Westen kauft zunehmend Ostalgisches

Im Erzgebirge werden wieder Trabis und Loks gebaut. Allerdings nur als Spielzeug aus Plastik. Doch damit stößt die Firma Reifra eine Tür zur Geschichte auf.

VON THOMAS SCHMIDT

ANNABERG/WOLKENSTEIN - Wer von den Älteren kennt sie nicht, die legendären Taucher für die Badewanne? 2006 tauchten sie wieder auf. Das war der Beginn eines Experiments, das die Unternehmerfamilie Franz startete. Es hat sich bewährt. Nach und nach leben deshalb bei der Reifra GmbH Annaberg und bei Sonja Plastic in Wolkenstein Dinge wieder auf, die in der ehemaligen DDR das Bild in den Kinderzimmern prägten: Bausteine, Kaffeeservice, Autos, Kipper, Loks mit Hänger ... Alles aus Kunststoff, denn darauf sind die Firmen von Jasmin Franz-Klutz und Norman Franz spezialisiert. Die Geschwister führen in fünfter Generation das fort, was 1880 als Gravieranstalt für Pappprägungen in Leipzig von ihren Vorfahren gegründet wurde, 1885 ins Erzgebirge zog, sich seit den 1950er-Jahren den Kunststofferzeugnissen widmet, 1972 enteignet wurde und 1990 mit der Reprivatisierung neu startete.

"Wir wollten ein eigenes Sortiment aufbauen."

 

Norman Franz Geschäftsführer

"Das Spielzeug macht bisher nur einen kleinen Anteil an unserer Produktion aus. Es sind etwa fünf Prozent", sagt Norman Franz. In der Hauptsache produziert die von ihm geleitete Reifra im sogenannten Spitzgussverfahren Teile für Fahrzeuge und technische Geräte - etwa Blenden, Gehäuseteile für Lüftung, Gebläse und Elektroartikel. "Meist befinden sie sich irgendwo versteckt in den Produkten", so der 34-Jährige. Seine Schwester hat sich auf Waren wie Siebe, Becher, Tassen, Reiben und Filter spezialisiert. "Aber wir wollten auch ein eigenes Sortiment aufbauen", fügt er hinzu. Das Pflänzchen DDR-Spielzeug war geboren, aber nicht allein als Ostalgie.

 

"Nach dem Durchhänger, der uns 2009 wie fast alle zum Abspecken zwang, steigt die Nachfrage wieder. Bei Spielwaren zunehmend auch aus dem Westen, das spüren wir im Internetshop", ist der Geschäftsführer froh. Hinzu kam, dass fertige Formen des einstigen Aushängeschilds vom Kombinat Plasticart erworben werden konnten. Dennoch ist es damit nicht getan. "Wir müssen Spielwarennormen einhalten, brauchen Verpackungen, peppen die Farben etwas auf", nennt Franz einige Hürden. Da Plasticart allerdings bereits zu Vorwendezeiten viel für den Export herstellte, sei es etwas einfacher. "Einige dieser Normen gelten heute noch", klärt Franz auf. Deshalb lässt er jetzt in Einstimmung auf Weihnachten die Lok mit dem typischen Bimmeln und zwei Hängern wieder aufleben. 2012 sollen der Großkipper für die Jungs und die Service-Sets für die Mädchen folgen. Doch die Pläne des 32 Mitarbeiter zählenden Unternehmens gehen weiter. "Wenn alles rund läuft, eröffnen wir im Frühjahr in Annaberg einen Werksverkauf. Dort soll es auch wieder Modellbaukästen für Flugzeuge geben. Ein Verkaufs-Lkw schwirrt zudem in meinen Gedanken herum", schaut Franz voraus. Denn von den Vorteilen der Spielzeuge ist er überzeugt: einfach und robust. Unabhängig davon bleibt die Zulieferindustrie auf absehbare Zeit der Haupterwerb.

 

 

Quelle: Freie Presse, Ausgabe Annaberger Zeitung, 21.10.2011