Das Geschäft mit der bunten Tüte

Von Montag an werden in Baden-Württemberg 96 000 Erstklässler eingeschult – viele in Begleitung einer Schultüte aus Sachsen.

FREIBURG/LEIPZIG. Der erste Schultag naht nun auch bei den Schlusslichtern unter den Bundesländern: In der kommenden Woche beginnt die Schule in Baden-Württemberg und Bayern. 96 000 ABC-Schützen im Südwesten blicken der Einschulung entgegen. Mit leeren Händen müssen sie diesen Tag selten antreten: Die meisten umarmen eine gut gefüllte Schultüte. Ein Brauch, der aus dem Osten Deutschlands stammt – weshalb dort auch die Hochburg der Schultütenproduktion liegt.

 

Die Hochsaison für Schultüten ist für dieses Jahr vorbei, die meisten der 700 000 Erstklässler in Deutschland drücken bereits die Schulbank. Da kann Klaus Roth entspannt über die Renner der Saison berichten: "Für Mädchen eine Einhorntüte mit viel Glitter und für Jungs Tüten mit Dinosauriermotiv." Roth führt gemeinsam mit seiner Frau Elke die Roth Edition GmbH im sächsischen Örtchen Lichtentanne bei Zwickau. Lang gibt es die kleine Firma noch nicht. Sie wurde 1993 als Verlag gegründet, seit 2004 produziert sie neben Schulheften auch Schultüten. Bis zu 600 000 Stück werde man in diesem Jahr verkauft haben, berichtet Roth – das sei ein Marktanteil von mehr als 30 Prozent. Zwischen 99 Cent für Minitüten und 35 Euro für die – immer noch leere – Luxusvariante liegen die Preise.

 

Die Tradition der Schultüte hat Deutschland vom Osten aus erobert (siehe Infobox). Bis heute ist fast die komplette deutsche Zuckertütenproduktion im Erzgebirge beheimatet. Dort haben drei der vier Hersteller ihren Sitz. "90 Prozent der Produktion stammen von hier", berichtet Roth: "Die Tüten sind ein richtiger Exportschlager im deutschsprachigen Raum." Im kleinen Örtchen Ehrenfriedersdorf in der Nähe von Chemnitz hat die mehr als 100 Jahre alte Traditionsfirma Nestler ihren Sitz, die nach eigenen Angaben im Vorjahr 1,8 Millionen Zuckertüten verkauft hat.

 

Die Zahlen machen es schon deutlich: Es gibt sehr viel mehr Schultüten als Erstklässler. "Auf jedes Kind kommen statistisch gesehen sieben Tüten", rechnet Roth vor. Die Unternehmen profitieren davon, dass Großeltern, Freunde und Nachbarn häufig ebenfalls kleinere Tüten verschenken – auch Mini-Dekotüten fließen in die Verkaufszahl ein.

 

Für die Ostdominanz in Sachen Tüte sieht Roth auch die jüngere deutsche Geschichte als Grund. In der DDR habe der Schulanfang einen höheren Stellenwert in den Familien gehabt. Im Westen sei die Konfirmation oder Firmung groß gefeiert worden, während im Osten der Schulanfang als ideologisch neutrales Ersatzfest groß gefeiert wurde. "Ein Volk lässt sich das Feiern nicht nehmen", meint Klaus Roth.

 

Bis heute haben sich die Traditionen in Ost und West nicht angeglichen. Überhaupt: "Kein anderes Produkt ist territorial so unterschiedlich wie die Schultüte", behauptet Roth. In den neuen Bundesländern tragen Schüler eckige Tüten mit Tüllverschluss, in den alten sind sie rund und haben einen Filzabschluss. Die Wichtigkeit spiegelt sich auch in der Größe wider: "Im Osten sind die Tüten mit 85 Zentimetern in der Regel 15 Zentimeter länger als im Westen", erklärt Roth. Darüber hinaus gibt es auch Nord-Süd-Unterschiede. Im Süden wird lieber selber gebastelt als gekauft. Kaum jemand kaufe so viele graue oder farbige Grundkörper wie die Bayern oder Baden-Württemberger, berichtet Roth. "Die Leute dort sind extrem kreativ."

 

Kreativität ist auch bei der Füllung gefragt. Süßigkeiten dürfen natürlich nicht fehlen, häufig sind auch verspielte Schulutensilien wie witzige Radiergummis in der Tüte. Reinpacken können Eltern theoretisch einiges, eine große Schultüte sollte um die fünf Kilo aushalten, meint Roth. Der Erstklässler sollte es mit seiner Tüte aber schon noch in die Schule schaffen.

 

Während es im Süden für die Schüler demnächst erst losgeht, ist Firmenchef Roth in Gedanken schon beim nächsten Schuljahr. Schließlich beginnt der Großhandelsverkauf für die Kollektion 2012 bereits kommende Woche.

 

INFO: DIE HERKUNFT DER SCHULTÜTE

 

Die Form der Schultüte hat sich dem Schultüten-Produzenten Klaus Roth zufolge aus der früher üblichen Spitztüte entwickelt, in der im Kolonialwarenladen die Süßigkeiten eingepackt wurden. Diese gaben Väter im Erzgebirge ihren Kindern beim ersten Schultag mit. Schultüten sind in Thüringen, Sachsen, Böhmen und Schlesien schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts belegt, wie Carl Cüppers Schulgeschichtsbuch "Tornister, Tafel, Tintenfass" zu entnehmen ist. 1853 gab es sogar ein eigenes Zuckertütenbuch in Dresden. Im Westen Deutschlands haben sich die Tüten recht spät etabliert: 1923 gibt es Cüppers zufolge die ersten Belege aus dem Ruhrgebiet, wohin Bergarbeiter aus Schlesien den Brauch mitgebracht hatten. Außerhalb der deutschsprachigen Länder sind Schultüten nicht üblich.

 

 

Quelle: Badische Zeitung, 08.09.2011