Wirtschaft mahnt mehr Straßenbau an

Der Erzgebirgskreis wird stiefmütterlich behandelt. Die Landesregierung sieht das anders. Nun machen die Unternehmer der Region Druck.

VON ANDREAS LUKSCH

OBERWIESENTHAL - Der Endpunkt der Fichtelbergbahn für die zweite Sitzung der Regionalversammlung Erzgebirge der Industrie- und Handelskammer Chemnitz (IHK) am Montag hätte nicht besser passen können. In punkto Verkehrsinfrastruktur sehen derzeit viele Erzgebirger vor allem eines: Stillstand. Der Auer Unternehmer Gert Bauer, Präsident der Regionalversammlung, brachte die Stimmung gleich zu Beginn auf den Punkt: "Mir scheint, dass beim Straßenbau im Erzgebirge nicht nur ein, zwei Gänge zurückgeschaltet, sondern der Rückwärtsgang eingelegt wurde." Obwohl die Region in der Mitte Europas liege, drohe die Wirtschaft durch die lückenhafte Infrastruktur an den Rand gedrängt zu werden.

"Mir scheint, dass beim Straßenbau im Erzgebirge der Rückwärtsgang eingelegt wurde."

Gert Bauer Präsident der Regionalversammlung Erzgebirge

Bernd Sablotny, Abteilungsleiter im sächsischen Wirtschaftsministerium, zeigte sich von diesen Aussagen "irritiert". Mit allerlei Zahlen versuchte er, den schlechten Eindruck aufzupolieren. So habe der Landkreis mit 16 von 531 zwar die wenigsten sächsischen Autobahnkilometer, doch bei Bundes- und Staatsstraßen verzeichne er eine höhere Dichte pro Quadratkilometer als anderswo im Freistaat. Zugleich räumte Sablotny ein, dass 18 Prozent der Bundesstraßen und 31 Prozent der Staatsstraßen in schlechtem Zustand seien. Dennoch sei bereits vieles erreicht. Als Beispiele nannte er die Ortsumgehung Marienberg, die S 255 von Aue zur Autobahn, die S 258 von Scheibenberg bis Stollberg - die 2015 komplett fertig sein soll - die Brücke in Markersbach für die B 101. Für Aue soll ein weiterer Autobahnzubringer kommen.

Zwar wollte auch Landrat Frank Vogel Fortschritte nicht ausblenden, doch sah er ein deutliches Gefälle zwischen Ost und West im Kreis. "Von Aue bin ich in einer Stunde in Dresden, von Annaberg brauche ich zwei", so seine Erfahrung. Bei allen Problemen könne er nicht verstehen, dass nicht wenigstens dort gebaut werde, wo Baurecht vorliegt. Dazu gehören der Mönchsbadknoten (B 95). "Das ist wirklich nicht so erfreulich", räumte Sablotny ein.

Doch nicht nur dafür konnte er keine konkrete Aussicht bieten. Viele Projekte seien in der Planungsphase. Unter fünf bis sieben Jahren werde sich dort nichts tun. Zudem sei sein Ressort derzeit dabei, die Planungen bis 2025 zu überarbeiten. Als Sablotny vor einem Jahr sein Amt übernahm, habe er "manches halbherzig gestrickt" vorgefunden. Vieles nach 2015 läge im Nebel. Das werde nun an die Realität angepasst.

Da die Regionalversammlung Erzgebirge aus den Ausführungen von Sablotny keine spürbaren Verbesserungen für die Erzgebirgsregion erkennen konnte, hat sie im Nachgang eine Resolution verfasst. Darin wird gefordert: der zügige Ausbau der B 174 zwischen Gornau und Chemnitz, der umgehende Baubeginn am Knoten B 95 mit der S 222 südlich von Ehrenfriedersdorf (Mönchsbad), der Ausbau B 101 als Ost-West-Tangente sowie der Ausbau der B 95. Zudem verlangen die Unternehmer, die Gespräche mit der tschechischen Seite zu forcieren, damit weite Teile des Erzgebirges nicht mehr Endstation für Lkw-Verkehr nach Tschechien sind.

 

 

Quelle: Freie Presse, Ausgabe Annaberger Zeitung, 09.11.2011