Generationswechsel der Gründerväter

Die Unternehmer der Gründerwelle nach der Wende stehen vor einem Generationswechsel. Vielen fällt das Loslassen jedoch schwer. Bernd Hentschel indes ist froh, dass er den Staffelstab seiner Enkelin übergeben kann.

VON NICOLE JÄHN

CHEMNITZ - Für 4500 mittelständische Betriebe müssen nach Angaben des

Wirtschaftsministeriums bis 2014 neue Eigner gefunden werden. Betroffen sind

Unternehmer der ersten Stunde, die ab 1990 den Schritt in die Selbstständigkeit wagten.

"Es ist für viele ein sensibles Thema."

Axel Schubert Projektmanager beim bsw

Einer von ihnen ist Bernd Hentschel, Geschäftsführer und einer der beiden Gesellschafter

der Henka Werkzeuge und Werkzeugmaschinen GmbH im erzgebirgischen Rittersgrün. Für ihn war es eine schwierige Zeit, als er vor fünf Jahren über den Verkauf seiner Firmenanteile nachdenken musste. Schließlich hatte er das Unternehmen, das Präzisionswerkzeuge und Werkzeugmaschinen fertigt, vor 20 Jahren gegründet und stetig aufgebaut, fühlt sich für 32 Mitarbeiter verantwortlich. "Irgendwann kommt die Frage, wie es weitergehen soll", erzählt er.

Im Februar feiert Hentschel seinen 66. Geburtstag. Für ihn kein Alter für Müdigkeit -

zuletzt zog er einen Großauftrag in El Salvador an Land - aber ein Alter, um ins

Nachdenken zu geraten. "Ich möchte, dass die Geschäfte in meinem Sinne weitergeführt

werden", sagt Hentschel. Umso mehr freute es ihn, als seine Enkeltochter nach dem Abitur bekannt gab, in seine Fußstapfen treten zu wollen - in letzter Minute vor dem Verkauf. "Mein Opa war für mich immer ein Vorbild", sagt Franziska Rieseler. "Mir gefällt besonders die Art, wie er mit seinen Mitarbeitern umgeht: bestimmt, aber immer freundlich." Da sie sich ohnehin stets für Technik begeistert hatte, fiel ihr der Schritt nicht schwer. Über die Tragweite der Entscheidung war sie sich damals noch nicht bewusst, sagt sie heute. "Aber ich bereue es nicht."

Der Firmen-Nachwuchs aus der eigenen Familie ist längst keine Selbstverständlichkeit

mehr - Eine Übergabe gestaltet sich zunehmend schwierig. Das Bildungswerk der

sächsischen Wirtschaft (bsw) in Chemnitz will daher Hilfestellung geben und hat erst

diesen Monat ein Projekt zum Thema Unternehmensnachfolge abgeschlossen. Dabei

konnten etwa 200 potenzielle Kandidaten für mögliche Übernahmen gefunden werden, die in der Mehrzahl aus dem Großraum Chemnitz stammen, erklärt Projektmanager Axel Schubert. 45 Unternehmen signalisierten Interesse, bei 20 stehen die Chancen gut, in nächster Zeit eine Lösung zu finden.

Doch Aufgeschlossenheit sei nicht die Regel. Kaum ein Unternehmer wolle offen über

einen anstehenden Wechsel sprechen. "Es ist für viele ein sensibles Thema", sagt

Schubert. Gerade in kleinen Betrieben, wo die Bindung zu Mitarbeitern und Unternehmen

eng ist. "Es ist menschlich, dass das Loslassen schwer fällt, wenn der Inhaber gleichzeitig der Firmengründer ist", sagt Schubert. "Die Entscheidung ist mit dem Eingeständnis verbunden, dass ein Lebensabschnitt zu Ende geht." Das Projekt habe auch gezeigt, dass nicht allen Betrieben eine Nachfolge gelingen wird. "In dieser Phase trennt sich die Spreu vom Weizen", meint Schubert. Vielen sei das Problem zwar bewusst, doch mangels Zeit im täglichen Geschäft schieben sie die Frage der Übergabe auf die lange Bank.

Bei Henka im Erzgebirge wurde vorgesorgt. Franziska Rieseler ist nun potenzielle

Unternehmensnachfolgerin. Im Oktober bekam die 22-Jährige ihr Diplom verliehen. An der Berufsakademie in Bautzen hatte sie drei Jahre Wirtschaftsingenieurwesen mit Fachrichtung Maschinenbau studiert. Praxisphasen absolvierte sie bei Henka. Derzeit arbeitet die junge Frau bei einem Ingenieurdienstleister mit Standorten und Kunden in ganz Deutschland. Rieseler ist im Vertrieb tätig und im Moment bei Firmen in Leipzig und Dresden im Einsatz. Etwa fünf Jahre gibt sie sich, bis sie zu Henka zurückkehren will. "Ich muss mich erst einmal austoben, Erfahrungen sammeln, auch einmal auf die Nase fallen", meint sie. In der Männerdomäne wird es ihr als Frau nicht leicht gemacht. "Aber das haben schon ganz andere gemeistert." Ihr Großvater weiß, dass sie nicht zimperlich ist und sich durchsetzen kann: "Ich habe durch diese Aussicht noch einmal einen richtigen Motivationsschub bekommen."

 

 

Quelle: Freie Presse, Ausgabe Annaberger Zeitung, 27.12.2010