Rohstoffland Deutschland: Die Schatzsucher vom Erzgebirge

Seit die Rohstoffpreise weltweit steigen, lohnt sich die Suche nach den wertvollen Materialien in Deutschland wieder. An der tschechischen Grenze wird nach Zinn gegraben. Doch die Pioniere müssen erst einmal kräftig investieren.

 

Es ist bitterkalt am Waldrand von Gottesberg im Erzgebirge. Die blaue Bohranlage und die drei Männer stehen in einem halben Meter Schnee. Aber als die meterhohe Stange mit dem Bohrkern sich langsam aus dem Erdboden schraubt, werden die Bewegungen der Bohrexperten plötzlich sehr geschmeidig. Blitzschnell klopfen und drehen sie die Gesteinsprobe aus der Stange und legen sie vorsichtig in die bereitstehende Holzkiste. Der Bohrkern ist grau und gelb gefleckt, mit rostroten Adern und spiegelglatt. Die Probe stammt aus 104 Metern Tiefe. "Ab 100 Metern wird es interessant", sagt der Geologe Jörg Reichert.

Und wie interessant. Denn Reicherts Arbeitgeber, die Firma Deutsche Rohstoff AG, bohrt hier in Gottesberg nahe der tschechischen Grenze nach Zinn. Wenn sich die Daten der DDR-Forscher bestätigen, dann liegen unter den erzgebirgischen Wäldern, ab 100 Meter Tiefe, um die 180.000 Tonnen des Metalls - eine, wenn nicht die größte Zinnreserve der Welt. Schon jetzt könnte das Metall auf dem Weltmarkt rund 3,6 Mrd. Euro einbringen - und der Zinnpreis steigt tendenziell. Laut Reichert kann mit dem Abbau in Gottesberg in fünf Jahren begonnen werden, und man hat es eilig hier: In Gottesberg wird seit Ende Dezember 24 Stunden gearbeitet, in zwei Schichten, bei Flutlicht und Schnee.

 

Deutschland hat keine Rohstoffe zu bieten außer Wissen? Falsch. Es hat sich nur lange nicht gelohnt, nach anderen Rohstoffen als Kohle und Industriemineralien wie Flussspat zu suchen. Doch seit die Weltmarktpreise für Zinn, Kupfer , Nickel und Seltene Erden steigen, ist das Interesse in- und ausländischer Investoren an Deutschland groß. Es wird in vielen der 300 stillgelegten Bergwerken gesucht, es werden Daten und Karten aus der DDR neu ausgewertet, und neue Technik wie Schalluntersuchungen eingesetzt. Und die Firmen werden fündig: Es gibt Zinn in Gottesberg, man fand Indium nahe Leipzig, Niob in Storkwitz und Kupferfunde in der Lausitz. Sie suchen auch nach Silber, Nickel und Wolfram - Metallen, die größtenteils importiert werden müssen. Und das zu kräftig steigenden Preisen: Allein zwischen 2003 und 2008 stieg der Importwert von Rohstoffen von 54 Mrd. Euro auf 127 Mrd. Euro, wie die Deutsche Rohstoffagentur ermittelte, ein Informationszentrum der Bundesregierung. Dann gingen die Preise zurück, aber: "Bis Ende 2010 haben die Rohstoffpreise für Industriemetalle bereits fast wieder das Niveau aus der Zeit vor der Finanzmarktkrise erreicht beziehungsweise dieses übertroffen", heißt es in einer Analyse der Agentur. Der Zinnpreis liegt derzeit bei 15.000 Euro pro Tonne. Im Sommer waren es 23.000 Euro, vor fünf Jahren 5000 Euro.

Zu anderen Zeiten hätte man sich nicht für Gestein mit einem Zinngehalt von 0,25 bis 0,54 Prozent interessiert. Aber bei dieser Preisentwicklung lohnt es sich. Unabhängig wird Deutschland mit seiner Industrieproduktion vermutlich selbst dann nicht von Importen, billig ist die Suche auch nicht. Für die Probebohrungen nach Zinn im Erzgebirge mussten australische und asiatische Investoren umgerechnet 3,1 Mio. Euro zücken. Das war kein Problem für die Heidelberger Firma. Aber es wird schwieriger.

 

Wo Nachteile liegen

"Im zweiten Schritt geht es um erheblich mehr Geld, wir brauchen für das Zinnprojekt 20 Mio. aus-tralische Dollar (15,6 Mio. Euro)", sagt Thomas Gutschlag, Vorstand der Deutschen Rohstoff AG. Um zahlungskräftige Investoren zu erreichen, müssen die DDR-Schätzungen für die Zinnreserve nicht nur durch Probebohrungen bestätigt werden, sondern auch dem australischen JORC-Standard (Joint Ore Reserve Committee) entsprechen, der Daten für die Investoren vergleichbar macht. "Historische Schätzungen sind nicht anerkannt."

Die Proben aus Gottesberg werden auch deswegen im Ausland untersucht, in spezialisierten Labors - in Deutschland gibt es diese Art Labors nicht. Für Gutschlag sind diese Transporte allerdings das kleinste Problem. Er sieht sogar Vorteile gegenüber anderen Rohstoffländern. Wer hier sucht und fördert, hat die Infrastruktur - Straßen, Energie, Wasser - direkt vor der Haustür. Das sieht in Kanada oder Australien anders aus.

Aber es gibt auch Nachteile: "In Deutschland ist in der Rohstoffexploration 30 Jahre lang nichts passiert", sagt Gutschlag. Erst jetzt gewöhnen sich Behörden an die Vorgänge und an schnelle Genehmigungen - und es entsteht Wettbewerb unter Dienstleistungsanbietern für Maschinen und Service. "Das senkt die Preise. Zum Vergleich: In Denver kostet die Ölbohrung in einem Testfeld 800.000 US-Dollar - dort gibt es 2000 Bohrungen pro Jahr. Bei uns kostet die gleiche Bohrung 2 Mio. Euro." Die Bohrung in Gottesberg kostet zwischen 350 und 650 Euro - pro Meter.

 

Hinzu kommt: In der dicht besiedelten Bundesrepublik prallen bei Großprojekten verschiedene Interessen aufeinander. Umweltschützer und Anwohner protestieren häufig gegen solche Projekte. Im Erzgebirge allerdings, in dem noch viele Vorkommen schlummern, ist die Protestkultur schwach entwickelt. Zudem gab es in der Region schon zu DDR-Zeiten viel Bergbau. Keine zehn Kilometer von Gottesberg steht eine Schaumine für Touristen offen. Mit einer Zinnmine hat man in Muldenhammer, zu dem Gottesberg gehört, deswegen keine Probleme. Dabei könnten mit dem Abbau des Zinns zwischen 300.000 und 800.000 Tonnen Abraum anfallen. "Die Abgänge kommen entweder in einen Absetzteich, also eine abgesicherte Deponie, oder sie werden direkt wieder in den Berg verfrachtet. Das ist, auch wegen der Grundwasserbelastung, der eleganteste Weg. Was wir genau machen, wird erst in der Machbarkeitsstudie festgelegt, die das Bergbaukonzept und den Businessplan enthält", sagt Gutschlag.

"Wenn Uran abgebaut würde, würde es erheblichen Widerstand geben", sagt der zuständige Bürgermeister von Muldenhammer, Jürgen Mann. Immerhin bringen solche Projekte auch Arbeitsplätze - rund 20 bis 30 Bergleute würden in Gottesberg eingesetzt, hinzu kommen Dienstleister. In dem geplanten Kupferbergbau in der Lausitz sollen sogar mehrere Hundert Bergleute einen Job finden. Und das langfristig. Die Laufzeit solcher Bergwerke richte sich nach dem betriebswirtschaftlichen Optimum, sagt Gutschlag. "Im Schnitt sind das zehn bis 15 Jahre - das kann aber, je nach Reserve und den Preisen, auch länger sein." Die Grube Clara im Schwarzwald, in der bislang Fluss- und Schwerspat abgebaut wird, läuft bereits seit 100 Jahren. Die Grube ist das letzte aktive Bergwerk im Schwarzwald. Noch. Es könnten wieder mehr werden.

 

 

Quelle: FTD.de, 02.01.2012