Ost-Forschung holt auf, aber noch nicht ein

Studie zeigt deutliche Unterschiede zwischen neuen und alten Ländern - vor allem im Bereich der Wirtschaft

Von Jörg Telemann

 

Chemnitz. Beschäftigung, Wachstum, Wohlstand - dieser Dreiklang hängt im rohstoffarmen und exportorientierten Deutschland vor allem von einem ab: Innovation. Dabei spielen Forschung und Entwicklung eine herausragende Rolle, um neue Produkte, Verfahren oder Dienstleistungen überhaupt hervorbringen zu können.

20 Jahre nach der Wende hat das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) untersucht, wo die neuen Bundesländer bei Forschung und Entwicklung (FuE) im Vergleich zu den alten Ländern stehen. "Die Forschungslandschaft im Osten hat sich tiefgreifend gewandelt", sagt Jutta Günther vom IWH. Mit dem Zusammenbruch der Planwirtschaft und der De-Industrialisierung seien erhebliche Forschungskapazitäten verloren gegangen. "Die neuen Länder haben seit 1990 aber aufgeholt, wenngleich die Forschungsintensität noch deutlich niedriger als in den alten Ländern ist", so Günther (siehe Grafik). Schwachpunkt im Osten seien dabei die vergleichsweise geringen Aufwendungen der Wirtschaft im FuE-Bereich.

Das liegt Günther zufolge auch daran, dass im Osten tendenziell forschungsschwächere Branchen ein stärkeres Gewicht haben, allen voran das Ernährungsgewerbe. Forschungsintensivere Bereiche, wie etwa die Automobil-Industrie, spielten in den neuen Ländern nur eine geringere Rolle. Einen weiteren wesentlichen Unterschied sieht Günther in der "Kleinteiligkeit" der Ost-Wirtschaft. Kleine und mittelgroße Firmen könnten nicht so viele Mittel für Forschung und Entwicklung ausgeben wie etwa ein Großkonzern. Ausländische und westdeutsche Investoren hätten für die Ost-Wirtschaft zwar enorme

Bedeutung. Doch oft gebe es in den neuen Ländern nur produzierende Ableger der westdeutschen oder ausländischen Firmen. "Strategische Forschung findet sich zumeist am Standort der Unternehmenszentralen - und die sind kaum im Osten zu finden", so Günther.

Wenn man die FuE-Aufwendungen von privater Wirtschaft und öffentlichem Sektor vergleicht, zeigt die IWH-Studie ein markantes Muster auf: Hochschulen und andere staatliche Forschungseinrichtungen besitzen im Osten einen höheren Stellenwert als im übrigen Bundesgebiet. Beide Sektoren zusammen machen in den neuen Ländern mehr als die Hälfte aller FuE-Aktivitäten aus, verglichen mit rund einem Viertel im Westen. Der Rückstand des Ostens in Bezug auf private FuE wird durch das höhere staatliche Engagement vor allem im Bereich der außeruniversitären Forschung teilweise aufgefangen.

Laut IWH-Studie lässt sich bei der Forschungsintensität nicht nur ein Ost-West-, sondern auch ein Nord-Süd-Gefälle beobachten. So weisen die drei südlichen Länder Westdeutschlands - Baden- Württemberg, Bayern sowie Hessen - überdurchschnittliche Werte auf, wogegen der Nordwesten wie auch weite Teile des Ostens unter dem Bundesdurchschnitt liegen. Sachsen gehört dagegen zur Spitzengruppe.

Das hat Gründe: Zum einen sei es gelungen, an Industriespezialisierungen von vor 1990 anzuknüpfen, wie etwa der Mikroelektronik und dem Fahrzeugbau. Zum anderen seien günstige Voraussetzungen für die Ansiedlung neuer Innovationsbranchen geschaffen worden, so im Bereich der Photovoltaik. "Der Aufbau Ost kann nicht der Nachbau West sein", sagt Günther. Das neue Forschungs- und Entwicklungszentrum von Solarworld in Freiberg sei ein gutes Beispiel dafür.

 

 

Quelle: Freie Presse, Ausgabe Annaberger Zeitung, 23.09.2010