Montanregion: Gegenwind aus Freiberg

Das vom Bergbau geprägte Erzgebirge will es 2014 auf die Liste der Unesco- Welterbestätten schaffen. Doch Hürden zeichnen sich jetzt auch im Erzgebirge selbst ab.

VON GABI THIEME

ANNABERG-BUCHHOLZ - Die Initiatoren für das geplante Welterbeprojekt "Montanregion Erzgebirge" sehen sich langsam auf der Zielgeraden. Doch die nach wie vor verhalten agierende sächsische Staatsregierung hat Bedingungen gestellt. Dazu gehören sogenannte Kritikerkonferenzen. Die erste zu denkmalpflegerischen Aspekten fand im Oktober statt. Experten bescheinigten dem Vorhaben dort einstimmig seine "Welterbefähigkeit".

Am Dienstag, zur zweiten Kritikerkonferenz in Annaberg-Buchholz, ging es nun um die Frage, ob der Welterbestatus möglicherweise die wirtschaftliche Entwicklung des Erzgebirges behindert - auch unter dem Aspekt vielleicht neu auflebender Bergbauaktivitäten. Vertreter von Behörden, Kammern, Verbänden, Vereinen und Unternehmen nutzten den mehrstündigen Schlag- ab- und Bedenkenaustausch. Dabei gab es unerwartet Gegenwind.

Freibergs Oberbürgermeister Bernd-Erwin Schramm (parteilos) sieht vor allem in seiner Stadt noch erheblichen Klärungsbedarf. Dabei ging von ihr, etwa zeitgleich mit Schneeberg, eigentlich der Impuls für das Welterbeprojekt aus. "Ich kann hier nicht in den allgemeinen Lobgesang einstimmen", sagte Schramm. Die Studie der Projektgruppe mit einer Bewertung der sieben in Freiberg infrage kommenden Bergbaustätten und -denkmale liege der Stadt vor. Man könne ihr so nicht zustimmen. Deshalb habe die Stadt einen 16 Seiten umfassenden Kommentar zum Vorhaben erarbeitet. Doch nichts davon sei bisher diskutiert oder gar in der Studie berücksichtigt worden.

Bergakademie stellt sich quer

Ursprünglich habe der Stadtrat im September seine Zustimmung geben wollen. "Dann haben wir das auf Dezember verschoben. Wie es jetzt aussieht, werden wir das nicht vor März zum Thema machen können", schimpfte Schramm. Zugleich betonte er, dass die Bergstadt voll hinter der Bewerbung steht, "allerdings müssen strittige Dinge vorher restlos geklärt sein". Knackpunkt in Freiberg ist weniger die geplante Ortsumgehungsstraße, die sich durch eine historische Haldenlandschaft ziehen würde. Vielmehr geht es um das Lehr- und Forschungsbergwerk der TU Bergakademie, die "Reiche Zeche". Die Hochschulleitung hat erhebliche Bedenken, dass der Welterbestatus für das Bergbaudenkmal zum Hindernis für die Entwicklung des dortigen Wissenschaftsstandortes werden könnte.

 

Bisher habe die Hochschulleitung Gespräche dazu verweigert, musste Projektkoordinator Helmuth Albrecht einräumen. Das Pikante: Der Gegenwind bläst ihm aus seinem eigenen Hause entgegen. Denn Albrecht ist seit 1997 Lehrstuhlinhaber für Technikgeschichte und Industriearchäologie an der TU Bergakademie. "Schlimmstenfalls müssen wir die Bergbaulandschaft Himmelfahrtfundgrube aus der Objektliste streichen", sagte der Wissenschaftler, der seit zehn Jahren für das in Sachsen erstmals praktizierte Auswahlverfahren den Hut aufhat.

Bergbau dennoch denkbar

Der Landrat von Mittelsachsen, Volker Uhlig (CDU), ergänzte: "So ein Einzelfall darf das Projekt nicht gefährden. Umgekehrt wäre das Vorhaben ohne die Bergstadt Freiberg nur ein Torso und damit zum Scheitern verurteilt." Uhlig erinnerte daran, das die Region noch nie so geschlossen und noch nie so weit war, wie jetzt. "Noch nie hatten wir eine so hohe Akzeptanz unter der Bevölkerung. Aber das Beispiel Freiberg zeigt auch, dass wir noch erheblichen Klärungsbedarf haben." Den sieht auch der CDU-Landtagsabgeordnete Thomas Colditz: "Denken wir mal 50 Jahre weiter. Was passiert, wenn eine Kommune gegen die Unesco-Auflagen verstößt?" Das hänge stark vom Objekt ab. Mit dem Titel gehe eine Region die Verpflichtung ein, Kulturstätten dauerhaft für Generationen zu erhalten, erläuterte Albrecht. "Würde eine Stadt wie Marienberg, die zugestimmt hat, die ganze historische Altstadt auf die Objektliste zu setzen, plötzlich gegen die selbst auferlegten Verpflichtungen agieren, gibt das Probleme." Bei inzwischen weit über 900 Welterbestätten habe es bisher nur einmal eine Streichung gegeben - im Fall Dresden. Stralsund, wo ebenfalls die Altstadt den Unesco-Titel trägt, habe gezeigt, das man trotzdem mitten rein ein modernes Ozeaneum bauen kann. "Man muss aber mit der Unesco darüber sprechen", so Albrecht.

 

Jens Kugler von der TU Bergakademie betonte, dass angesichts des gesteigerten Interesses an Rohstoffvorkommen im Erzgebirge bei der Auswahl von Objekten für das Welterbevorhaben einige Bergbaudenkmale bewusst außen vor gelassen wurden, um neue Bergbautätigkeiten nicht zu behindern. Dazu gehören unter anderem der Türk-Schacht in Zschorlau, die Pinge in Geyer und ein historischer Stollen in Schwarzenberg. "Hier hätte es Interessenkonflikte geben können."

 

Quelle: Freie Presse, Ausgabe Annaberger Zeitung, 17.11.2011