"Wir liefern keine Meterware"

ERUFSMILLIONÄRE: Seiler Jens Bauer aus Erdmannsdorf über Knoten, Fadenstärken sowie Zwang und Nutzen der Spezialisierung

 

Erdmannsdorf. Zahlen bestimmen den Alltag. Gewerke und Branchen kennen Kilogramm, Liter oder Stück. Die "Freie Presse" hat mit Firmenchefs, Handwerkern und Selbstständigen ihren Job unter statistischem Gesichtspunkt betrachtet. Da wird mancher sogar zum Berufsmillionär. Christof Heyden hat mit Jens Bauer gefachsimpelt. Der Erdmannsdorfer ist Geschäftsführer der Firma Bauer Seil & Sport.

 

 

Freie Presse: Ein Blick in die Chronik beweist: Bauers spinnen seit Jahrzehnten erfolgreich einen sehr, sehr langen Faden.

Jens Bauer: Unser Familienbetrieb wurde 1869 gegründet. Wir werden 2019 auf unser 150-jähriges Bestehen blicken können. Und da ist von meinen vier Vorgängergenerationen mit Julius, Emil, Paul und Walter sowie meinen Vater Klaus ein beachtliches Arbeitswerk geleistet worden. Wir verstehen uns auf die Netz- und Seilfabrikation. Sind einst ungezählte Meter Seil hergestellt worden, haben wir uns jetzt auf konkrete Netzwerk-Projekte spezialisiert.

 

Wie lang sind denn die in der Firma produzierten Seile?

Da gilt es, die verschiedenen Wirtschaftsetappen und die Technikentwicklung zu beachten. Einst fertigten die Firmengründer beispielsweise Anbindestricke fürs Vieh der Bauern. Die aus Naturmaterial wie Sisal und Hanf gefertigten Seile dienten auch dem Zusammenbinden von Stroh. Dies war Stückware und wurde in Mannarbeit gefertigt. Mit der Industrialisierung ziehen Flecht-, Zwirn- und Seilmaschinen ein. In DDR-Zeiten schafften zwei Mitarbeiter etwa 1000 Meter Seil am Tag. Das ist eine Größenordnung, die heute eine Maschine in einer Stunde leistet. Bis zur Wende war beispielsweise auch der Verlag der "Freien Presse" ein Abnehmer der Verpackungsbindfäden für die Tageszeitung. Indes: Die politischen Veränderungen erforderten von uns, sich umzuorientieren. Mit der Massenherstellung von Seilen, so wie sie meine vier Vorgängergenerationen produziert haben, war wirtschaftlich kein Erfolg mehr gesichert.

 

Daher der Schritt zu Spezialisierung und Nischenproduktion?

Der Veredelungsprozess ist unsere Chance - und das individuelle Eingehen auf Kundenwünsche. Wir stellen insofern keine Meterware her, sondern an speziellen Aufträgen orientierte Ware.

 

 

 

Quelle: Freie Presse vom 23.08.2017