Querschuss gegen die Montanregion

Die erzgebirgischen Landtagsabgeordneten Alexander Krauß (CDU) und Tino Günther (FDP) wollen dem Unesco-Welterbe-Projekt eine völlig neue Richtung geben. Und entfachen damit einen Sturm der Entrüstung.

VON GUNTER NIEHUS

ANNABERG-BUCHHOLZ/DRESDEN - Buttermilchgetzen, die Kunst des Reifendrehens und die erzgebirgische Mundart - auf all dies wollen die Landtagsabgeordneten Alexander Krauß (CDU) und Tino Günther (FDP) das höchste Gütesiegel der Unesco - den Welterbestatus - kleben. Die beiden Politiker haben den Vorschlag gemacht, das Erzgebirge in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufnehmen zu lassen - Seit an Seit mit der Echternacher Springprozession und der aserbaidschanischen Teppichknüpf-Tradition.

"Der Freistaat möchte das Welterbe-Projekt torpedieren. Das ist eine Riesensauerei!"

Frieder Stimpel Bürgermeister

Hübsche Idee, möchte man meinen. Doch bei Helmuth Albrecht, Professor an der Bergakademie Freiberg, läuten die Alarmglocken. Denn die erzgebirgische CDU-FDP-Koalition geht damit auf Konfrontationskurs zum Vorhaben von Kommunen, Landkreisen und einem Förderverein, mit architektonischen Zeugnissen der Bergbaugeschichte den Welterbetitel ins Erzgebirge zu holen. "Das Ganze ist ein Manöver, das Welterbeprojekt Montanregion zu torpedieren", so Albrecht. "Ein sehr durchsichtiges noch dazu. Ich denke auch nicht, dass die beiden sich das selbst ausgedacht haben."

Wer die Hintermänner sind, weiß er nicht genau. Doch Albrecht vermutet sie in den Reihen der Landesregierung. Die Idee mit dem immateriellen Weltkulturerbe passe einfach perfekt zu der Weigerung aus Dresden, die tschechische Seite offiziell zur Teilnahme an der Bewerbung einzuladen. Und zu den zahlreichen weiteren Schikanen. "Aus der Landeshauptstadt wird uns seit Jahren eine Hürde nach der anderen in den Weg gestellt", so Albrecht.

Doch dort weist man die geistige Vaterschaft strikt zurück. "Mit der CDU-Fraktion war das jedenfalls nicht abgestimmt", betont deren Vorsitzender Steffen Flath aus Annaberg-Buchholz. "Dies wäre auch sinnlos, denn bei dem ganzen Thema hat der Landtag ohnehin kein Mitspracherecht. Aber ich finde den Vorschlag persönlich sehr gut." Im sächsischen Innenministerium blockt man Nachfragen ab. "Das Thema überlassen wir besser den Fachleuten", sagt der stellvertretende Pressesprecher Lothar Hofner. "Zurzeit wird an einem Bericht zum Welterbeprojekt gearbeitet. Ende des Jahres soll er vorliegen." In dieses Dokument würde womöglich auch der Vorstoß der beiden Abgeordneten einfließen. Doch bis der Bericht fertig sei - daran lässt Hofner keinen Zweifel - passiert beim Thema Welterbe erst mal gar nichts. Etwas zu sagen, so der Sprecher, gebe es dementsprechend auch nicht.

Bei Schneebergs Bürgermeister Frieder Stimpel (CDU) rennt sein Parteifreund Krauß jedenfalls keine offenen Türen ein. "Dessen Idee zu kommentieren, würde ich mir gern ersparen", sagt der Rathaus-Chef, der seit vielen Jahren bei Albrechts Welterbeprojekt vorneweg marschiert. "Ich habe aber den Eindruck, dass der Freistaat das Welterbeprojekt torpedieren will. Und das ist eine Riesensauerei!" Inwiefern Krauß und Günther aus Dresden ferngesteuert werden, dazu will sich der Schneeberger Rathaus-Chef allerdings nicht äußern.

Doch trotz aller Querschüsse - kampflos zu den Akten legen wollen weder Helmuth Albrecht noch Frieder Stimpel ihr Projekt. "Kein Welterbeprojekt in Deutschland wurde je so gründlich vorbereitet", sagt Albrecht. "Die Region muss sich jetzt mit geballter Kraft beim Land durchsetzen", fordert der Wissenschaftler. "Die Staatsregierung kann dem auf Dauer nicht widerstehen."

 

 

Quelle: Freie Presse, Ausgabe Annaberger Zeitung, 21.07.2011