Jürgen Huss - mit dem Markenzeichen echt Erzgebirge

In der Advents- und Weihnachtszeit verbreitet sich nicht nur im Erzgebirge und Sachsen der angenehme Duft von "Weihrichkarzle" aus dem Hause Huss - ein Duft, der in unserer Region eng mit den Traditionen des Weihnachtsfestes verbunden ist. Die heutigen "Weihrichkarzle" basieren auf den Rezepturen, die Kurt Huss vor mehr als 80 Jahren entwickelte. "Mein Großvater war experimentierfreudig", erinnert sich Jürgen Huss. "Es ist überliefert, dass er um 1928/29 seine ersten Räucherkerzen produzierte." Großvaters Experimente, die nicht selten eine große Belastung für die Familie darstellten, wenn er wieder mal den heimischen Herd blockierte, waren keine Spielerei, sondern hatten einen ernsten Hintergrund. Die Zeiten waren hart und als Maurer war Kurt Huss im Herbst und

Winter ohne Arbeit. Er suchte einen Nebenerwerb, um die vielen Mäuler zu stopfen und im Winter eine warme Stube zu haben. So kam er auf die Idee, "Weihrichkarzle" zu produzieren. Das funktionierte so gut, dass sich aller Jahre wieder in der ungemütlichen Jahreszeit die heimischen Küche in eine Räucherkerzenwerkstatt verwandelte.

Nach dem Krieg arbeitete Kurt Huss einige Jahre bei der Wismut und wurde schließlich aus gesundheitlichen Gründen Frührentner. Nun die Hände in den Schoß legen - das konnte er nicht, gründete eine Firma und produzierte seine beliebten "Weihrichkarzle". "Als kleiner Bub durfte ich Großvater bei der Herstellung der "Weihrichkarzl" helfen. Das hat unheimlich viel Spaß gemacht und ich war stolz, ihm helfen zu dürfen", berichtet Jürgen Huss.

Als Kurt Huss 1970 verstarb, wurde es für seinen Sohn Siegfried sehr schwierig, weiterhin die "Weihrichkarzle" zu produzieren, da das Gewerbe abgemeldet werden musste. Das änderte sich erst mit der politischen Wende 1989. Im Frühjahr 1990 wurde sofort ein Gewerbeschein beantragt, der zu DDR-Zeiten immer wieder abgelehnt wurde. Im Juni lag der Gewerbeschein vor. Zunächst arbeitete Jürgen Huss gemeinsam mit seinem Vater Siegfried. Gleichzeitig nutzte er die Zeit, um seinen Handwerksmeister und Industriemeister zu machen.

Von "Weihrichkarzl" zum Maschinenbau

Um die "Weihrichkarzl-Produktion modern und effektiv aufzubauen, entwarf Jürgen Huss

verschiedenen Produktionshilfsmittel, die er auch selbst baute. Daraus entstand 1993 die Idee, sich ein zweites Standbein mit einem Maschinenbauunternehmen zu schaffen. Im Laufe der Jahre wurden die verschiedensten Produkte hergestellt von Kinderschaufeln über Metallgeländer, Autoteile bis hin zu hochwertigen Rohren, die bei Schornsteinsanierungen zum Einsatz kamen.

1996 erwarb Jürgen Huss alte LPG-Immobilien und baute die einstigen Ställe zu einem modernen Firmenstandort aus. Die meisten Bauarbeiten realisierte er mit den eigenen Mitarbeitern. 1999 wurden die neuen Räume bezogen. "Auf einmal hatten wir viel Platz und ich dachte, den füllst du nie", erinnert sich Jürgen Huss. Doch mit dieser Einschätzung lag er falsch, denn ein Jahr später musste sogar angebaut werden.

Echt Erzgebirge

Auch wenn sich der Schwerpunkt seiner Tätigkeit immer mehr in Richtung Maschinenbau verschob, vernachlässige Jürgen Huss nicht seine geliebten "Weihrichkarzle". Ganz im Gegenteil! Auf der Suche, diesen Bereich auszubauen, entwickelte der rastlose Erzgebirgler eine Kollektion von Räucherkerzenöfen, Räucherkerzenpyramiden, "Weihrichkarzlmänner" und vieles mehr, die inzwischen viele Liebhaber gefunden haben.

Schauwerkstatt

Die ersten Gedanken zur Schauwerkstatt kamen Jürgen Huss bei einem Familientreffen, auf dem die Kinder selbst "Weihrichkarzl" herstellen konnten und er sah, wie viel Spaß ihnen das machte. Auch kamen immer mehr Leute auf ihn zu, die sich für dieses Produkt interessierten. Das nahm im Laufe der Jahre immer größere Ausmaße an. In der Weihnachtszeit rollten zahlreiche Busse voll mit Leuten an, die einen Streifzug durch die Räucherkerzengeschichte unternehmen wollten. Dieser große Andrang brachte Jürgen Huss in Zugzwang. Einerseits freute er sich natürlich über das gezeigte Interesse,

anderseits war der Ansturm kaum noch zu bewältigen. Daher baute er eine Schauwerkstatt auf, die 2007 eingeweiht wurde und seit dem bei den Touristen nicht nur in der Weihnachtszeit gern besucht wird.

Wichtiger Arbeitgeber

Aus der einstigen Fertigung in der heimischen Küche entstanden in wenigen Jahren eine moderne "Weihrichkarzl-Produktion, ein moderner Maschinenbaubetrieb, der Kleinserien, gehobene Lohnfertigung, Komponentenfertigung, Schweißarbeiten usw. realisiert, eine Kunstgewerbefertigung mit dem Markenzeichen "Echt Erzgebirge" sowie eine Schauwerkstatt, die in Neudorf zu einer Touristenattraktion wurde.

 

 

Quelle: Freie Presse, Ausgabe Annaberger Zeitung, 01.10.2010