Das Erzgebirge war das Silicon Valley

800 Jahre Bergbau haben das Erzgebirge geprägt. Die montane Evolution hat dabei Werte und Kompetenzen der Menschen geformt, denn Durchhaltevermögen, Erfindergeist und Bodenständigkeit gehören zum Erzgebirge wie der weihnachtliche Lichterglanz– sie sind Teil der Erzgebirgs-DNA. Und in diesen traditionellen Stärken liegt das Leistungsreservoir für die Zukunft der Region.


„Das Erzgebirge war das Silicon Valley Sachsens“ - so war es im Zuge der Ernennung der Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří zum UNESCO-Welterbe vor einem Jahr zu lesen. Nicht nur die Arbeitsleistung der Bergmänner Untertage war enorm, sondern auch, was an Technologie, Infrastruktur, Zulieferhandwerk und Folgeindustrie innerhalb kurzer Zeit entlang des Gebirgskammes entwickelt wurde. Es zeugt von einer außergewöhnlichen Ausdauer und einem Entwicklergeist, der in der Gebirgsregion herrschte und noch heute dominiert.

Innovation aus Tradition | mehr zur Geschichte der Region


In kaum einer anderen Region kommen so viele produzierende Unternehmen aus so vielen Branchen auf so engem Raum zusammen.


Die mittelständischen Unternehmen des Erzgebirges haben in der Tradition dieser Werte heute ein breites Fertigungs-Knowhow in den Folgeindustrien des Bergbaus aufgebaut und finden individuelle Lösungen für Spezialanwendungen. Deren Einsatzbereiche sind meist wenig bekannt, denn die Sichtbarkeit der Produkte ist begrenzt. Das Wirken im Hintergrund, als Zulieferer und Nischenanbieter ist auch der Grund, weshalb das Erzgebirge weniger mit starken Marken nach außen glänzt. Doch ist es gerade die Vielfalt und Heterogenität der Wirtschaftsregion, die sich als krisenresistent erwiesen haben und einen besonderen Vorteil bieten: In kaum einer anderen Region kommen so viele produzierende Unternehmen aus so vielen Branchen auf so engem Raum zusammen.

Branchenvielfalt im Erzgebirge

Das ist ein Grund, weshalb sich im Erzgebirge aktuell gleich drei Innovations-Projekte der Zielsetzung stellen, regionale Anstrengungen in Forschung- und Entwicklung zu kanalisieren, um in der Kooperation sichtbare Erfolge zu erzielen. SmartERZ, recomine und Smart Rail Connectivity Campus sind als Projektvorhaben des WIR!-Programmes nahezu ideal für die Region. Denn die kleingliedrige Wirtschaftsstruktur erhält dadurch Zugang zu Forschungseinrichtungen und kann längerfristig Partnerschaften aufbauen. Schließlich war das Miteinander der vielen Branchen auch schon ein Erfolgsgarant für die Bergbauregion Erzgebirge.

Drei WIR-Bündnisse für das Erzgebirge

 

Das Geheimnis der Region

… sind damals wie heute die Menschen des Erzgebirges: Dr. Michael Urban, Wegbereiter des Welterbeprojektes auf tschechischer Seite, geht noch einen Schritt weiter und bezeichnet das Erzgebirge als das Silicon Valley der ganzen (damaligen) Welt. Erzgebirger mit Bergbauerfahrung und der besten akademischen Ausbildung wurden zu gefragten Experten – deshalb zog die Region Bergleute aus aller Welt an und entsandte sie ebenso international. Heute wie damals kann man sagen, in Freiberg wurden die High Potentials der Branche ausgebildet. Neben den Menschen brauchte die Region – das ist im Silicon Valley nicht anders – Rahmenbedingungen, um diese Leistungen zu ermöglichen. Kurfürsten sorgten mit ihren Entscheidungen u.a. zur Münzordnung und Verleihung von Münzrechten nach Annaberg und Joachimsthal im frühen 16. Jahrhundert, zur Gründung einer Bergbau-Universität 1765/66 oder dem Ausbau von Handelswegen für grundlegende Bedingungen, die die stetige Weiterentwicklung des Montanwesens ermöglichten. Unter den Universalgelehrten und Wissenschaftlern, die maßgeblich die Basis für die heutige Wissenschaft legten, finden sich Namen wie Alexander von Humboldt, Novalis, Adam Ries, Georgius Agricola und Carl von Carlowitz, die alle mit dem Erzgebirge in Verbindung stehen. 

Studieren im Erzgebirge


über 800 Jahre Innovation und Tradition
31 Kommunen in einem grenzüberschreitenden Projekt
Aus dem Bergbau entwickelten sich völlig neue Industriezweige
ein Welterbe für eine Region
22 Bestandteile auf deutscher und tschechischer Seite

Ähnlich verhält es sich mit Wirtschaftsförderung heute. Standortvoraussetzungen sind nicht wegzumachen, sondern können durch cleveres Handeln im Zusammenwirken von Politik, Wissenschaft und Gesellschaft gehoben werden, um mutigen Visionären und Machern Chancen zu ermöglichen. Denn Innovationen erfüllten dabei keinen Selbstzweck, sondern dienten der Optimierung eines Status quo. So wurde die Verbesserung von Wasserhebetechniken mit Feldgestängen und dem Kehrrad in Joachimsthal und Ehrenfriedersdorf im 16. Jhd. entwickelt, um tiefer liegende Erze abbauen zu können. Die von Heinrich Eschenbach entwickelte Kunst des krummen Zapfens war über Jahrhunderte maßgeblich für die Konstruktion von Pumpanlagen. Ähnlich wegweisenden Fragen existieren heute für die Mobilität des 21. Jahrhunderts. Weichenstellungen für den Smart Rail Connectivity Campus können Potentiale zur Weiterentwicklung der Region heben, wenn hier am Standort der Schienenverkehr der Zukunft wesentlich mitentwickelt wird.


Nicht ohne Grund belegt der Erzgebirgskreis im Dynamik-Ranking 2020 des Instituts der Deutschen Wirtschaft Platz 36 (von 401).

Aus Erfahrung gut

Mit neuen Erzaufbereitungstechnologien nahm Sigismund von Maltitz aus Dippldiswalde eine Vorreiterrolle ein, durch die erstmals die Erze in Wert- und Abfallkomponenten getrennt wurden. Eine geringere Staubbelastung war die Folge. Aktuelle Fragen zum schonenden Umgang mit Ressourcen, Nachhaltigkeit und dem Recycling von Altlasten zu Rohstoffquellen sind Themen, dem sich das Projekt recomine stellt. Hier von Beginn an involviert ist u.a. die Nickelhütte Aue. Mit fast 400 Jahren Firmengeschichte und über 400 Mitarbeitern ist die Nickelhütte ein industrielles Schwergewicht im Erzgebirge. Als Blaufarbenwerk beginnt die Historie des Metallurgie- und Hüttenbetriebes. Heute ist das Unternehmen ein Experte, wenn es um Metallrecycling geht. Im Kerngeschäft steht die Wiederverwertung von Lithium-Ionen-Akkus – ein wichtiger Fakt zum ökologischen Umbau der Wirtschaft. Neue Arbeitsfelder ergeben sich immer wieder durch neuartige Technologien und Stoffentwicklungen, die irgendwann wieder ihren Weg in den Kreislauf finden müssen.



Neue Werkstoffe sind das Stichwort. Denn so wie in den letzten Jahrhunderten vom ersten Silberfund ausgehend immer neue Legierungen andere Werkstoffe hervorbrachten, beschäftigen sich die findigen Erzgebirger auch heute mit der Revolution von Materialien, um Dinge mit Funktionen zu versehen. In dem breit angelegten Netzwerk SmartERZ entwickeln sich wertvolle Ansätze zur interdisziplinären Zusammenarbeit, die eine Produktentwicklung von intelligenten Verbundwerkstoffen erst möglich machen. Denn dafür braucht es Expertise in der Elektrotechnik, für Kunststoff, Textilien und Metall, aber genauso Maschinenbauer und Anlagenentwickler, die die Komponenten zusammenbringen. Und genau diese Vielseitigkeit hält das Erzgebirge bereit.

Nicht ohne Grund findet sich der Erzgebirgskreis im Regionalranking 2020 des Instituts der Deutschen Wirtschaft auf Platz 36 im Dynamik-Ranking wieder und ist damit bester Flächenlandkreis Mitteldeutschlands. Eine Dynamik, die vor 800 Jahren ihren Ursprung hatte.