuhause“. Bei der Gründung seiner Firma hat Wallschläger die Nutzungsrechte an der Marke AA erworben. Er hat sie aber nicht verlängert, denn er will sich in der Bandoneon-Fachwelt einen eigenen Namen machen. Den alten Markennamen nutzt jetzt eine kleine Fabrik in Klingenthal.

Bandoneon vor Ort

Ursprünglich hatte Wallschläger Tischler werden wollen. „Aber ich fand es handwerklich reizvoller, mit so verschiedenen Materialien wie Holz, Metallen, Leder und Pappe zu arbeiten.“ Und der besondere Klang habe ihn fasziniert. Das Bandoneon hat einen Tonumfang wie ein Konzertflügel und bietet eine große Bandbreite für das Repertoire. „Aber vor 20 Jahren hat im Ort kaum jemand noch darauf gespielt“, sagt Wallschläger. „Dabei gehört das Instrument hierher. Das wollen wir pflegen.“ Als 17-Jähriger war er 2001 Gründungsmitglied des Bandonionvereins Carlsfeld, sein Vater bis 2010 dessen Vorsitzender. Der BVC hat mittlerweile zwei Orchester. Im Erwachsenen-Ensemble spielen 13 Musiker im Alter von 25 bis 78 Jahren mit. „In unserem ‚La Vivas Bandonion Kinder- und Jugendorchester‘ sind es um die 20; die jüngsten sind sechs und die ältesten 19 Jahre alt.“

Wallschläger hat derzeit elf Schüler, einige seiner früheren haben ausgelernt und bringen ihr Können anderen bei. Mit Hilfe einer Förderung aus Mitteln des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) konnte der BVC drei Anfänger-Bandoneons als Leihinstrumente erwerben sowie einen Laptop: „Damit wollen wir Noten digitalisieren und archivieren und uns weltweit mit Bandoneonspielern vernetzen“, sagt Wallschläger. Die Ostsächsische Sparkasse zeichnete den Verein 2012 im Rahmen ihres Unternehmerpreises als Verein des Jahres aus. Außer beim Festival tritt der BVC im Jahr rund zwanzigmal bei Veranstaltungen auf – wenn nicht gerade eine Corona-Pandemie herrscht.

Zwar konnte der Einzelunterricht unter Auflagen teilweise stattfinden, den Kontakt untereinander hielten die Vereinsmitglieder aber vor allem über WhatsApp. „Darüber organisieren wir normalerweise unsere Proben“, so Wallschläger. Während der Kontaktbeschränkungen zu Weihnachten nutzte der BVC das Medium für einen musikalischen Adventskalender. „Das fand großen Anklang bei den Freunden, Förderern, Familien und Fans.“ Etwa 230 Menschen traten der WhatsApp-Gruppe bei. Ein Vereinsmitglied mit professionellem Hintergrund schrieb Noten für die Schüler, die Übungsbeiträge wurden als Audiodateien hochgeladen. Insbesondere die älteren Mitglieder freuten sich aber, als wieder erste echte Proben im Freien möglich wurden. Gleichzeitig kamen durch Corona drei neue Schüler hinzu, weil die Familien eine kreative Beschäftigung für ihre Kinder suchten und vielleicht den Dachboden aufräumten. „Viele im Ort haben noch ein altes Bandoneon irgendwo“, sagt Wallschläger.

Für den Tourismusverband Erzgebirge ist das Bandoneon Teil des regionalen Images. Ein Denkmal in Carlsfeld erinnert an die Tradition des Instrumentenbaus und es wurde ein Bandoneonlehrpfad geschaffen. Auf ihn weist beispielsweise die Plattform „outdooractive“ als Abstecher einer Radtour hin – und regt zu einem Besuch in der Bandoneonmanufaktur an.

Autorin: Anja Rath, Zeitschrift "landinform"