Hellgelbe Premiere kommt aus Freiberg

Zum Tag der Energie wird heute auf der "Reichen Zeche" das erste synthetische Benzin vorgestellt - Industrielle Fertigung in zwei Jahren denkbar

Von Gabriele Fleischer

Freiberg. Ein Fläschchen mit hellgelber Flüssigkeithat Bernd Meyer, Rektor der TU Bergakademie, gestern auf der "Reichen Zeche" emporgehalten. Eine Revolution, denn mit dem ersten synthetischen Benzin wird heute zum Tag der Energie am Institut für Energieverfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen in Freiberg eine Deutschland-Premiere für das Zeitalter nach dem Erdöl präsentiert. Das Benzin ist Ergebnis zweijähriger Forschung. Gemeinsam mit dem Chemieanlagenbau Chemnitz ist die dafür notwendige Pilotanlage für die Umwandlung von Synthesegasen in Benzin entwickelt worden. Das sächsische Wissenschaftsministerium, für das Sabine von Schorlemer (parteilos) heute nach Freiberg kommt, hat Millionen in dieses Projekt investiert.

Als Grundstoff für die neue Entwicklung, erklärt Meyer, würden Erdölbegleitgase genutzt, die derzeit noch abgefackelt werden und die Umwelt mit Kohlendioxid belasten. Aber auch nachwachsende Rohstoffe und Braunkohle sind als Ausgangsprodukt denkbar. Der Einsatz der Kohle, deren Verarbeitung teurer ist, würde sich allerdings erst dann rentieren, wenn der Erdölpreis, der gestern bei 75 Dollar je Barrel lag, auf 100 bis 150 steigt, wissen die Energieexperten. Der Zeitpunkt für diesen Preissprung dürfte nicht mehr fern sein, glaubt Meyer. Geregelt werde er durch die Nachfrage aus der Wirtschaft. Wann die heimische Braunkohle als Grundstoff zum Einsatz kommen könnte, lasse sich aber noch nicht sagen. Erste Absprachen mit dem Raffineriestandort in Leuna gäbe es bereits. Wenn das so weit ist, könnten erschlossene Tagebaue erhalten und der Ausstoß von Kohlendioxid deutlich verringert werden, weil die Kohle nicht mehr verbrannt wird. Zunächst aber laufen die Forschungen mit Synthesegas aus Erdgas. Die jetzt vorliegenden Ergebnisse werden in Motorenprüfstationen, unter anderem in Chemnitz, auf ihre Tauglichkeit untersucht. In den nächsten zwei Jahren könnte nach dem kleinen Freiberger Vorbild die erste industrielle Anlage entstehen. Irgendwo in Russland oder im Nahen Osten, wo Erdölbegleitstoffe abgefackelt werden, spekuliert Meyer.

Noch aber wird am synthetischen Benzin gefeilt. Nach einer ersten Versuchsreihe folgt im November die nächste. Rund um die Uhr wird die Anlage betrieben. 40 Wissenschaftler arbeiten an der Forschung. Bis 2012 läuft das 20-Millionen-Euro teure Projekt. Auch der Chemnitzer Chemieanlagenbau investiere eine beträchtliche Summe und habe bereits Ideen für Nachfolgeprojekte mit der Freiberger Universität, weiß der Rektor. "Angezapft wird das erste synthetische Benzin nicht, aber die Besucher können es heute sehen und daran schnuppern", kündigte Meyer an. Mehrere 100 Liter der kostbaren Flüssigkeit sind in den vergangenen Wochen in der Versuchsanlage erzeugt worden. Zwei Tonnen pro Tag lässt die Kapazität zu, wie Peter Seifert erklärte. Er ist der wissenschaftliche Leiter der Anlage, von der weltweit keine vergleichbare existiert.

Unterstützt werden die Freiberger und Chemnitzer von 18 Partnern, die seit einem Jahr unter dem Dach des Deutschen Energie-Rohstoffzentrums in Freiberg zusammenarbeiten. Das Netzwerk forscht an der stofflichen Nutzung kohlenstoffhaltiger Energieträger. Das Zentrum wird heute neben der Versuchsanlage vorgestellt.

Service

Von 13 bis 15 Uhr finden heute Besichtigungen der Versuchshallen und Anlagen

auf dem Komplex der "Reichen Zeche" in Freiberg statt. Dabei kann das

synthetische Benzin begutachtet werden.

 

 

Quelle: Freie Presse, Ausgabe Freiberger Zeitung, 25.09.2010