Landei aus Überzeugung – auf dem zweiten Lebensweg

07.05.2019

„Städterin auf Zeit“ - angekommen in der Heimat mit neuen Ideen

„Ich habe gespürt, dass ich ein Landei bin.“ Mit diesem einen Satz kann man in Kurzform begründen, warum Anja Neuberg ihren Weg zurück in ihre Heimat Erzgebirge ging. Mit ihrem Mann und zwei Kindern hat sie sich ihren persönlichen Lebenstraum erfüllt – ganz bewusst am Rande des kleinen Ortes Rittersgrün, nah am großen (Kinder)Spielplatz Natur. Wenn im Mai die Hüttenpension eröffnet wird, beginnt für die Familie der neue Lebensabschnitt gänzlich.

Steil bergauf, erst durch idyllische Siedlungen, dann durch Wiesen und Felder, schraubt sich die immer schmaler werdende Dorfstraße in Rittersgrün, einem kleinen Ort nicht weit vom Kurort Oberwiesenthal. In der letzten Häuserzeile am Waldrand weist ein neues Haus zwischen Erdhügeln und Baumaschinen auf die zugezogenen Bewohner des Ortes hin. Das Baby Paula im Tragetuch, spricht Anja Neuberg mit den Handwerkern die nächsten Schritte beim Bau ihrer Hüttenpension im Erdgeschoss ab. Die Familie selbst wohnt seit ein paar Wochen in der Etage darüber. Man hört, dass auf der Baustelle ein unkompliziertes Miteinander herrscht. „Die meisten Handwerker kommen aus unserem Ort oder der Umgebung. Das ist so praktisch. Wir haben wirklich alle Gewerke direkt vor der Nase und mit den meisten kennt man sich, mit manchem ging ich zur Schule“, erzählt Anja Neuberg und sagt gleich, dass das schon mal ein riesiger Unterschied zum Leben in der Stadt sei.

Als Landei am falschen Ort

Mit dem Stadtleben und all seinen Vor- und Nachteilen kennt sich die studierte Germanistin und Betriebswirtin aus. Nach dem Studium blieb sie noch ein paar Jahre in Chemnitz, arbeitete im Marketing einer IT-Firma. Viel auf Geschäftsreisen unterwegs, lernte sie so in München ihren Mann Frank kennen. Günstig zwischen München und Chemnitz gelegen, betrieb ihre Firma eine Außenstelle in Nürnberg, er ging phasenweise ins Homeoffice. Sieben Jahre wurde die fränkische Stadt zum Lebensmittelpunkt – mit Anschluss an seine Familie, die nicht weit entfernt wohnt. Zuerst ganz zaghaft bohrte sich dennoch die Idee eines Umzugs ins Erzgebirge fest. „Ich hab mich vom ersten Besuch an ins Erzgebirge verliebt. Ich radele gerne, gehe Skilaufen – diese ausgewogene Mischung der Natur hier macht so vieles an Aktivitäten möglich“, schwärmt Frank noch immer.

Ich hab mich vom ersten Besuch an ins Erzgebirge verliebt. Ich radele gerne, gehe Skilaufen – diese ausgewogene Mischung der Natur hier macht so vieles an Aktivitäten möglich

Anjas Weg zurück nach Hause begann mit einer Depression, die sie von heute auf morgen regelrecht überfiel. Bei der Suche nach Ursachen stellte sich heraus: „Ich dachte immer, ich gehöre in die Stadt. Wollte urban leben, Karriere in der Stadt machen. Nach der Geburt unseres Sohnes Max spürte ich aber: Ich bin doch ein Landei und stecke gerade gefühlt im falschen Leben fest.“ Zuhause in Rittersgrün bei Besuchen von Eltern und ihrem Bruder ging es ihr besser, entspannter. Nach der ersten Idee, sich im Erzgebirge ein kleines Ferienhaus für Auszeiten zu kaufen, stand recht bald fest: Wir ziehen ganz ins Erzgebirge. Beim Klassentreffen ihres Vaters kam der entscheidende Tipp: ein Grundstück am Wald stand zum Verkauf, mit unbezahlbarem Panoramablick über den Erzgebirgskamm inklusive. 

 

Nähe zur Natur als Lebensphilosophie

„Wenn mein Mann nicht so verliebt ins Erzgebirge gewesen wäre, hätten wir vielleicht aufgegeben“, beschreibt Anja die Phase der langwierigen Behördenprozesse um Bauanträge und Genehmigungen. Alle Möglichkeiten des alternativen Bauens ausschöpfen soweit möglich, das Credo der Neubergs spiegelt sich im gesamten Haus wider. Sich in die Natur einfügen, nicht nur optisch durch Holzfassaden, sondern auch mit biologischer Kleinkläranlage und geothermischer Energieversorgung ist der Familie wichtig.

Je globaler die Welt wird, desto mehr Sehnsucht spüren die Menschen nach Ruhe und Ursprünglichkeit

„Je globaler die Welt wird, desto mehr Sehnsucht spüren die Menschen nach Ruhe und Ursprünglichkeit“, ist sich Anja Neuberg sicher. Doch Ruhe ist in ihren Augen nicht gleichzusetzen mit einem Leben in Abgeschiedenheit, sondern vielmehr mit der bewussten Entscheidung, sich die perfekten Bedingungen des Landlebens zunutze zu machen. Zum nächsten Supermarkt muss die Familie das Auto nutzen – der Bauernhof und Hofladen mit ausschließlich regionalen Produkten von Brot über Marmelade, Käse, Nudeln, Wurst bis hin zum besten Stück Fleisch aber ist in Sichtweite, 200 Meter übers Feld entfernt. Nachbarn hat die Familie hier auf dem Berg nicht so viele wie in einem fünfstöckigen Stadthaus. Dafür kennen die Neubergs viele hier persönlich. Und zwar so gut, dass der im Winter schwangeren Anja die Nachbarn beim Schneeschippen und Tragen von Baumaterialien unter die Arme griffen – selbstverständlich, ohne große Worte, so wie man den Erzgebirger kennt. „Die gemeinschaftlichen dörflichen Strukturen sind so toll“, so Anja. Und fügt hinzu: „Man spürt wirklich eine Trendwende: Es ziehen auffallend junge Leute in unseren Ort. Und so kommt auch vieles in Bewegung.

Mit neuen Ideen in ein neues Leben

Frank arbeitet als Bauingenieur in einem deutschlandweit agierenden Bauunternehmen, das auch im Erzgebirge einen großen Standort hat. Dennoch ist er als leitender Ingenieur viel unterwegs – wie vorher von München oder Nürnberg aus auch. Das Homeoffice sieht er als eine gute Alternative, um der Familie so oft wie möglich nah zu sein.

Der Umzug hierher war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Anja indes hat ihren Job zunächst an den Nagel gehängt. Nicht, weil sie hier keine Perspektiven hätte, im Gegenteil, die Region Erzgebirge bietet beim Blick in das Fachkräfteportal Erzgebirge beste Voraussetzungen, einen attraktiven Job zu finden. Ihr Herz aber schlägt für neue Herausforderungen: die Hüttenpension im eigenen Haus, die schon im Mai eröffnet werden soll. Pünktlich, wenn die ersten Radler entlang des Stonemans Miriquidi oberhalb ihres Hauses die Wege queren. Und ab und zu werden auch die Freunde aus Bayern hier in der „Max-Hütte“ übernachten, die bereits nach ersten Besuchen in der Region, die Entscheidung der Familie für ein Leben im Erzgebirge nachvollziehen können. „Leben ist ansteckend“, heißt ihr Lebensmotto im gleichnamigen Blog, den Anja Neuberg mit täglich neuen Erfahrungen füllt, um anderen Menschen zu zeigen: „Der Umzug hierher war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.“


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