Die besondere Eingreiftruppe

Johanngeorgenstadt. Erfahrene Facharbeiter zu finden, wird immer schwieriger. Im Eisenwerk Wittigsthal hat der Chef deshalb eine besondere Eingreiftruppe zusammengestellt: Senioren im Unruhestand.

 

Der Anruf kam an einem Donnerstag. Am Telefon war der Chef. Es gebe da einen Auftrag, der erledigt werden muss. Ob er das übernehmen könne? Rainer Mehnert (68) sagte zu. Ein paar Tage später stand er wieder an seinem alten Arbeitsplatz im Eisenwerk Wittigsthal in Johanngeorgenstadt. Eigentlich ist Mehnert Rentner, aber er ist auch Werkzeugmacher, eine gefragte Fachkraft. Deshalb erhält er öfters solche Anrufe.

 

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Der Werkzeug-Auftrag war weder der erste Blitzeinsatz im Eisenwerk noch der letzte. Zurzeit gibt es neun Ruheständler, die Geschäftsführer Jochen Browa gern bei Bedarf anrufen kann. "Zusammen legen sie 398 Jahre Betriebszugehörigkeit in die Waagschale", sagt Browa. "Auf diese Erfahrung zu verzichten, wäre ein großer Verlust." Daher macht er jedem Mitarbeiter, der in Rente geht, das Angebot, bei Bedarf im Betrieb zu jobben. Die Rentner übernehmen Urlaubsvertretungen, ersetzen erkrankte Kollegen, stemmen Sonderprojekte und helfen bei Engpässen in der Produktion aus. "Das ist besser, als wenn wir einen Leiharbeiter holen", sagt Browa. "Die Kollegen kennen die Arbeit aus dem Effeff. Wir müssen nicht erst groß reden, und ich weiß, dass es läuft."

 

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Die Einsätze werden so geplant, dass die Rentner die 450 Euro pro Monat, die sie steuerfrei dazuverdienen dürfen, nicht überschreiten. Bei großen Aufträgen können mal ein paar Stunden mehr zusammenkommen, doch hochgerechnet aufs Jahr passt es dann wieder, sagt der Chef.

 

Der Zuverdienst ist allen wichtig, aber es geht nicht nur ums Geld, erklärt Bernd Morbach (66): "Die alten Kollegen wiederzusehen, ist auch schön." Bis jetzt hat er jedem Hilferuf aus dem Eisenwerk Folge geleistet. "Bis auf das eine Mal, wo ich ins Krankenhaus zu einer OP musste."

 

Quelle: Freie Presse vom 07.12.2017, Mario Ulbrich