Großstadt top! Kleinstadt Flop?

 / © IfL / Franziska Frenzel

Zur Zentrumsfixierung in gängigen Innovationsdebatten. Eine Außenansicht von Martin Graffenberger.

 

Würden Sie ein Unternehmen mit designorientierter Produktpalette, zukunftsweisendem Technologieeinsatz, weltweiten Kooperationen und globaler Marktpräsenz, das zudem mit angesagten Influencern zusam­menarbeitet und einen hippen Verkaufsladen betreibt, intuitiv im eher beschaulichen Erzgebirge vermuten? Wahrscheinlich nicht.

 

Doch genau hier, in der Ortschaft Stützengrün, fertigt die H.-J. Müller GmbH unter dem Markennamen MÜHLE mit etwa 75 Angestellten edle Rasierutensilien für qualitätsbewusste Kunden in aller Welt. In Stützengrün verbinden sich erfolgreich traditionelle Handwerkskunst, modernes Design, Technologieorientierung und strategische Firmenführung zu innovativen Produkten.

Genau diese Innovationsfähigkeit von Unternehmen gilt heute als Schlüssel zu wirtschaftlichem Erfolg, als Garant für technologischen und gesellschaftlichen Fortschritt und als Motor regionaler Entwicklung. Allerdings hat sich in öffentlichen Debatten ein Bild verfestigt, das wirtschaftliche Innovationen weitestgehend in Großstädten verortet. München, Berlin, Hamburg, Köln – es sind vor allem die Metropolen, die als wesentliche Innovationszentren gelten. Orte wie Stützengrün sind typischerweise nicht Teil dieser Debatten, obwohl auch hier – wie in vielen anderen Orten und Regionen Deutschlands – innovative und hochspezialisierte Unternehmen zu finden sind.

In den Metropolen konzentrieren sich Großunternehmen, technologieorientierte KMU, Universitäten und Forschungseinrichtungen, Beraterfirmen sowie politische und gesellschaftliche Institutionen und schaffen gemeinsam ein dichtes Kommunikations-und Interaktionsmilieu. Hier experimentieren kreative Köpfe, werden richtungsweisende Ideen geboren, untereinander ausgetauscht, weiterentwickelt und neue Unternehmen gegründet. Der anhaltende Zuzug in die Großstädte bringt für die ansässigen Akteure einen hohen Versorgungsgrad mit Fachkräften und kreativem Potenzial mit sich. Diese Agglomerationsvorteile tragen maßgeblich dazu bei, dass Innovationsprozesse in den Metropolen besonders gut gedei­hen und gerade die großen Städte als zentrale Orte im Innovationsgeschehen gelten. So weit, so unbestritten.

 

Hidden Champions nicht nur in Großstädten

Doch sieht man genauer hin, so führt die Fokussierung auf Großstädte als Horte der Innovation zu Einschätzungen, die der Realität nur eingeschränkt gerecht werden. Das „Metropolenfieber“ hat zur Folge, dass Regionen abseits der Ballungszentren im Innovationsdiskurs nicht oder nur am Rande wahrgenom­men und innovative Unternehmen in peripheren Regionen eher als Ausnahme von der Regel betrachtet werden. Ihre Akteure werden mithin als nur wenig innovativ gesehen, wirt­schaftliche Aktivitäten als weniger zukunftsweisend und bedeutsam. Im Gegensatz zu dieser einseitigen Sicht zeigt eine Vielzahl aktueller Forschungsarbeiten aus der Wirtschaftsgeographie, dass sich auch abseits der Großstädte, in Mittelstädten, Kleinstädten und Landgemeinden, innovative Unternehmen finden und eben nicht als spezifische Ausnahme von der Regel zu verstehen sind. So sind in Deutschland fast 40 Prozent der Hidden Champions, also Unternehmen die auch aufgrund ihrer Innovationskraft zu den weltweiten Marktführern gehören, in Kleinstädten oder Landgemeinden beheimatet – nicht wenige davon auch im ländlich-peripheren Raum. In Summe machen diese Studien deutlich, dass die Kategorien Innovation und Peripherie keinesfalls als Widerspruch zu verstehen sind, und Innovation eben kein reines Großstadtphänomen ist.

 

Inkrementelle Innovationen unterschätzt

Um diese Sichtweise noch stärker in den gesellschaftlichen und politischen Blick zu nehmen als bisher, bedarf es einer Erweiterung konventioneller Debatten auch über die Großstädte hinaus – und damit einer Öffnung des vornehmlich urban geprägten Innovationsverständnisses. Im Fokus dieses Verständnisses stehen insbesondere produktbezogene Weltneuheiten und (hoch)technologische Entwicklungen wie das Smartphone oder 3D-Druckverfahren. Hierbei handelt es sich ohne Frage um bedeutsame, gleichzeitig aber auch um sehr spezifische Innovationen, die nur einen Teil der gesamten Innovationsleistung ausmachen. Nichtsdestotrotz ist das gesellschaftliche und politische Interesse an diesen Leistungen besonders groß. Hingegen werden inkrementelle Innovationsaktivitäten, die in kleinen Schritten erfolgen und nicht zwingend in Weltneuheiten resultieren, mit deutlich weniger Interesse verfolgt. Dabei sind gerade sie für die Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen, und damit auch für Entwicklungsprozesse auf regionaler Ebene, von zentraler Bedeutung. Und es sind ebendiese, auf stetiger Verbesserung beruhenden Entwicklungen, die Unternehmen außerhalb der Großstädte besonders häufig hervorbringen. Bewertet man Innovation ausschließlich anhand eines hohen (technologischen) Neuerungsgrads und mittels gängiger Indikatoren wie Patentanmeldungen oder Aufwendungen für formale Forschung und Entwicklung, werden die Innovationslandkarten immer zentrumsfixiert sein und prinzipiell die räumliche Verteilung der forschenden (Groß)Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen abbilden.

 

Traditionelle Branchen mit eigenen Know-how

Darüber hinaus ist die Wahrnehmungslücke durch unter­schiedliche Innovationspraktiken der Unternehmen bedingt. So wie viele Wege nach Rom führen, führen auch sehr unter­schiedliche Wege zum Innovationserfolg. Dennoch gilt das auf großstädtischen Milieus und räumlicher Nähe beruhende Modell weithin als Königsweg. Aber: Nicht alle Unternehmen sind zur Innovationsgenerierung auf großstädtische Kommunikations-und Interaktionsmöglichkeiten und das darin zirkulie­rende Wissen angewiesen. Unternehmen außerhalb der Ballungszentren sind häufig eher in traditionellen Branchen aktiv – der Rasierpinselhersteller MÜHLE steht dafür exemplarisch. Innovationsaktivitäten in diesen Bereichen nehmen eher lang­sam Gestalt an. Statt in hoher Frequenz und in räumlicher Nähe zu interagieren, können Unternehmen strategische und themenorientierte Kooperationen ebenso über größere Distanz hinweg produktiv organisieren. Ein abseits gelegener Standort muss somit nicht nachteilig sein. Neue Wege der digitalen Kommunikation sowie temporäre Mobilität beispielsweise durch Kundenbesuche, Projekttreffen oder Messebesuche spielen in der Ausgestaltung dieser Kooperationen und im unternehmeri­schen Alltag eine bedeutende Rolle. Zudem stärken Unternehmen ihre Innovationsfähigkeit nicht selten durch umfas­sende interne Wissensbestände und (technologische) Kompetenzen – wodurch sich die Notwendigkeit zur Interaktion reduziert.

 

Kooperationen auch über größere Distanzen machbar

Dennoch spielen Netzwerke eine zentrale Funktion im Innovationsprozess. Steigende Anforderungen und zunehmen­de Komplexität bedeuten, dass Unternehmen zur erfolgreichen Gestaltung dieser Prozesse auf externes Wissen zugreifen müs­sen. Analysen der Innovationsnetzwerke machen deutlich, dass gerade Unternehmen abseits der Großstädte strategisch und auf verschiedenen Ebenen, also mit regionalen, nationalen und internationalen Partnern, zusammenarbeiten. Wissensintensive Innovationsprozesse sind also keinesfalls ausschließlich ortsge­bunden organisiert – weder innerhalb noch außerhalb der Großstädte. Stattdessen zeigt sich ihr multi-lokaler Charakter: Innovationsprozesse sind nicht an spezifische Organisationen, Orte, (Groß)Städte oder Regionen geknüpft, sondern verbinden diese durch Interaktion, Kooperation und Mobilität. Es gibt also gute Gründe, sich von der vorherrschenden Zentrumsfixierung im räumlichen Innovationsdiskurs zu lösen und damit verbun­dene Assoziationen zu überdenken. Kleinstädte und periphere Regionen sind durchaus als wesentliche Wirtschafts-und Innovationsorte zu sehen und stehen in vielfältigen Austauschbeziehungen, auch mit zentralen Großstädten. Ein Bild davon kann man sich beispielsweise im MÜHLE Flagship-Store machen. Nicht in Stützengrün, sondern im Herzen des kreati­ven und touristischen Berlins.

 

Martin Graffenberger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig. Er hat an der RWTH Aachen Wirtschaftsgeographie studiert, ein Aufbaustudium in Technology Management absolviert und längere Zeit in Großbritannien gelebt. In seiner Forschung beschäftigt er sich insbesondere mit Innovationsaktivitäten außerhalb der Ballungszentren, Wissenstransferprozessen, Netzwerkentstehung sowie kooperativer Kleinstadtentwicklung