Der Welterbetitel rückt näher

Das ganze Erzgebirge steht geeint wie noch nie hinter dem Vorhaben, Unesco-Kulturerbe zu werden. Doch der Freistaat zögert noch immer.

VON GABI THIEME

MARIENBERG - Dass die Unesco am Wochenende fünf deutsche Buchenwälder und dazu auch noch eine produzierende Fabrik in die Liste der Welterbestätten aufgenommen hat, ist für die Montanregion Erzgebirge ein Segen. Denn diese steht bereits seit 1998 auf der offiziellen Warteliste.

Mit der jüngsten Entscheidung ist sie nunmehr in der Rangfolge vom 5. auf den 3. Platz vorgerückt. Nur noch Schloss Schwetzingen und das Opernhaus Bayreuth rangieren vor dem Erzgebirge mit seiner 800 Jahre alten Kultur- und Bergbaulandschaft. Bleibt es dabei, dass jedes Jahr mindestens einem deutschen Projekt der Welterbestatus verliehen wird, könnten sich die Hoffnungen der Region, ab 2014 dazuzugehören, erfüllen.

Vertrag besiegelt

Gestern wurde für die Erreichung dieses Zieles eine weitere Hürde genommen. Die Bürgermeister von zunächst 31 Kommunen und zwei Landräte (Mittelsachsen und Erzgebirgskreis) haben mit ihrer Unterschrift unter einen öffentlich-rechtlichen Vertrag besiegelt, dass sie das Vorhaben nicht nur wollen, sondern die Trägerschaft und damit die Finanzierung bis zur Antragstellung übernehmen. Auf die beiden Landkreise kommen jeweils Kosten in Höhe von 53.000 Euro zu, auf jede Kommune ein Grundbetrag von 1000 Euro und weitere 2000 Euro pro Einzelobjekt. Um 40 Objekte in bislang 38 Kommunen geht es auf deutscher Seite. Im böhmischen Erzgebirge sind 17 im Gespräch.

Genau diese Trägerschaft hatte der Freistaat zur Bedingung gemacht, wenn er sich hinter das Vorhaben stellen soll. Denn ohne Befürwortung des Landes gibt es gar keinen Antrag. Sicher ist den Bürgermeistern und Landräten die Gegenleistung in Form des Welterbetitels aber keineswegs. Auch gestern bekamen sie nur einen kleinen Zinnteller mit der Prägung: "Auf dem Weg zum Unesco-Welterbe" überreicht .

Mit ihrer ersten Welterbekonferenz wollten die über 200 Teilnehmer ein deutliches Signal in Richtung Dresden setzten. "Der Freistaat wird uns jetzt in diesem Prozess begleiten müssen. Er kann die Interessen einer ganzen Region nicht länger ignorieren", sagte der Landrat von Mittelsachsen, Volker Uhlig (CDU). Genau diese Zurückhaltung sorgt seit Jahren für Zündstoff. Noch unter Kurt Biedenkopf war die Idee für den Welterbeantrag geboren worden.

 

1998 hatte die Kultusministerkonferenz beschlossen, die Montanregion auf die deutsche Warteliste zu setzen. 2001 gab der Freistaat eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Zwei Jahre später gründete sich ein Förderverein, der bei Sponsoren, Stiftern und über die Mitgliedsbeiträge die nötigen Gelder aufbrachte. 2004 begann die Zusammenarbeit mit Tschechien. 2007 wurde dem Innenministerium eine Realisierungsstudie vorgelegt. Wieder ein Jahr später begannen unter Regie der TU Bergakademie Freiberg die Umsetzungsstudien in jeder infrage kommenden Kommune. In den großen Bergstädten sind sie bereits erfolgreich abgeschlossen.

Tschechien ergreift die Initiative

"Wir haben den Nachweis erbracht, dass der Welterbestatus die Entwicklung dieser Städte nicht behindern wird", sagte Helmuth Albrecht von der TU Bergakademie. Zugleich betonte er, dass die ausgewählten Objekte weniger als 0,1 Prozent der Fläche des Erzgebirges bedecken würden. Von einer Käseglocke, die einer ganzen Region übergestülpt würde, könne also keine Rede sein. Vor allem aus den Reihen der CDU-Fraktion des Landtags waren diese Zweifel immer wieder ins Feld geführt worden.

Kritik an der Staatsregierung gab es noch aus einem anderen Grund. Würde der Antrag als grenzüberschreitendes Projekt eingereicht, erhöhen sich die Chancen. Doch dazu muss der Freistaat die tschechischen Partner offiziell einladen und einbeziehen. Seit Monaten wartet man in Karlovy Vary und Usti nad Labem darauf. Weil nichts passiert ist, haben sich die Tschechen vergangene Woche selbst mit einem Schreiben an das sächsische Innenministerium gewandt, um sich einzuladen. Eine Antwort steht noch aus.

 

Quelle. Freie Presse, Ausgabe Annaberger Zeitung, 28.06.2011