Lederkunde für Einsteiger

Handschuhmacher sind alt, ihre Geräte beinahe nur mehr im Museum anzutreffen, die Branche hierzulande ist tot. Stimmt - und doch wieder nicht, wie ein junger Mann im Erzgebirge zeigt.

 

Schneeberg. Als ihm die Großmutter hundert Mark in die Hand drückt und sagt: "Geh zum Zahor und kauf' dir ein vernünftiges Paar Lederhandschuhe!", ist Nils Bergauer gerade 15 Jahre alt. Inzwischen ist er 33 - und statt des Jugendwunsches, Lehrer zu werden, hat er vor vier Jahren seine eigene Lederhandschuhmanufaktur im erzgebirgischen Schneeberg eröffnet.

 

Wer die Werkstatt in den eben bezogenen, neuen, größeren Räumen betritt, taucht ein in eine Art Museumslandschaft zwischen Lasch- und Steppmaschinen, eisernen Händen gleichenden Dressiereisen, riesigen Scheren, Zollstöcken und Stanzkalibern, Fentier- und Kniehebelpressen. Nichts fehlt, was brauchte, wer einst manuell einen Lederhandschuh herstellen wollte - nur, dass das hier versammelte Inventar noch immer täglich zum Einsatz kommt.

 

"Vieles davon ist Vorkriegstechnik", sagt Bergauer, "ich habe die Ausstattung zusammengekauft und manches von meinem Meister Frank Zahor übernommen." Was folgt, ist eine Lederkunde für Einsteiger: Der junge Mann klärt auf über die Vorzüge von Lamm und Zicklein, Känguru- und Hirschnappa - auch über die gegerbte Haut der lateinamerikanischen Pekari-Schweine. "Das ist die Königsklasse", schwärmt er, "die ich ausschließlich von Hand, nicht mit der Maschine nähe." Dehnbar und strapazierfähig, schmiegt sich das Leder später an eines der beweglichsten menschlichen Körperteile: die Hand.

 

 

 

Quelle: Freie Presse vom 30.12.2016, Michael Kunze