Rückschlag für Welterbe-Projekt

Im sächsischen Erzgebirge wächst die Hoffnung auf den Welterbetitel als Entwicklungsimpuls. Die Regierung bremst dagegen.

VON UWE KUHR

DRESDEN - Der Freistaat Sachsen will die Vorbereitungen des ursprünglich bilateralen Welterbe-Projekts "Montanregion Erzgebirge" ohne die tschechischen Partner verfolgen. Das Innenministerium in Dresden, das das Unesco-Vorhaben im Auftrag der Landesregierung begleitet, hat gestern ausgeschlossen, dass vor dem Frühjahr 2012 das Nachbarland Tschechien offiziell in dieses grenzübergreifende europäische Kultur-Projekt eingeladen wird. Damit ist es dem Nachbarland faktisch unmöglich, noch rechtzeitig dem Vorhaben beizutreten.

Nach Unesco-Richtlinien müsste sich Prag spätestens im Januar 2012 erklären. Voraussetzung: eine sächsische Einladung. "Das ist ein herber Rückschlag für Sachsen und Tschechien", sagte gestern der Landrat von Mittelsachsen und Chef des Vorbereitungskomitees für die Bewerbung, Volker Uhlig (CDU). Tschechische Kommunen im Erzgebirge arbeiten seit 2005 an dem Vorhaben mit. Er befürchtet, dass eine Eiszeit entlang des Erzgebirgskamms einziehen könnte, sollte der Freistaat nicht einlenken. Erst vor zehn Tagen hatten sich in Marienberg Dutzende sächsische Kommunen begeistert zu dem Projekt bekannt.

Das Innenressort erklärt das Handeln mit einem Kabinettsbeschluss vom März. Danach sei zunächst bis Ende des Jahres ein Bericht über den Stand des Projekts vorzulegen. Inoffiziell ist vom Dezember die Rede. Danach werde "das Kabinett 2012 über eine Zustimmung zum Welterbeantrag der Montanregion entscheiden", heißt es weiter. Sachsen muss als Projektinitiator zwar erst im Januar 2013 seinen Antrag bei der Unesco in Paris einreichen. Die Weltkulturorganisation verlangt aber, dass die Regierung jedes weiteren Teilnehmerlandes spätestens ein Jahr zuvor ihre Absicht erklärt.

Das spielt in Dresden offenbar keine Rolle. "Die termingerechte sächsische Antragstellung hat Vorrang", teilte das Innenministerium mit. Ein Brief an Ressortchef Markus Ulbig (CDU) von den beiden Regionalpräsidenten aus Karlovy Vary und Usti nad Labem von Mitte Juni blieb bisher unbeantwortet. Die tschechische Seite bat darin um eine Beschleunigung des Prozesses und eine Einladung an das Kulturministerium in Prag.

Der Spiritus Rector des Projekts, Helmuth Albrecht von der Bergakademie Freiberg, versteht die Welt nicht mehr. Als Sachsens Regierung 1998 die Montanregion Erzgebirge auf die Warteliste deutscher Welterbeprojekte setzen ließ, regte bereits damals der Freistaat ein Zusammengehen mit Tschechien an. "Jetzt legt uns die sächsische Regierung gefährliche Steine in den Weg."

 

 

Quelle: Freie Presse, Ausgabe Annaberger Zeitung, 08.07.2011