Nachtaufnahme von Aue / © Stadtverwaltung Aue

Ein Liebesbrief an Aue

14.02.2019

Wenn Sie die folgenden Zeilen lesen, müssen Sie wissen, dass diese einzig als Liebeserklärung an meine Heimatstadt Aue/Sachsen geschrieben wurden. Das hat nichts mit persönlicher Auszeichnung zu tun, sondern soll alle, die Aue lieben, hassen, kennen und nicht kennen, erreichen.

Egal, ob die Bäckersfrau, unser Oberbürgermeister, der Arbeiter im Klärwerk oder die Spieler des FCE – jeder soll sehen, was und wer Aue ist! Was ein jeder woanders vermissen würde. Und vor allem, welche Ehre es ist, in dieser Stadt leben zu dürfen!

Aue, eine Kleinstadt im Erzgebirge, unweit der tschechischen Grenze.

Aue, eine Stadt die keinen langen Namen braucht, eine Stadt, die an der Autobahn noch ganz unscheinbar erscheint. Eine Stadt, bei der einem schon wenige Kilometer vor der Stadtgrenze bewusst wird, dass definitiv mehr dran sein muss als erwartet. Wer seine Besucher so stolz und selbstbewusst begrüßt, wie die Auer es an der ersten Wildbrücke tun, ist ganz sicher kein unscheinbares Licht. Es muss eine Stadt sein, die stolz ist auf ihren Zusammenhalt, ihre Geschichte, all die Hintergründe, die Gegenwärtigkeit und die Zukunft.

Aue, eingebettet in einen Talkessel, umrahmt von wunderschönen Wäldern.

Als Frischling in den Bergen fährt man dann mit den ersten sicherlich besonderen Eindrücken durch mehrere kleine Erhebungen. Ernüchterung macht sich breit, wenn man erfährt, dass diese künstlich erschaffen wurden und gar nicht „echt“ Erzgebirge sind. DOCH! Das sind sie. Dies sind die eindrucksvollen Zeugen von harter Arbeit und Erfolg, aber wohl noch mehr von Krankheit, Tod, Ausbeutung und Leid. Wer sieht denn, dass unser Untergrund durchlöchert ist wie ein Schweizer Käse?

Aue, das ist der Zeller Berg, das ist der Stadtkern, das sind Eichert und Brünlasberg.

Fährt man also durch diese imposanten Haufen aus geschaufeltem Abraum, erblickt man rechts im Tal eine Modellbahnanlage. So mutet Bad Schlema zumindest von dort oben an. Hinter dem nächsten echten Gebirgszug am Horizont schaut Schneeberg mit der St. Wolfgangskirche heraus. Dies ist eine Einladung und ein Versprechen zugleich, dass auch Schneeberg den Besucher nicht enttäuschen wird.

Aue, das sind die Menschen, die im Berg, in den Industriewerken oder den kleinen Werkstätten geackert haben.

Und es spiegelt uns alle wider: den neugierigen Erzgebirger, der sich lieber zurückhält als darauf loszustürzen. Den Erzgebirger, der bereit ist, jedem die Hand zu reichen, wenn sich dieser als tauglich erweist. Den Erzgebirger, der dir immer zur Seite stehen wird – auch im bittersten Kampf. Und den Erzgebirger, der auf keinen Fall der „Erzgebirgler“ sein möchte.

Und dann kommt da Aue ins Blickfeld.

Zuerst nur Teile der Stadt und vor allem der Eichert. Dieser ist mit seinen rauen Blöcken besonders auffällig. Wer angesichts dieser „Tristesse“ hier schon abblockt, ist oberflächlich und den Rest von Aue nicht wert. Gibt man uns dennoch eine Chance und biegt weiter um die Ecke, dann erblickt man mein ganz persönliches Highlight – den Zeller Berg. Besonders heraus ragt meine alte Schule. Verflucht und geliebt zugleich. Sie ist der Leuchtturm, der mich einst hinaus schickte und der mich immer nach Hause geleiten wird. Und noch weiter links, am Fuße des Gartenbergs dann mein Hafen, mein Ankerplatz, zweites Wohnzimmer und Paradies – das Stadion.

Aue, das sind die Menschen, die jetzt etwas bei uns bewegen.

Für manche, vielleicht auch für einige Auer, ist das „nur“ die Spielstätte des FC Erzgebirge Aue. Aber für mich – und das schreibe ich mit voller Überzeugung – ist es vielleicht sogar DER Platz, an dem man alles vergessen kann, an dem man sich als kleiner Teil eines großen Ganzen, aber auch als großer Baustein von etwas ganz Wunderbarem fühlen kann. Das Stadion hat eine Anziehungskraft auf mich, die kaum zu beschreiben ist. Wie oft saß ich einfach nur auf einer der ausgeblichenen Sitzschalen und hing meinen Gedanken nach? Wie oft fanden dort Sportfeste statt? Wie stolz waren wir, als wir im großen, echten Stadion springen, werfen, sprinten durften? Und was war das für ein Gefühl, den Ausdauerlauf zwischen Zuschauerrängen und dem heiligen Rasen auf einer lila Bahn absolvieren zu dürfen?

Aue, das sind auch die Kinder, die an der Ampel drücken, damit Autos anhalten müssen.

Und weiter – woher kommt diese innere Ruhe, wenn das Stadion nur in Sicht kommt? Woher kommt das Wohlgefühl, wenn man nur auf dem Hang hinterm Stadion steht und ganz normalen, echten Menschen und zugleich unseren persönlichen Heiligen beim Trainieren für etwas komplett Fesselndes zusieht? Woher kommt das Gefühl des Ankommens, wenn man einfach auf dem Parkplatz steht und hinunter auf das Stadion blickt? Und woher kommen die Tränen jetzt?

Aue, das sind der FC Erzgebirge Aue, der EHV Aue, unsere Ringer, die Schwimmer und all die anderen Menschen, die unsere Stadt sportlich und positiv vertreten.

Und woher kommen die Tränen jetzt? Wenn das keine pure, wahre Liebe ist, die so unwahrscheinlich ergreifend ist, die alle Sorgen vergessen lässt, die ein Gefühl der tief verwurzelten Freiheit hervorruft, dann gibt es dafür keine würdige Bezeichnung. Diese, meine, Liebe gilt einem ganz einfachen, wunderbar besonderen Verein.

Aue, das ist so viel mehr als eine Stadt von vielen.

Und vielleicht ist es die authentische, ungeschminkte, unverwechselbare Art, die uns Erzgebirger so echt macht. Wir verstellen uns nicht. Brauchen wir auch nicht! Entweder man mag uns, oder eben nicht. Entweder man mag das Erzgebirge, oder eben nicht. Entweder man mag Aue, oder eben nicht.

Aue entstand aus der Arbeit, wuchs mit der Arbeit und lebt durch die Arbeit.

Wir hatten keinen König, der sich bei uns niedergelassen und investiert hat. Alles, was man in Aue sieht, wurde Stück für Stück hart erarbeitet. Verstehen Sie das bitte nicht falsch. Natürlich bauen sich auch Schlösser, Museen und Musikhallen nicht von selbst. Aber wie kam es denn zum Ruhm der glanzvollen Städte? Stehen dahinter nicht immer die kleinen Arbeiter? Wie zum Beispiel kam es zum Glanz des Meißner Porzellans? Woher kam denn das Kaolin? Wer hat denn „seinen“ Berg ausgebeutet, hat unheimlich viel riskiert und muss jetzt mit den Überbleibseln leben? Ich möchte damit lediglich ausdrücken, dass man Armut und Reichtum, Einfaches und Prunkvolles unbedingt in der Relation sehen muss.

Aue, das ist mein Ein und Alles, meine Heimatstadt, mein Hafen inmitten von Bergen.

Aue ist so viel mehr als eine Kleinstadt im Erzgebirge, unweit der tschechischen Grenze! Aue ist gut so, wie es ist. Und Aue kann gerne bleiben, wie es ist. Wir müssen mit der Zeit gehen, müssen uns anpassen, aber was wir niemals verlieren dürfen, ist unser Stolz und die Liebe zu dem allem!


Aus einem „Liebesbrief an Aue” von Jasmin, in dem sie ihre Zuneigung zu ihrer Heimatstadt, den Menschen & ihren Geschichten und zu ihrem Verein, dem „FC Erzgebirge Aue” Ausdruck verlieh. Zu diesem Zeitpunkt war Jasmin 19 Jahre alt.

Magazin „Herzland“

Dieser Liebesbrief erschien zuerst im Magazin „Herzland - Gedacht.Gemacht.Erzählt“. Hier kannst du das gesamte Magazin online lesen, als PDF herunterladen oder gedruckte Exemplare nach Hause bestellen.

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