Wertstoff aus dem Flammofen: Wie die Nickelhütte Aue Abfälle veredelt

 / © Wolfgang Schmidt

Etwa achtzig Prozent aller chemischen Elemente sind Metalle. Viele von ihnen haben für die Industrie hohen Wert. Die Nickelhütte Aue gewinnt sie seit 1635 trickreich aus Abfällen und macht sie damit wieder nutzbar.

Aue. Eine dicke Tonne, die aussieht wie ein Heizöltank und sich langsam dreht, mit Zahnkranzgürtel für den Antrieb und einem handtellergroßem Guckloch vornedran. Ulf Windisch schiebt den Schutzdeckel zur Seite und erblickt einen Feuernebel, zuckendes Rotorange, viele hundert Grad. "Alles voller feinem Staub", sagt Abteilungsleiter Windisch, der Deckel schnappt zurück. Manchmal, da sei Reinheit im Feuerrohr. Hängt vom Rohstoff ab.

Was passiert in diesem Drehrohrofen? Verbrauchte Katalysatoren aus der Chemieindustrie werden geschmolzen, geglüht und zu Konzentraten gemacht, die in neue Prozesse eingehen - das Beispiel eines Stoffkreislaufs, wie es sie bei der Nickelhütte Aue GmbH im Dutzend zu besichtigen gäbe. "Wir haben schon Recycling gemacht, da war das Wort noch nicht erfunden", sagt Volker Carluß, 68 Jahre, seit 1975 im Betrieb und noch knapp zwei Wochen einer von zwei Geschäftsführern. Natürlich sagt jemand wie Carluß nicht einfach Lebewohl und schlägt die Tür hinter sich zu. Er zeigt Visitenkarten als Geschäftsführer a. D. ("außer Dienst"); darauf steht künftig: "Freier Mitarbeiter".

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"Sehr oft probieren wir neue Sachen aus und gehen ins Risiko", erläutert Volker Carluß. "Die Auer Nickelhütte ist im Weltmaßstab sehr klein, sodass wir nirgendwo eine marktbeherrschende Stellung haben. Unser Ziel ist es, Nischen zu besetzen.Immer wieder bauen wir Pilotanlagen, von denen wir hoffen, dass etwas daraus wird, was uns für einige Jahre oder auch ein Jahrzehnt weiterträgt."

Mit diesem Vorgehen - und einem schwunghaften Metallhandel - hat die Gesellschaft ihr Personal auf 450 Mitarbeiter (Tendenz: wachsend) und den Jahresumsatz auf rund 200 Millionen Euro erhöhen können.

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Als Fabrik einer erzgebirgischen Kleinstadt, die schon bessere Tage gesehen hat, was die Industriearbeitsplätze angeht, lässt sich die Nickelhütte nicht lumpen: Sie betreibt eine Eis- und eine Bowlingbahn, ein Kino und ist Hauptsponsor des FC Erzgebirge und des Handballvereins EHV. 200 Kinder trainieren in der Sportgemeinschaft SG Nickelhütte. "Wir wollen ja auch unseren Beschäftigten etwas bieten", sagt Volker Carluß. "Viele sind in rollender Woche tätig, Normalschicht ist bei uns die Ausnahme, kein leichtes Brot." Die versierten Metallurgen, auf die ein Spezialbetrieb wie die Nickelhütte angewiesen ist, kommen meist von der Bergakademie, wie Carluß selbst. "Es gibt hier spannende Aufgaben", so der scheidende Chef. Und Nachwuchssorgen - die hätten sie hier eher nicht.

 

Quelle: Freie Presse vom 18.06.2019, Ronny Schilder