DAS THEMA: DAS ERZGEBIRGE ALS MARKENPRODUKT - Die Region geht in die Luft - mit dem Airbus 380

Startet das größte zivile Verkehrsflugzeug, fliegen immer die Ideen hiesiger kluger Köpfe mit - etwa aus Stollberg, Neukirchen, Eibenstock

VON JAN OECHSNER

STOLLBERG - Das Erzgebirge fliegt in die Luft. Auch an der Auer Straße 7 in Stollberg. "Ohne unsere Hilfe wird der Airbus 380 nur schwer starten und landen", sagt Oliver F. Zintl.

Das Selbstbewusstsein ist angebracht. Zintl arbeitet bei PTF, als Vertriebsleiter. Das

international agierende Unternehmen stellt mechanisch hochkomplexe Präzisionsteile und Baugruppen her. Eins von sechs Produktsparten ist dabei die Luft- und Raumfahrt. PTF baut komplexe Ventilbaugruppen, die für die Steuerung der Höhenruder zum Einsatz kommen - etwa für die kleineren A330, A340, A350. Zintl: "Wenn alles klappt, werden diese Baugruppen bald auch für den A380 geliefert." Das wäre der Ritterschlag.

Muss nämlich der Kapitän im Airbus-Cockpit die Höhenruder bewegen, sorgen jetzt und wohl auch künftig die hochpräzisen Ventilbaugruppen aus Stollberg für den richtigen Öldruck. Und weil von diesen Ventilen das Starten und Landen und somit das Leben von mehr als 500 Reisenden mit abhängt, ist Zintl zu Recht stolz. "Wir können solche Teile mit höchster Sicherheitskategorie bauen", so Zintl.

Made in Erzgebirge - die Region traut sich was. Im Speziellen zeigt sich das am Beispiel des A380, dem größten zivilen Verkehrsflugzeug der Welt. Insgesamt sind 1500 Firmen aus 30 Ländern an der Produktion beteiligt. Eine Mammutarbeit, denn der Riesenvogel besteht aus vier Millionen Einzelteilen, so Nina Ohlerich von Airbus in Hamburg. Wie viel davon aus dem Erzgebirge kommt, wird beim Konzern nicht erfasst. Aber immerhin: Zwei Direkt-Zulieferer gibt es aus der Region, so die Sprecherin.

Auch die Eviro Elektromaschinenbau und Metall GmbH aus Eibenstock? "Nein, wir sind der Zulieferer eines Zulieferers, der einen Zulieferer des A380 beliefert", zwinkert der Leiter für Marketing und Vertrieb, Andreas Kühnel, mit den Augen, stellt aber klar: Die Eibenstocker Spezialisten stehen in der Lieferkette zwar weiter hinten, ihre Ware aber ist Weltklasse. "Die Sicherheitsbestimmungen in der Luftfahrtindustrie sind extrem hart - und zwar für jeden, der irgendwelche Teile produziert. Das wird nur noch bei militärischen Anwendungen übertroffen", sagt Kühnel. Deshalb sei es ein besonderer Qualitätsbeweis, dass die eigenen Elektromotorspulen dafür sorgen, dass die Türschließanlage des A380 richtig die Türen schließt und das Ladungstransportsystem die Container - ob mit Koffern oder Lebensmitteln - im Frachtraum des Airbus an die richtige Stelle rollen.

In den kleinen Motoren stecken die so genannten Statoren - oder unfachmännisch ausgedrückt, isolierten Kupferdrahtwicklungen - die Strom über Elektromagnetismus in Motorkraft umwandeln. "Dabei müssen wir extrem präzise arbeiten, denn das Material ist extrem wertvoll", erläutert Andreas Kühnel.

 

"Die Branche merkt, unser Produkt hat höchste Qualität. Das ist mit Gold kaum aufzuwiegen."

Andreas Kühnel, Eviro Elektromaschinenbau und Metall GmbH aus Eibenstock

Beispiel: Ein normaler Isolierschlauch für Kupferdraht kann bei 400 Grad brennen.

Undenkbar in einem Flugzeug - hier muss eine unbrennbare Lösung her, gekoppelt mit höchsten Isolationswerten. Seit drei Jahren liefern die Eibenstocker die Spulen unter anderem für den A380 - mit steigenden Zahlen. Im letzten Jahr waren es 3369. "Der Umsatz ist klein. Aber die Branche merkt, unser Produkt hat höchste Qualität", so Kühnel. "Das ist mit Gold kaum aufzuwiegen."

Anders gesagt: Diese Statoren sind wie Botschafter. Sie zeigen anderswo auf der Welt, was eine Region kann - aber vor allem, dass diese Region vernetzt ist. Und das sie nicht unterschätzt werden sollte. Dass sie Kunden in der Welt hat, die das Erzgebirge als Partner wollen. Nicht umsonst sind schon fast ein Dutzend Unternehmer in die mittlerweile 54-köpfige Riege der Erzgebirgs-Botschafter von Landrat Frank Vogel aufgenommen worden. Ihre Mission: Immer wieder raus in die Welt - mit dem Erzgebirge als interessante Region in der Tasche.

Zu diesen offiziellen Botschaftern gehört auch Reinhold Wanner. Er ist Chef von pro-beam aus Neukirchen. Auch seine Firma hilft dem A380 auf die Sprünge: Die Frontlagergehäuse der gigantischen Rolls-Royce-Triebwerke werden seit 2009 vollautomatisch mit einer 100 Tonnen schweren, 2,6 Millionen Euro teuren Elektronenstrahlschweißmaschine aus Neukirchen zusammengenäht. Früher wurden die 104 kleinen Schaufeln in der Turbine von Hand ans Gehäuse geschweißt. Dauer: acht Stunden. Mit dem Neukirchner Schweißkoloss sinkt der Zeitaufwand um 50 Prozent.

Herzstück der Schweißmaschine ist eine rund 4 Meter breite, 5 Meter lange und 3,50 Meter hohe Vakuumkammer aus 100 Millimeter dicken Stahlplatten. In ihr befindet sich eine computergesteuerte Schwenkvorrichtung, die das Frontlagergehäuse auf hundertstel Millimeter genau so bewegt, dass die besonders dünnen Schweißnähte an den richtigen Stellen sitzen. Kurz: Präzision aus dem Erzgebirge.

"Wichtig ist, dass wir an solchen Aufträgen wachsen. Es geht auch um einen guten Ruf", sagt Zintl von PTF. "Wir sind immer auf der Suche - egal von woher - nach Mitarbeitern, die mehr erreichen wollen, die sich weiterentwickeln." Mit "wir" meint er natürlich die eigene Firma. Aber auch ein wenig das Erzgebirge.

Diese Zintls, Kühnels oder Wanners zeigen, dass sich das Erzgebirge nicht nur nicht zu verstecken braucht. Sondern richtig abhebt.

 

Quelle: Freie Presse, Ausgabe Annaberger Zeitung, 28.01.2011