Klangforschung - Geräusche: Hirsebrei klingt gut

Stuttgart - Warum nervt uns das kaum messbare Geräusch einer Mücke,´während wir den ohrenbetäubenden Lärm eines Wasserfalls schön finden? Und warum verursacht quietschende Kreide Schmerzen? Antworten weiß Psychoakustiker Friedrich Blutner. Er sagt aber auch: "Das ideale Geräusch gibt es nicht."

 

Hirsebrei. Wenn Friedrich Blutner dieses Wort in den Mund nimmt, mit sanfter Stimme und dem Akzent des Erzgebirges, dann hört sich das nicht nach einer gelblichen Pampe an. Eher schon wie der Titel eines Volkslieds, einer Melodie aus uralten Zeiten. "Hirse fällt ins Wasser, wird umgerührt, dann köchelt sie leicht. Ein angenehmes Geräusch, wie vor 1000 Jahren", sagt Friedrich Blutner.

 

Der Mann aus dem Osten der Republik sucht nach solchen Wohlklängen. Friedrich Blutner ist ein professioneller Geräuschesammler, ein Horchender von Beruf. Er hat Akustik und Messwerterfassung studiert, war zu DDR-Zeiten dem idealen Klang von Musikinstrumenten auf der Spur. Nach der Wende begann er, systematisch Geräusche zu sammeln. Hunderttausende. Sie lagern in seinem Archiv am stillen Waldrand oberhalb von Geyer, einer Kleinstadt im Erzgebirge: krachende Wurstpellen, platzende Tomaten, zuklappende Autotüren, Vogelstimmen, Presslufthämmer, der Schlag eines Schmetterlingsflügels und wummernde Waschmaschinen. Der Sound ganzer Städte und die geräuschvolle Stille im Wald.

 

Was hören Menschen gerne?

 

Friedrich Blutner (62) hat das Zuhören mit seiner Firma Synotec zum Geschäftsmodell gemacht. Mit zehn Mitarbeitern nimmt er Geräusche so auf, wie ein Mensch sie räumlich hört, und drückt sie dann Testpersonen aufs Ohr. Blutner erforscht, was Menschen gern hören und was nicht. Er tut das vor allem im Auftrag von Unternehmen, die wissen wollen, ob der Klang und die Qualität ihrer Produkte zusammenpassen. Oder die ihn beauftragen, das ideale Geräusch zu kreieren: für Staubsauger, Rasierapparat, Dunstabzugshaube. Friedrich Blutner ist Psychoakustiker und einer der bekanntesten Sounddesigner im Land.

 

Der Horcher aus dem Erzgebirge also muss doch wissen, warum uns beim dröhnenden Wasserfall ein wohliges Gefühl durchströmt, die quietschende Kreide auf der Tafel aber alle Nackenhärchen in Bewegung bringt. Aber so einfach ist das nicht.

 

"Eine allgemeingültige Erklärung, was ein schönes Geräusch ist und was ein hässliches, gibt es nicht", sagt Friedrich Blutner. Denn bei der Verarbeitung eines Geräusches seien zwei Gehirnareale beteiligt: das Sensorium, das Geräusche wahrnimmt, und das Frontalhirn, das dem Klang eine ordentliche Portion Gefühle, Erwartung, Visionen beimischt. Anders gesagt: Ob man ein Geräusch mag oder nicht, hängt mitunter davon ab, ob es ein gutes Gefühl vermittelt. "Der eigene Hund macht keinen Lärm, er bellt nur", hat der kluge Kurt Tucholsky gesagt.

 

Friedrich Blutner berichtet von einem Experiment: Menschen bekommen Wind- und Waldgeräusche zu hören. Eine Gruppe sieht dazu das Bild eines Waldes mit einer Autobahn im Hintergrund, eine andere nur reine Natur. Die Naturgruppe bewertet die Wind- und Waldgeräusche viel positiver als die Autobahngruppe. "Weil sie Autogeräusche darin vermutete, obwohl da gar keine waren."

 

Dass Lärm nicht gleich Lärm ist, mussten auch Wissenschaftler lernen, die 2003 die Geräuschlandschaft eines Berliner Stadtviertels erforschten. Die Anwohner fühlten sich durch den Lärm von Reisebussen gestört. Linienbusse hingegen taten ihnen nicht in den Ohren weh. "In Interviews stellte sich heraus, dass Touristenbusse als Eindringlinge in den Kiez betrachtet wurden", sagte die Akustikerin Brigitte Schulte-Fortkamp dem "Tagesspiegel".

Dennoch scheint es Geräusche zu geben, die allen unangenehm sind. 2007 stellte der britische Akustikforscher Trevor Cox 34 unbeliebte Klänge ins Internet: vom Zahnarztbohrer bis zur quietschenden Geige, von Schnarchern und Fürzen bis zu Styropor, das aneinandergerieben wird. Mehr als eine Million Menschen stimmten ab und wählten das Geräusch eines sich Übergebenden zum schlimmsten. Es folgten die Mikrofonrückkopplung und Babygeschrei. Die Brechgeräusche auf Platz eins erklärte Cox so: Zurückschrecken vor Geräuschen, die mit Ekel zu tun haben, sei eine Schutzfunktion und könnte evolutionäres Erbe sein.

Das Ohr ist ein Warnorgan

Auch Friedrich Blutner betont, dass die Evolution des Gehörs eine wichtige Rolle spielt: "Das Ohr ist ein Warnorgan. Wenn Sie abends durch eine einsame Straße gehen und ein Knacksen hören, bekommen Sie Angst, denn es könnte Gefahr bedeuten." Und deshalb störe auch eine kaum hörbare Mücke den Schlaf, flöße ein tiefes, dröhnendes Geräusch Respekt ein. Denn es erinnere an ein Erdbeben. Amerikanische Forscher versuchten mit der Evolutionsgeschichte zu erklären, warum "Nagel auf Tafel" als unangenehm empfunden wird: Es gleiche im Tonprofil den Schreien, mit denen Affen sich vor Gefahren warnen.

Und dann gibt es da noch die frühkindliche Prägung, die Einfluss darauf hat, was uns im Ohr schmeichelt: "Es gibt bei Kindern die Quieker, die hoch schreien, und die Brummer, deren Weinen tief klingt", sagt Friedrich Blutner. Er habe beobachtet, dass Quieker als Erwachsene eher hohe Geräusche mögen, wie das Fauchen eines Ferraris. Und Brummer tiefe, wie das Brüllen des Porsches. Aber das sei eine Hypothese. Was er hingegen sicher weiß, ist, wie das ideale Biergeräusch klingt: "Feines Gluckern ist für die meisten ein Zeichen für gutes Bier. Sauggeräusche von Babys sind dem sehr ähnlich."

Aber nicht alles - Philosophen und Kulturwissenschaftler wird es freuen - ist durch die Biologie bestimmt. Wann schwingende Luft - nichts anderes ist der Schall - schön klingt und wann hässlich, lernt der Mensch. Es ist der Zeit geschuldet, in der er lebt. Während die Futuristen vor 100 Jahren "die Herrlichkeit des explosiven Atems" beschrieben und begeistert vom Heulen der Motoren waren, sind Autogeräusche heute für die meisten Lärm. "Der Traum vom Fortschritt ist vorbei. Wir sehen, wie die Umwelt geschädigt wird. Das wird mit den Motorengeräuschen verbunden", sagt Blutner.

Ein Problem, das sich vielleicht von selbst löst, wenn immer mehr geräuschlose Elektroautos die Straßen der Zukunft bevölkern. Der Sounddesigner hat den Auftrag, der Stille der Elektromobilität einen Klang zu geben. Er forscht in mehrere Richtungen, hat mit jungen Komponisten an einer Sinfonie gebastelt, dem Klang nachgespürt, den das Gehirn in stillen Momenten erzeugt. Und er hat nach Urmustern von Geräuschen gesucht. Dabei ist er auch beim Hirsebrei gelandet, beim behaglichen Köchelgeräusch. "Am Ende mischt man mehreres zusammen wie bei einem Parfüm. Das Auto der Zukunft könnte kehlig klingen, rauschig, es hat viel von der menschlichen Stimme mit einem Hauch von Hirsebrei. Das ist schwer zu beschreiben. Das muss man einfach hören."

 

Quelle: Stuttgarter Nachrichten, 04.10.2011