Trotz Behinderung im Job voll integriert

Seit 2005 beschäftigt Tischlermeister Uwe Schuster Menschen mit Handicap in seinem Unternehmen. Eine Erfolgsgeschichte für Arbeitgeber und -nehmer.

VON CHRISTIAN GESELLMANN UND BERND MÄRZ (FOTOS)

ANNABERG-BUCHHOLZ - Krachend fährt das schwere Brecheisen unter die Pressspanplatte und reißt mit ihr die Dübel aus dem Betonboden. Staub wirbelt auf. Karl-Heinz Nestler hebelt die zwei Meter langen Platten an, sein Bruder Helfried wuchtet sie hoch und stellt sie an die Seite. Platte für Platte. Raum für Raum. Zehn Stunden am Tag. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Wo andere viele Worte brauchen, langt den beiden eine Geste.

"Das ist hier nicht Schrauben zählen in der Behindertenwerkstatt"

Uwe Schuster Tischlermeister

Die Brüder sind taubstumm. Obwohl sie ein ganz normales Leben führen, Familie, Führerschein und Berufsausbildung haben, fanden sie jahrelang keine ordentliche Arbeitsstelle. Dabei arbeiten sie härter als viele nichtbehinderte Kollegen, sagt ihr Chef, Tischlermeister Uwe Schuster aus Annaberg. "Es ist schwer Leute zu finden, die Lust auf diese körperlich anstrengende Arbeit haben. Das ist hier nicht Schraubenzählen in der Behindertenwerkstatt." Karl-Heinz und Helfried Nestler haben Lust auf diese Arbeit, genau wie ihr Kollege Andree Fink.

Der 46-Jährige ist seit einem Hörsturz 1995 fast taub. Seitdem hat er keine vernünftige Anstellung mehr bekommen. Dass er nun endlich wieder einen fair bezahlten Job hat, verdanken er und Nestlers auch Ilona Wiener. Sie arbeitet für den Integrationsfachdienst (IFD), eine kommunale Einrichtung, die dort ansetzt, wo die Arbeitsagenturen und Jobcenter an ihre Grenzen stoßen. Sie berät behinderte und schwerbehinderte Menschen, Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretungen, füllt Anträge für Fördermittel aus, hilft im Formular- und Paragrafendschungel und erklärt die Behinderungsarten und die damit verbundenen Probleme und Möglichkeiten. Und wenn es partout keinen Job für ihre Kunden gibt, sucht Ilona Wiener "Nischenarbeitsplätze", geht direkt auf Arbeitgeber zu. Keine einfache Aufgabe: "Besonders in großen Firmen, wo alle Arbeitsprozesse automatisiert ablaufen, ist kein Platz für Menschen mit Handicaps."

Im Tischlerbetrieb von Uwe Schuster mit seinen fünf Mitarbeitern ist mehr Platz für Individualität. Ilona Wiener arbeitet seit fünf Jahren mit ihm zusammen. Er hat gelernt, mit den Behinderten umzugehen, sogar ein wenig Gebärdensprache beherrscht er. "Man kann ihnen eben nicht einfach sagen was sie machen sollen, sondern muss es ihnen zeigen", sagt Schuster. Ohne das gute Verhältnis zu seinem wichtigsten Auftraggeber, der Wohnungsbaugenossenschaft Annaberg (WBA) wäre das Projekt aber wohl nicht in Schwung gekommen. "Man braucht schon etwas mehr Geduld und Vertrauen", sagt WBA-Chef Joachim Schneider. "Aber am Ende passt die Leistung, ich zahle nicht drauf dabei." Schneider bemängelt, dass das soziale Verständnis bei vielen einfach fehle. In einer normalen Projekt-Ausschreibung, in der der Anbieter das Angebot erhält, der am schnellsten und günstigsten ist, hätte Uwe Schusters Firma den Auftrag nicht von ihm bekommen. "Die Teilhabe von behinderten Menschen am Arbeitsleben bedeutet auch die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben", erklärt Wiener und Uwe Schuster bestätigt im Namen seiner Angestellten, die seine Worte von den Lippen ablesen und mit dem ganzen Oberkörper nicken: "Die Männer wollen auch etwas zu berichten haben, wenn sie abends mit der Familie am Tisch sitzen."

Der Integrationsfachdienst ist zu erreichen: Annaberg(03733/145152), Adam- Ries-Str. 16 jeden 2. und 4. Donnerstag. Marienberg (03735/660493) ab 01.01.2012, Am Frischen Brunnen 1, jeden 1. und 3. Donnerstag. Aue (03733/145152), Wettinerstraße 61, jeden 2. und 4. Donnerstag, jeweils 13 bis 18 Uhr. » Internet: www.sfw-chemnitz.de

ilona.wiener@sfw-chemnitz.de

 

 

Quelle: Freie Presse, Ausgabe Annaberger Zeitung, 15.12.2011