",Reiche Zeche' passt nicht ins Welterbe"

Steigende Studentenzahlen und volle Hörsäle - für den Rektor der TU Bergakademie hält der Baufortschritt dem Wachstumstempo nicht stand

FREIBERG - Rektor Bernd Meyer sieht die TU Bergakademie Freiberg als Ressourcenuniversität auf einem guten Weg. Für die Bewerbung der Montanregion Erzgebirge als Weltkulturerbe will er drei Objekte einbringen. Seine Einschätzungen zur Entwicklung der Einrichtung schilderte er im Gespräch mit Gabriele Fleischer.

Freie Presse: Wie ist für die TU Bergakademie 2011 gelaufen?

Bernd Meyer: Unsere Universität hat sich stabil und dynamisch entwickelt. Mit knapp 6000 Studenten haben wir die vom sächsischen Wissenschaftsministerium vorgegebene Sollstärke von 3370 weit übertroffen. Damit stoßen wir aber auch an unsere Kapazitätsgrenzen. Zuwachs haben wir vor allem in den klassischen Fächern wie Geotechnik und Bergbau, Mineralogie, Umwelttechnik, Angewandte Naturwissenschaft oder Wirtschaftsingenieurwesen. Meine größte Sorge ist es, dass die bauliche Entwicklung zu schleppend vorangeht. Einige Arbeiten am Bestand, wie am Werner-Bau, dem Domizil der Mineralogischen Sammlungen, und dem Haus Metallkunde laufen in diesem Jahr. Das aber reicht nicht. Die Planungen für den Hörsaalkomplex und die Bibliothek auf dem Campus sind ins Stocken geraten. Und für das künftige Domizil der Wirtschaftswissenschaften am Schloßplatz gibt es nach dem Abschluss der Grabungen im vergangenen Jahr noch immer keine neuen Signale aus Dresden.

Worauf führen Sie den Rückstand bei den Baumaßnahmen zurück?

Möglicherweise hat man uns ein so starkes Wachstum nicht zugetraut. Die Bausubstanz der Uni-Bauten stammt aus den 1950er-Jahren. Das reicht jetzt nicht mehr bei weiter steigenden Studentenzahlen.

 

Wie können Sie Ihrem Anspruch einer qualitativ hochwertigen Ausbildung gerecht werden?

Durch eine strategische Stundenplanung, die alle Freiräume ausschöpft. Außerdem ist zum Teil ein Schichtsystem bei den Vorlesungen bis 20 Uhr nötig. Das sind logistische Herausforderungen. An der Qualität der Ausbildung machen wir keine Abstriche. Da unterstützt uns der Bund über mehrere Jahre mit sieben Millionen Euro für Projekte zur Verbesserung der Qualität in der Lehre. Dazu gehören zusätzliche Tutoren- und Mentorenprogramme. Aber auch die starke Drittmitteleinwerbung kommt Forschung und Ausbildung zugute. Für die gute Qualität sprechen steigende Absolventenzahlen. Stehen 2009/2010 535 erfolgreiche Abschlüsse zu Buche, waren es ein Jahr später schon 810. Natürlich hängt das auch mit dem Angebot an Bachelor- und Masterstudiengängen zusammen, aber in erster Linie mit guter Vorbereitung. Andererseits hat sich durch die Studien-Zweiteilung die Prüfungsflut verstärkt, sodass selbst Räume in der "Alten Mensa" auf der Petersstraße genutzt werden müssen.

Wie stoppen Sie steigende Studentenzahlen, da ja nach Vorgaben des Hochschulpaktes weiter Personal abzubauen ist?

Bis 2015 müssen wir tatsächlich noch 28 Stellen abbauen, zwar keine im Bereich der Professoren, aber schon im wissenschaftlichen Bereich. Das ist bitter. Wir lassen dennoch keine Abstriche an unserem Profil zu, auch wenn wir den Gürtel enger schnallen müssen. Unser Markenzeichen ist die klassische, moderne Ingenieurausbildung. Das ist seit fast 250 Jahren so. Wir werden im Zusammengehen mit unserem neuen Helmholtz-Institut als die Ressourcenuniversität in Deutschland anerkannt und brauchen dafür alle unsere Ausbildungszweige. Wir spielen die erste Geige in diesem Bereich. Möglicherweise werden wir dazu kommen, Studienempfehlungen auszusprechen, um den künftigen Studenten die Wahl ihres Faches zu erleichtern, damit sie gezielt ihren Neigungen folgen können.

Wird auch das einsetzende Berggeschrey noch mehr Betätigungsfelder für die Freiberger Universität bieten?

Natürlich. Ob Materialökonomie und Energietechnik oder die Forschungsmöglichkeiten in unserem Lehr- und Forschungsbergwerk "Reiche Zeche", wir stellen uns den Forderungen der Wirtschaft.

Sind Sie deshalb bei der Zuordnung der "Reichen Zeche" zur Objektliste für die Aufnahme der Montanregion Erzgebirge als Weltkulturerbe zurückhaltend?

Sie passt nicht ins Welterbe, da sie sich seit Jahrhunderten den Entwicklungen stellt. Um den heutigen Anforderungen gerecht zu werden, müssen wir das Bergwerk weiter ausbauen, wenn auch ökologisch verträglich. Förderturm und Schachtanlage entsprechen nicht mehr den modernen Gegebenheiten. Zudem entstehen weitere Forschungseinrichtungen auf der "Reichen Zeche". Wir können über einen solchen Standort keine Glocke stülpen, damit er für die Welterbeliste taugt. Wir haben dort 200 hochwertige Arbeitsplätze. Grundsätzlich stellen wir uns aber der Aufnahme der Montanregion als Weltkulturerbe. Deshalb wollen wir unser Hauptgebäude an der Akademiestraße, den Schacht "Alte Elisabeth" und den Werner-Bau auf der Brennhausgasse als Objekte einbringen.

 

 

Quelle: Freie Presse, Ausgabe Freiberger Zeitung, 10.01.2012