Der Mann aus Wunderland

Die Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin widmet Carlfriedrich Claus eine Ausstellung. Sie zeigt das umfassende Werk des kauzigen Einzelgängers aus Annaberg.

Berlin. Sie sitzen auf den Stühlen vor dem Hotel Adlon, schlürfen mit blinzelndem Blick in die Sonne ihren Kaffee, schauen den Pferdekutschen mit den Touristen auf dem Boulevard Unter den Linden hinterher, und wissen nichts von dem Grunzen und Gurgeln und Ächzen ganz in ihrer Nähe. Ein paar Schritte entfernt von dem Hotel-Café steht ein Glaspalast, die Akademie der Künste. Dort drin sieht man ihn, wie er zeichnet, mit beiden Händen gleichzeitig, kleine, unleserliche Kritzellinien. Er zeichnet angestrengt, ganz still. Carlfriedrich Claus, der Annaberger, der vielen in seiner Heimat als ein bisschen wunderlich galt, der abertausende Briefe mit Künstlern und Philosophen wechselte, der zeichnete, malte, Klänge aufnahm, der zur Karl-Marx-Städter Künstlergruppe Clara Mosch gehörte, der für viele ein Geheimtipp war, für noch viel mehr unverständlich blieb und der 1998 starb. Ihm widmet die Akademie der Künste in Berlin eine Ausstellung.

Fast alle Zeichnungen, Grafiken, Briefe und Tagebücher, die in den Ausstellungsräumen den Claus-Kosmos ausbreiten, stammen aus dem Carlfriedrich-Claus-Archiv der Kunstsammlungen Chemnitz. Vor Monaten kam Matthias Flügge, Ausstellungsmacher und Mitglied der Akademie, in das Chemnitzer Museum, um nach den rechten Dingen für das Vorhaben zu suchen. Eine solche Ausstellung zu Claus sei längst fällig, sagte er. 1991 war Claus in die Akademie aufgenommen worden; ihr heutiger Präsident, Klaus Staeck, kannte Claus gut.

"Es ist eine putzige Mischung aus Poesie und Kopf."

Uwe Freund Ausstellungsbesucher

Da zeichnet er also still und konzentriert - in einer Filmaufnahme, die auf einer großen Leinwand mitten im ersten Ausstellungsraum aufgestellt ist. Links und rechts an den Wänden stehen Bänke mit Kopfhörern. Links hört man in ein Interview mit Carlfriedrich Claus hinein. Der scheue Claus gibt Einblick in seine Gedankenwelt. Es klingt wie philosophisches Fach-Chinesisch. Keine Frage, es ist Deutsch, aber mal eben in zwei Sätzen zusammenfassen, über was er da spricht - zu kompliziert. Abgehoben klingt er aber auch nicht, eher gemütlich - sein Fach-Chinesisch ist erzgebirgisch gefärbt, seine Herkunft hörbar. Und während man versucht, sich da hinein zu hören, scheppert hier im ersten Raum noch die Alltagswelt an die Ohren. Von irgendwoher klappern Teller und Tassen, jemand lacht. Setzt man die Kopfhörer von gegenüber auf, klopft, knattert und stöhnt es. Lautexperimente von Claus. Manchmal klingt das so, als habe einer einen Lautsprecher im erzgebirgischen Wald aufgestellt, wo ein Bach gurgelt, Blätter rascheln, ein Hirsch röhrt. Draußen klappern immer noch Teller.

Im zweiten Raum eine Überraschung: Schwarz-Weiß-Fotografien, die man mit Claus heute gar nicht in Verbindung bringt. Aus den frühen 1950er-Jahren stammen sie, zum ersten Mal werden sie jetzt in der Akademie ausgestellt. Sie zeigen erzgebirgisches Waldesgestrüpp, einen See, Flussläufe, Spiegelungen. Claus hat die Fotos teilweise gedreht, für neue Perspektiven, um nicht mehr das Gestrüpp zu sehen, sondern neue Linien und Muster. Bilder auf den Kopf stellen, das haben andere später auch gemacht und sind damit berühmt geworden. Bei Claus weiß es kaum einer. Und dann sind da noch diese Damen. Er hat "ihm nahe stehende Frauen", wie es auf einer Tafel heißt, fotografiert. Im Licht, im Gegenlicht, mit Schatten an den Wänden; die Frauen rauchen, lachen, posieren, als ginge es um die Top-Model-Auswahl bei Heidi Klum. Und das bei Carlfriedrich Claus, dem kauzigen Einzelgänger.

"Wissen Sie, was ich mich gefragt habe", sagt Uwe Freund, ein Ausstellungsbesucher. "Ob der Familie gehabt hat?" Fragt man Brigitta Milde vom Carlfriedrich-Claus-Archiv in Chemnitz, verrät sie nur, dass es für eine Partnerin vermutlich schwierig gewesen wäre, an der Seite dieses Mannes durchzuhalten. Der gerne nachts gearbeitet hat. Sich verstrickt hat in seine Gedanken. Sich eingebuddelt hat in seinem Annaberger Zimmerchen zwischen Bücherstapel im Zigarettendunst. "Also keine Familie", wiederholt Besucher Uwe Freund und nickt so, als habe er sich das schon gedacht. Er kommt gerade aus Ausstellungsraum drei, dort, wo die Zeichnungen ausgestellt sind, die heute zu Claus' Hauptwerk zählen. "Es ist", fasst Uwe Freund für sich zusammen, "eine putzige Mischung aus Poesie und Kopf."

In diesem Raum hängt ein Bild am anderen, sind sie an Zwischenwänden ausgestellt. Ein Labyrinth, ein Geflecht aus Kritzellinien, die sich an manchen Stellen ballen, dann auseinanderträufeln, hin und wieder in geometrische Figuren übergehen. In vielen Zeichnungen bezieht sich Claus auf die Naturwissenschaft, auf Philosophie, gesellschaftliche Ereignisse. Ein Zyklus mit mehreren Blättern heißt "Geschichtsphilosophisches Kombinat", einzelne Blätter unterschreibt Claus zum Beispiel mit "Funktion revolutionären Kampfes" oder "Fernwirkungen des Russischen Oktober". Claus galt als Kommunist, aber als einer, der die Funktionäre irritierte, weil er den Kommunismus kritisierte. Er versuchte, philosophische Theorien zu durchdenken, sie mit seinem Geist durchzukneten, sie zu untersuchen, wo und wie sie ein tatsächliches Miteinander zwischen Menschen und zwischen Mensch und Natur versprechen.

Diese Gedankenwelt, so scheint es, hat er versucht, auf Papier zu bringen. Nicht mit Schrift, sondern mit diesen Kritzellinien und abstrakten Formen. Er hat herkömmliche Schreibweisen mit Spiegelschrift, linkshändig Verfasstem und hebräischen Buchstaben vermischt und oft beidseitig auf Transparentpapiere gezeichnet, die er teils noch übereinanderlegte. Damit schuf er räumliche Wirkungen. Und so, heißt es bei den Ausstellungsmachern, setze er die Dimensionen der menschlichen Sprach- und Denkprozesse in ein Bild um. Er versinnbildlicht also die Arbeit im Kopf.

Natalie Kesik steht vor den Kritzellinien. Noch nie habe sie etwas von Claus gehört, sei aber neugierig geworden durch eine Ankündigung der Ausstellung im Stadtmagazin. "Mein erster Eindruck von Carlfriedrich Claus ist sehr sympathisch", urteilt die Restauratorin. "Sehe ich seine Bilder, bekomme ich Lust zum Zeichnen." Auch wenn es eine Herausforderung für den Betrachter sei, in den Bildern die gesellschaftspolitischen Fragen zu verstehen.

Auf einigen der Bilder sind statt der Kritzellinien großzügig geschwungene Linien zu sehen, manche wirken wie japanische Schriftzeichen. Claus hat es "Automatisches Tagebuch" genannt. Auch hier geht es darum, das Innere nach Außen zu holen, innere Vorgänge auf Lineares zu übertragen, wie es auf einer Tafel heißt. Und dass er diese Zeichnungen Ende der 1950er-Jahre in den Bedienpausen im elterlichen Geschäft für Papierwaren und Kunst gefertigt habe. "Das ist ja eine herrliche Geschichte, in den Bedienpausen im Annaberger Geschäft!", sagt Ursula Wagener und lacht. Sie steht, bepackt mit Einkaufstüten, vor den Bildern. "Ich finde Carlfriedrich Claus umwerfend." Ursula Wagener wurde in Chemnitz geboren, wuchs im Erzgebirge auf und habe natürlich von Claus gewusst. Später studierte sie in Berlin Kunst und blieb. "Man kommt zwar nicht so schnell hinter seine Philosophie, aber seine Zeichnungen haben eine wunderbare Ästhetik." Und in ihr selbst, fügt sie beim Weitergehen an, sei immer noch irgendwie dieses Erzgebirge drin. Immer wieder reise sie dorthin.

"Er muss ein sehr wacher Mensch gewesen sein. Eine Art Katalysator."

Petra Glaw Ausstellungsbesucherin

Pferdegetrappel, Tellergeklapper, Gelächter von draußen - hier mitten im Claus-Kosmos hört man davon nichts mehr. Dafür kommen aus der Richtung, in die man geht, neue Geräusche. Drohender als Tellergeklapper. Sie werden lauter im vorletzten Saal, wo der "Aurora-Zyklus" ausgestellt ist, Radierungen aus den 1970er-Jahren. Auch hier gibt es diese Schreib- und Kritzelspuren, hat Claus Liniennetze übereinandergelegt. Den Radierungen hat er Textfragmente zugeordnet, zum Beispiel von Bloch, Marx und Goethe. Blatt 1 des Aurora-Zyklus hat er unterzeichnet mit "Aurora-Signal des Russischen Oktober: Vor-Signal und realer Beginn universaler Veränderung". Andere Blätter tragen als Titel "Neue Beziehungen zwischen Frau und Mann" oder "Frage nach Naturbeziehung, nicht Ausbeutung der Natur, sondern Solidarität mit Natur". Plötzlich durchschreitet eine kleine Frau schnellen Schrittes den Raum und hält sich die Ohren zu. Sie kommt aus dem letzten Raum.

Gleißendes Licht, weiße, leere Wände. Lediglich ein paar Lautsprecher und Bewegungsmelder sind installiert. Es röhrt, ächzt, grunzt, gurgelt, kracht, stöhnt. Auf einer Tafel ist erklärt, dass, je nachdem in welche Richtung und wie schnell man den Raum durchläuft, sich mithilfe der Bewegungsmelder das Lautgeschehen ändert, die Besucher also unterschiedliches zu hören bekommen. Weil Claus ein Kunstwerk nicht als abgeschlossen ansehe, sondern den Betrachter zum Mitvollzug auffordere. Aber es ist so laut! Doch der innere Stress lässt mit der eigenen Bewegung nach. Links herum, rechts herum, diagonal, schnell und schlendernd. Vor das innere Auge drängt sich ein Wald. Er ist dunkel, tiefer als im Erzgebirge, nicht von dieser Welt. Es ist mystisches Wunderland, da wird gekämpft, getrauert, frohlockt - allein mit Lauten, wie seit Beginn der Zeit.

Die Frau, die sich die Ohren zugehalten hat, ist schnurstracks bis zum ersten Raum zurück gelaufen. "Die Geräusche", sagt Petra Glaw, "sind mir in den Bauch gefahren. Die haben mir Angst gemacht." Von diesem Claus wisse sie nichts, sie sei einer Freundin zuliebe mit in die Ausstellung gegangen. Seine Zeichnungen, Grafiken aber seien "sehr intensiv, mit viel Energie, und da meine ich keine Aggression, sondern Kraft", sagt sie. "Er muss ein sehr wacher Mensch gewesen sein, der die Dinge außen aufgenommen, in seinem Inneren gefiltert, und dann wieder herausgebracht hat. Eine Art Katalysator."

Hier vorn sind nunmehr die Geräusche aus Mystik-Wunderland nicht mehr zu hören. Der Claus-Kosmos liegt einem im Rücken, ein bisschen quer im Kopf, aber auch mit einem Lächeln auf den Lippen. Wer ist heutzutage schon im Wunderland unterwegs? Die Tür geht auf, die Sonne scheint, Teller klappern, Pferdekutschen fahren Touristen zum Brandenburger Tor.

 

 

Quelle: Freie Presse, 20.04.2011